Keine Berta, aber ein Bambi unter 140 Kühen

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Auch Kühe mögen es sehr, wenn sie massiert werden.

Nachrodt-Wiblingwerde - Es gibt alberne Kühe, die gern den Gummistopfen vom Wassertrog rausziehen. Andere lieben es, wenn die Bürsten um den Allerwertesten hin- und her schwenken. Das gelassene Vieh dagegen marschiert durch den Stall und hat mit nichts an der Mütze. Bei 140 Kühen gibt es eine Menge zu erleben und zu schauen – und vor allem auch der Frage nachzugehen: Gibt es ein Glück im Stall? Absolut.

Im Rahmen der Sommerserie „Zu Besuch bei“ entdeckte das AK auf dem Hof von Martin Hohage so einige Überraschungen und mindestens ein futuristisches „Gerät“. 140 Kühe und weiblicher Nachwuchs – 100 Jungvieh – leben auf dem Hof von Martin Hohage und seiner Familie – zudem sechs Katzen, zwei Hunde und drei Schafe als Rasenmäher.

Sohn Mike ist jetzt auch frischgebackener Landwirt – die Begeisterung wird ganz augenscheinlich von Generation zu Generation vererbt. „Kein Tag ist wieder der andere“, freut sich der 20-Jährige. Doch sein Papa sieht die Entwicklung in der Landwirtschaft kritisch: „Ich kann es den jungen Leuten nicht verdenken, wenn sie sich den Stress und die finanziellen Belastungen nicht mehr antun wollen.“ Wenn man heute investiere und beispielsweise einen Kuhplatz baue, sei man schnell mit Melktechnik bei 12000 Euro. Für eine Kuh. „Wenn ich für 150 Kühe baue, bin ich bei knapp zwei Millionen. Da kriegen viele verständlicherweise kalte Füße.“

Mike Hohage ist frischgebackener Landwirt. Die Abschlussprüfung war in dieser Woche.

 Die bekommen seine Kühe natürlich nicht. Geradezu gelassen geht es im Stall zu. Draußen 30 Grad, drinnen angenehme Kühle. Die Kühe mögen Hitze ohnehin gar nicht.

 Die Milchpreise liegen aktuell unter 30 Cent pro Liter. Die Prognosen versprechen bis zum Herbst 35 Cent. Und das muss es für die Bauern mindestens sein. Die Milch wird alle zwei Tage von der Molkerei Hochwald abgeholt und in der Nähe von Köln weiterverarbeitet. Am Hof selbst wird keine Milch verkauft. Eine „Milch-Zapf-Station“ – zum Beispiel beim Edeka in Nachrodt – würde bestimmt gut ankommen. „Ich müsste dann aber auch jeden Tag dahin, befüllen und sauber machen“, sagt Martin Hohage.

Die Welt rund um den Kuhstall ist übrigens eine Spannende. Tierhaltung ist zwar bei der Bevölkerung immer in aller Munde, aber kaum einer kommt wirklich vorbei am Hohenhagen. Dass Kühe nur glücklich auf der Weide sind, glaubt Martin Hohage nicht. „Bei uns kommen nur die Kühe raus, die sechs oder acht Wochen vorm Kalben sind“, erzählt der Landwirt. Mutterschutz sozusagen. „Wenn ich 140 Kühe auf die Weide lasse, dann reicht nicht mehr die Fläche vor dem Stall. Dann muss ich anfangen zu treiben, durch den Ort, Straßen sperren, Zäune bauen. Ein Haufen Arbeit, ein Haufen Ärger.“

 Fürs Wohlbefinden gibt es jetzt die neuen Ställe mit Kuh-Komfort inklusive Massagebürsten und Lichtprogramm. Langsam und gemütlich fährt der Futterschieber durch den Stall und sorgt für entsprechenden Nachschub. Ein Spaltenroboter mutet ebenso ein bisschen „spacig“ an – er sorgt im Schneckentempo dafür, dass die Spalten im Stall sauber und trocken sind.

Martin Hohage mit dem Milchpulver für den „Kindergarten“: Mit einem Sender werden die Kälber erfasst, die zur Getränkestation gehen. Genau aufgelistet ist für jedes Tier die Menge, die es bekommen soll und abgeholt hat.

„Die Weide fehlt nicht. Die Haltungsbedingungen sind auf die Tiere abgestimmt“, sagt Martin Hohage. Die Tiere können sich frei bewegen. Und tatsächlich ist die Atmosphäre im Stall geradezu tiefenentspannt. Das Ansetzen im Melkstand wird übrigens noch per Hand gemacht – gemolken werden immer 20 Kühe auf einmal. Eineinhalb Stunden dauert das Melken – morgens und abends. Dabei steht ein Sprichwort im Vordergrund: „Man melkt eine Kuh durch den Hals.“ Soll heißen: je besser das Futter, je besser die Milch.

Nach einer künstliche Besamung (es gibt Bullenkataloge, in denen man gezielt nach Aussehen und Eigenschaften den passenden Partner für jede Kuh aussuchen kann) trägt die Kuh 279 Tage ihr Kalb aus. Wenn das Kalb geboren ist, wird es zur nächsten Stallzeit vom Muttertier getrennt und kommt in den „Kindergarten“. Die männlichen Tiere werden nach 14 Tagen verkauft. „Früher hat man die Kälber fünf Tage bei der Mutter gelassen. Aber wenn man die Kälber dann wegnimmt, fangen die Kühe an zu trauern“, sagt Martin Hohage und setzt auf „kurz und schmerzlos.“

Die Kleinen brauchen insgesamt zweieinhalb Jahre bis zur erste Kalbung. Namen haben die 140 Kühe eher nicht, nur Nummern. Also gibt es keine Berta im Stall von Martin Hohage. Obwohl eine Kuh wirklich „Bambi“ heißt und so von der ehemaligen Auszubildenden getauft wurde. Die Liebe zum Tier steht auf dem Hof von Martin Hohage oben an – mit dem Tierverstand. „Ich muss sehen und wissen, wie es den Kühen geht.“

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