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68 Prozent Umsatzverlust: Gartencenter im MK vor Schließung

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Danny Gelaudie in seinem Gartencenter „Mein Garten“ in Nachrodt
Danny Gelaudie in seinem Gartencenter „Mein Garten“ in Nachrodt. © Fischer-Bolz, Susanne

„Soll ich mir einen Strick fürs Fotos mitnehmen?“ Es klingt nach sehr schwarzem Humor und jeder Menge trauriger Wahrheit: Danny Gelaudie ist am Ende seiner Durchhalte-Kräfte angelangt. Sein Gartencenter hängt am seidenen Faden.

Nachrodt-Wiblingwerde – Während Floristin Andrea Bedranowsky gerade einen wunderschönen Rosenstrauß bindet, sitzt ihr Chef im Büro und grübelt über die Ist-Situation seines Geschäfts an der Altenaer Straße 35 nach, in das er so viel Herzblut gesteckt hat. Dass der Holländer in Nachrodt aufgibt, ist wahrscheinlich. Außer, es passiert noch ein Wunder.

Autobahnsperrung löst sich nicht in Luft auf

Das Ende der Vollsperrung könnte so ein Wunder sein, aber Danny Gelaudie glaubt nicht wirklich daran. Am 9. August um 23.59 Uhr, so wird unter www-verkehr.nrw.de verkündet, kann der Verkehr auf der B236 wieder rollen. Aber was passiert dann? Werden dann Pkw- und Lkw-Blechlawinen die kleinste Gemeinde des Märkischen Kreises nur an anderer Stelle als an der Ehrenmalstraße verstopfen? Denn so oder so: Die Autobahnsperrung und das damit verbundene Chaos lösen sich nicht in Luft auf.

Vom Durchgangsverkehr abgeschnitten

Dass „Mein Garten“ seit Ende März komplett vom Durchgangsverkehr abgeschnitten ist, hat für den Geschäftsmann einen Umsatzverlust von 68 Prozent bedeutet. „Und das ist leider nachweisbar“, sagt er und bezeichnet seine Situation als „furchtbar“. Natürlich kauft er weniger Ware, kleinere Mengen. „Ich schwimme in einem großen Ozean ohne Rettungsweste.“ Die Vollsperrung macht er für die erheblichen Umsatzverluste verantwortlich, nur etwa 15 Prozent mache das allgemeine Kaufverhalten aus, das weniger geworden ist und auch seine Kollegen aus der Branche trifft. Die Menschen müssen an allen Ecken und Enden sparen. Und so sehr sie auch ihre Gärten lieben: Es wird weniger gepflanzt. Und es ist Urlaubszeit.

Andrea Bedranowsky zaubert die Blumensträuße im Gartencenter „Mein Garten“.
Andrea Bedranowsky zaubert die Blumensträuße im Gartencenter „Mein Garten“. © Fischer-Bolz, Susanne

„Parkplatz ist leer“

„Der Parkplatz ist leer. Die Leute bleiben weg. Was soll ich machen?“, fragt Danny Gelaudie, der im September vor drei Jahren das Gartencenter in Nachrodt übernommen und komplett umgebaut hat. Mit der Pandemie begann der Kummer. „Mit Corona kam die Vollbremsung. Wir haben so viel Platz und durften niemanden hereinlassen“, erzählt der Geschäftsmann. Als die Lockerungen kamen, lief das Gartencenter „ganz okay“, wie er sagt. Aber Danny Gelaudie musste immer seine beiden anderen Standbeine „ankratzen“, um seinen Laden in der Doppelgemeinde am Leben zu halten. Er hat neben dem Gartencenter auch einen Blumenladen in Borken und eine niederländische Blumen/Pflanzen-Export-Firma.

„Keiner fährt freiwillig“

„Wie lange soll ich das so weitermachen, wenn kein Geld mehr vorhanden ist? Und den Blumenladen in Borken lasse ich nicht mit untergehen“, sagt der Niederländer, der den Zeitpunkt der Vollsperrung als eine Katastrophe bezeichnet. Da habe sich niemand über die Existenz der Unternehmer Gedanken gemacht. Wenn der Verkehr wieder auf der B236 fließen kann, brechen nicht automatisch bessere Zeiten an. „Wir haben immer noch die Autobahnbrücke. Und also wieder von morgens bis abends Stau in Nachrodt. Wenn man statt zehn Minuten von Altena hierhin eine dreiviertel Stunde braucht, fährt man nicht freiwillig. Und alle, die im Stau sitzen, halten nicht an und kaufen Pflanzen, weil sie froh sind, wenn sie irgendwann durch sind.“ Wenn der „gleiche Mist“ weitergehe, dann bleibe ihm nichts anders übrig, als das Handtuch zu werfen.

Bürokratie schlimm

Typisch Deutsch sei die ganze Situation. Jeder schiebe die Verantwortung auf andere. „In Holland gibt es auch viel Bürokratie, aber nicht so schlimm wie hier.“ Schade findet er auch, dass er überhaupt keine Nachrichten von der Gemeindeverwaltung bekommen habe, von einer Unterstützung ganz zu schweigen. Erhofft hatte er finanzielle Hilfe von der Kommune oder vom Land. „Existiert so eine Möglichkeit?“, fragt er und zuckt mit den Schultern. Es gibt sie tatsächlich nicht. „Leider“, sagt Bürgermeisterin Birgit Tupat, die Landtags- und Bundestagsabgeordnete deshalb eingeschaltet hatte. Ein Rettungstopf ist nicht vorhanden. Und im Haushalt der Gemeinde gibt es überhaupt keinen Spielraum. „Hilfe ist da gar nicht möglich“, sagt Birgit Tupat.

Wohnung gekündigt

Seine Wohnung, die er in Nachrodt gemietet hatte, um nicht mehr immer unterwegs zu sein, hat Danny Gelaudie bereits gekündigt. Und pendelt wieder. Auch sonntags. „Die Kinder haben drei Wochen Ferien und wir konnten noch nichts unternehmen Wir haben jetzt auch am Personal gespart. Wenn einer ausfällt, springen wir sofort ein. Es gibt eine kleine Besetzung mit zwei Teilzeitkräften, einem Minijobber und einem Hausmeister, der sich um die Pflege der Pflanzen kümmert.“

Schnittblumen aus Afrika

Sein Geschäftsmodell und sein Angebot in Nachrodt findet er nach wie vor gut. „Wir können günstig Pflanzen einkaufen und günstig verkaufen“, sagt Danny Gelaudie. Schnittblumen werden zukünftig teurer, „weil viele Gärtner die Gaspreise nicht bezahlen können, um die Treibhäuser zu heizen. Im Herbst und Winter werden bestimmt viele Gärtner aufhören, wenn sie dreimal so viel bezahlen müssen und nicht dreimal so viel für ihre Blumen bekommen werden“. Schnittblumen kommen übrigens auch aus Afrika und Israel. Danny Gelaudies Rosen kommen aus Afrika – „es sind die Besten“, erzählt er und strahlt das erste Mal. Starke Stiele, gute Qualität. Die Tulpen im Januar, Februar, März kommen vom Niederrhein und aus Holland.

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