Ein kleinlautes Geständnis

Ein Jahr Gefängnis für den falschen Earl

Nachrodt-Wiblingwerde - Ein Jahr ohne Bewährung – mit diesem Urteil endete am Freitag der Prozess gegen den angeblichen Gregory James Earl of Gloucestershire. Verurteilt wurde der 28-Jährige wegen eines Betruges, der den Bruder seiner Nachrodter Lebensgefährtin 18.000 Euro gekostet hatte. Alle weiteren 15 Anklagepunkte wurden mit Blick auf diese Verurteilung fallengelassen.

Der Fall

Ein 28-jähriger Oberhausener muss sich im Amtsgericht Altena wegen Betruges verantworten. Der bereits in einem anderen Verfahren verurteilte Mann hatte sich zunächst seiner Haftstrafe entzogen, indem er von Mai bis Oktober 2012 unter dem Pseudonym Gregory James Earl of Gloucestershire bei einer 28-jährigen Frau in Nachrodt unterschlüpfte. Diese und ihren Bruder soll er durch eine angebliche Krebserkrankung veranlasst haben, ihm insgesamt 36 000 Euro zu übergeben. Außerdem soll er von Nachrodt aus Internet-Bestellungen getätigt haben, die nie bezahlt wurden.

Lange hatte sich der Angeklagte gesträubt, ein Geständnis abzulegen. Sehr tonlos blieb er auch am Freitag, als er diesen einen Anklagepunkt schließlich recht kleinlaut einräumte. Demnach gaukelte er dem Bruder einer seiner Gefährtinnen tatsächlich eine Krebserkrankung vor und bekam das Geld unter der Voraussetzung, dass er es dem „Schwager in spe“ in absehbarer Zeit zurückzahlen würde. Der unvermögende junge Mann musste dafür sogar einen Kredit aufnehmen. Das Schöffengericht hielt dem Angeklagten allerdings zugute, dass er das Geld verbrauchte, um seiner Nachrodter Freundin ein Auto zu finanzieren. „Ein Großteil des Geldes bleibt in der Familie“, stellte Richter Dirk Reckschmidt in seiner Urteilsbegründung fest. „Dennoch bleibt das ein gewerbsmäßiger Betrug.“

Acht entsprechende Vorverurteilungen brachte der Angeklagte mit ins Amtsgericht Altena. Der letzten – zwei Jahre und sieben Monate – versuchte er nach vier Monaten Untersuchungshaft durch sein Untertauchen in Nachrodt zu entgehen. „Jetzt gibt es ein Jahr obendrauf“, sagte der Richter und mahnte den Angeklagten dazu, die Zeit im Gefängnis angemessen zu nutzen: „Es ist eine Gelegenheit, vielleicht zu sich selbst zurückzufinden.“ Ein weiteres Voranschreiten auf dem bisher eingeschlagenen Weg berge die große Gefahr, dass der 28-Jährige einen Großteil seines Lebens im Knast verbringen werde.

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„Wer sind Sie?“ hatte der Richter zuvor jenen Mann gefragt, der den Earl gegeben hatte. Und der gab tatsächlich einige knappe Antworten: „Das wusste ich anscheinend auch nicht.“ Und er lieferte einen möglichen Hintergrund für die betrügerischen Selbstinszenierungen: „Ich hatte nie das Gefühl, dass man mich so akzeptiert, wie ich bin.“

Dabei hatte der Angeklagte im Prozess viele aufmunternde Dinge gehört, die ihm Mut für seinen weiteren Weg hätten machen können: So hatten die geprellten Zeuginnen vom Charme, vom Witz und von der sprachlichen Gewandtheit dieses interessanten Mannes berichtet. Was Richter Dirk Reckschmidt schließlich zu der Frage veranlasste: „Warum wollen Sie nicht Sie selbst sein?“

Verteidiger Frank Hatlé stellte fest, dass sein Mandant nun einige Zeit habe, um sich mit seinem Fehlverhalten und seinem möglicherweise angeschlagenen Selbstwertgefühl auseinanderzusetzen. „Gelingt Ihnen das nicht, das zu stabilisieren, ist die Sozial- und Legalprognose sehr ungünstig“, warnte der Richter den 28-jährigen Oberhausener.

Das Urteil ist rechtskräftig. - Von Thomas Krumm

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