Jörg Knör bietet dreistündiges Programm

Wohnzimmergefühle im Bürgersaal

Herscheid - Seit 40 Jahren ist er auf Bühnen in ganz Deutschland zuhause. Doch einen Abend wie in Herscheid dürfte Jörg Knör auch noch nicht erlebt haben.

Völlig überrascht stellte der Parodist gleich zu Beginn fest, dass Herscheid eine Universitätsstadt ist: "Hier gibt es immerhin gleich drei Leerstühle und das in der ersten Reihe." Die Anspielungen auf die mit nur 70 Personen dürftig besuchte Vorstellung zogen sich wie ein roter Faden durch den Abend. 

Seine Kritik verpackte Knör mit jeder Menge Ironie: "Ich habe das Gefühl, ich wachse über mich hinaus", bemerkte er ob der geringen Deckenhöhe im Bürgersaal. Die Überschaubarkeit des Raumes biete aber auch viele Vorteile: "Das was ich hier mache, könnte ich in der Kölner Lanxess-Arena nicht", meinte Knör, der sich freute, nahezu jeden Gast einzeln begrüßen zu können.

Dies traf besonders auf die Seniorin Sieglinde zu: Die Lüdenscheiderin erschien mit der Entschuldigung "Ich habe meine Eintrittskarte nicht gefunden" verspätet zu der Vorstellung. Jörg Knör holte die Dame persönlich am Eingang ab, begleitete sie zu einem Sitzplatz in der ersten Reihe und flirtete im Verlauf des Abends immer wieder mit seiner "Sieglinde". 

Ohnehin suchte er auffällig häufig den Kontakt mit dem Publikum: Sei es mit der Französin Perrine, die komplizierte Vokabeln wie "Blockflöte" oder "Katzenklo" übersetzen musste, mit der Hellseherin aus der dritten Reihe, die in ihrer Glaskugel nach "Karen aus dem Schuhhaus" Ausschau halten sollte, oder mit dem Mitarbeiter der Heimatzeitung, mit dem Knör über die Herkunft der Bezeichnung "Süderland" rätselte.

Zwischendurch gestand der Entertainer, dass bei ihm in Herscheid "Wohnzimmergefühle" aufkommen; zugleich lobte er seine Künstlergarderobe, das Rathaus-Trauzimmer, mit romantischem Aussicht auf den Supermarkt: "Da fragt sich doch bestimmt mancher Ehemann beim Blick aus dem Fenster, was für ihn nach der Trauung netto übrigbleibt."

Ganz nebenbei nahm der Parodist in seiner Rolle als charmanter Filou das Publikum mit auf eine Zeitreise, auf der er viele Wegbegleiter präsentierte - seinen Entdecker Rudi Carrell, die Loriot-Figuren Wum und Wendelin, denen Knör seine Stimme lieh, und auch Altrocker Udo Lindenberg mit seinem "Rock'n'Roll-Rollator". 

Aufgrund des rasanten Tempos wurde die Frage "Bin ich Ihnen zu schnell?" mehrfach wiederholt. Zwischen Gesang und Parodie fand Knör immer wieder Zeit für Zeichnungen, die als signierte Bilder an die Zuschauer verteilt wurden, und Anekdoten aus einer langen Karriere. 

Der Blockflöten-Auftritt bei der RTL-Serie "Das Supertalent" wurde geschickt ins Programm eingebunden und die TV-Show "Das Tauschkonzert" diente als Steilvorlage für eine besondere musikalische Inszenierung: Xavier Naidoo sang eine emotionale Version von Helge Schneiders "Katzenklo", die noch getoppt wurde von einer Tom Jones-Interpretation desselben Liedes.

Nach stehenden Ovationen und einer Karel Gott-Zugabe verabschiedete sich Jörg Knör nach drei Stunden Programm aus Herscheid - und bat um Entschuldigung für die Überlänge. "Vertraglich waren zweimal 45 Minuten vereinbart, aber dann hätte ich ja schon zur Pause aufhören können."

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