Lieber Schalke-Trikot als Pflaumenkuchen

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Der 17-jährige brasilianische Austauschschüler Gabriel Bermejo fühlt sich in Nachrodt pudelwohl.

Nachrodt-Wiblingwerde - Gabriel Bermejo in diesen Tagen vor Weihnachten an seine Familie denkt, gehen seine Gedanken ganz weit weg. Fast 10 000 Kilometer weit müssen sie schweifen, denn Gabriel Bermejo stammt aus Assis, einer Stadt mit rund 100 000 Einwohnern. „Das ist ganz in der Nähe von Sao Paulo“, erklärt der 17-Jährige und fügt lächelnd hinzu: „Nur so ungefähr 400 Kilometer entfernt“. In Brasilien, dem fünftgrößten Land der Erde, ist das ein Katzensprung.

Doch wie kommt ein 17-jähriger Schüler aus Brasilien ausgerechnet nach Nachrodt-Wiblingwerde? Der junge Mann hatte sich um einen einjährigen Schüleraustausch in Europa beworben. Nach einem Test kamen mehrere Länder in Betracht, doch die französische Lebensart gefiel ihm nicht, in Norwegen war es ihm zu kalt und an Österreich mochte er die hohen Berge nicht. So fiel seine Wahl letztlich auf Deutschland. Und das sei ein Glücksfall für ihn gewesen. „Die Deutschen, die ich kennen gelernt habe, sind unheimlich nett und aufgeschlossen“, sagt Gabriel zufrieden.

Der junge Brasilianer wurde dann der Gastfamilie Seeling in Nachrodt zugewiesen. Da habe er dann aber schon Bedenken gehabt, gibt er zu. Nicht etwa wegen der Gastfamilie selbst, sondern wegen des kleinen Ortes im Sauerland. Er sei ja nun das Leben in einer Großstadt gewöhnt. „Da habe ich mich schon gefragt, was ich denn den ganzen Tag so machen soll“, schmunzelt der 17-jährige.

Mittlerweile fragt er sich das nicht mehr. Denn er ist fast ständig „auf Achse“. Einige Städtereisen hat er schon hinter sich gebracht. So besuchte er schon Hamburg, München – damit verbunden natürlich das Oktoberfest –, Berlin und das Schloss Neuschwanstein in der Nähe von Füssen. „Das war der Hammer“, sagt Gabriel beeindruckt. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Nicht im Fernsehen und auch nicht in Zeitschriften“.

Der 17-jährige spricht übrigens hervorragend Deutsch. Er habe auch fast ein halbes Jahr lang Privatunterricht erhalten. „Meine Lehrerin war schon weit über 80 Jahre alt“, sagt er, „aber die war klasse“. Mittlerweile ist ihm auch der sauerländische Akzent nicht mehr fremd. „Kannze ma kucken“, kommentierte er schmunzelnd. Und er hat etwas entdeckt, was es in Brasilien nicht gibt. Das sind neben Burgen auch Pfandautomaten. Als seine Gastmutter diesen Automaten mit leeren Flaschen befüllte, traute er seinen Augen nicht: „Und dann kommt da auch noch Geld ‘raus?“ Ein solches Pfandsystem ist in seiner Heimat unbekannt.

Der junge Südamerikaner ist – natürlich – auch Fußballfan. Die Spiele der europäischen Champions League würden auch im brasilianischen Fernsehen übertragen, allerdings nur in Ausschnitten, berichtet er. Um diese „Bildungslücke“ zu schließen, haben er und sein Gastgeber Ralf Seeling gleich zwei solcher Spiele besucht. Und so lernte Bermejo einmal das kennen, was Fans eines Gelsenkirchener Vereines als „Auf Schalke gehen“ bezeichnen. Ein Trikot der Mannschaft – versehen mit seinem Namen besitzt er auch schon. Ein weiteres wird wahrscheinlich hinzukommen – das der Iserlohn Roosters. Denn ein Besuch eines Eishockey-Spiels am Seilersee steht schon bevor.

Die Burg Altena hat Gabriel bislang zwar noch nicht betreten. Aber gesehen. Und zwar aus der Luft. Während eines Rundfluges lernte der Brasilianer Teile des Sauerlandes kennen und hat dabei die Burg aus der Vogelperspektive gesehen.

Allerdings hat er auch schon eine schlechte Seite des Sauerlandes kennen gelernt: Pflaumenkuchen. „Den hat meine Gastgeberin Michaela Seeling für mich gebacken. Aber aus Brasilien kenne ich keine Pflaumen und so war mir das Ganze mehr als nur suspekt“. Und geschmeckt hat es ihm auch nicht. Doch die Gastgeber sahen es mit Humor.

Gabriel Bermejo besucht derzeit das Burggymnasium. Aufgrund seiner sehr guten Deutschkenntnisse kann er dem Unterricht auch weitestgehend folgen. „Ich habe zuerst gedacht, dass mich die anderen Schüler eher schneiden würden“, so der 17-Jährige. „Aber das Gegenteil war der Fall“, sagt er. „Die haben mich aufgenommen, als ob ich schon jahrelang zu ihnen gehören würde“. Alles bestens also. Vom Pflaumenkuchen einmal abgesehen. Aber es gibt ja auch noch andere Spezialitäten des Sauerlandes. Die wird er spätestens auf dem Weihnachtsmarkt kennen lernen. „Weihnachtsmarkt? Darunter kann ich mir jetzt so gar nichts vorstellen“, bekennt Gabriel. Aber mächtig gespannt ist er schon jetzt auf das vorweihnachtliche Treiben mit Glühweinduft und Lichterglanz. Von seinem derzeitigen Wohnsitz aus sind es ja nur ein paar Schritte bis zum Holensiepen...  - Hartwig Bröer

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