Trotz aller Widerstände setzte sich Michaela Moeller für das Tier ein – letztlich erfolglos

Wirbel um einen Marder

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Diesen Marder hatte die Herscheiderin Michaela Moeller am Montagabend in Herscheid aufgelesen und zum Tierarzt gebracht.

Herscheid - Sie dachte, er sei schon tot. Als Michaela Moeller am Montag gegen 20 Uhr auf der Straße Auf dem Rode einen Marder liegen sah, stieg sie aus, um ihn zur Seite zu schaffen. Doch dann bewegte sich das Tier. 

Und für Michaela Moeller begann ein gleichwohl abenteuerlicher wie frustrierender Abend, den sie so schnell nicht mehr vergessen wird. Detailliert hat uns die Herscheiderin geschrieben, was sich da am Montagabend zugetragen hat. 

Was ist passiert?

 „Am Montag, 17. Juli, befand ich mich gegen 20 Uhr Auf dem Rode in Richtung Räriner Straße, als ein kleiner Marder mitten auf der Straße lag“, schreibt Michaela Moeller. Als sie das Tier von der Straße heben wollte, habe es sich ganz langsam vorwärts bewegt. Dann sei ein Auto gekommen. 

„Ich hielt diese Person an, damit der Kleine nicht noch überfahren wurde.“ Der Herr sei aus dem Auto gestiegen und habe sich Handschuhe angezogen. „Er schaute sich den Marder an, ging zurück zum Auto und holte einen circa 70 Zentimeter langen, dicken Knüppel aus dem Auto. Er wollte den Marder erschlagen“, beschreibt die Herscheiderin die Szenerie. 

„Ich habe in meinem ganzen Leben so etwas noch nicht erlebt. Schützend habe ich mich vor den Kleinen gestellt, der am vorderen und hinteren Fuß verletzt war.“ Durch ihr lautes Schimpfen sei eine Anwohnerin aufmerksam geworden, die auf die Straße kam. Gemeinsam versuchten die Frauen dann, den Mann zu stoppen. 

„Was sie denn jetzt mit dem Tier machen wollten“, soll der Mann gefragt haben. Und weiter: Das Tier sei verletzt und würde nur die Schläuche der Autos kaputt beißen. „Wir antworteten, dass man einen Tierarzt aufsuchen könnte, aber das Tier sicherlich nicht mit einem Knüppel erschlagen müsse“, schreibt Michaela Moeller. 

Letztendlich sei die Person wieder zum Auto gegangen und gefahren. Michaela Moeller fiel dabei ein Aufkleber auf dem Transporter mit der Aufschrift „Schwarzwild Schäden Beseitigung“ auf – was es damit auf sich hat, bleibt ein Rätsel. Der Sohn der Anwohnerin habe den Marder dann eingefangen, sei dabei noch gebissen worden und er musste ins Krankenhaus. 

„Aber auch das schreckte uns nicht ab, dem Kleinen zu helfen. Ich stellte eine Katzentransportbox zur Verfügung und wir gaben ihm ein Schälchen Katzenfutter, das er mit Genuss fraß.“ Die Herscheiderin habe daraufhin versucht, ihren Tierarzt zu erreichen. Der war gerade in einer Notoperation und die nächste Notoperation stand auch schon an. Er bat Michaela Moeller, einen anderen Tierarzt zu kontaktieren. 

Also rief Michaela Moeller einen anderen Tierarzt an. Dort habe sie zur Antwort bekommen, dass die meisten Marder eine Krankheit im Gehirn hätten und man da nichts machen könne. Wenn man sich das Gehirn anschauen würde, sehe es aus wie Mottenfraß. Auch auf die wiederholte Aussage, dass das Tier verletzt sei und Hilfe benötige, habe der Tierarzt eine Behandlung vorerst abgelehnt. 

Das Argument: Falls operiert werden müsste, ginge das nicht, weil der Marder kurz zuvor noch Futter bekommen habe und unter Stress stehe. Sie solle am nächsten Morgen wiederkommen, riet der Tierarzt. „So musste sich das Tier bis zum nächsten Morgen mit den offenen Wunden quälen“, schreibt Michaela Moeller. 

„Man wusste auch nicht, ob das Tier vielleicht innere Verletzungen hatte.“ Am Dienstagmorgen um 8 Uhr habe sie dann ihren Tierarzt des Vertrauens wieder kontaktiert. „Als wir von Herscheid losfuhren, lag der Kleine schon auf der Seite und hatte die Augen noch geöffnet. Beim Tierarzt angekommen, waren diese inzwischen geschlossen. Er lebte noch, aber rührte sich nicht mehr, als er aus dem Korb genommen wurde, da er zu schwach war. Für den Kleinen kam jede Hilfe zu spät und er konnte nur noch eingeschläfert werden.“ 

Vermutlich sei der Marder gebissen oder angefahren worden, lautete der Befund. Während sie ihren Tierarzt des Vertrauens ausdrücklich lobt, erhebt Michaela Moeller gegen den anderen Tierarzt, den sie am Vorabend kontaktiert hatte, schwere Vorwürfe. 

„Hätte man den Marder untersucht und man hätte gesehen, dass man da nichts mehr machen kann, hätte man ihn wenigstens erlösen können und nicht bis zum bitteren Ende qualvoll verenden lassen. Aber nein, eine Behandlung wäre erst am nächsten Morgen möglich gewesen. Es ist traurig, dass es auch solche herzlosen Tierärzte gibt.“ 

Was sagen die Tierärzte? 

Die Heimatzeitung hat daraufhin die beiden betroffenen Tierärzte, die der Redaktion namentlich bekannt sind, kontaktiert und jeweils um eine Stellungnahme gebeten. Der beschuldigte Tierarzt wunderte sich im Nachhinein vor allem, dass sich die Frau mit dem Marder nicht mehr gemeldet hatte. „Ich habe ihr in der Tat davon berichtet, dass Marder oft einen Parasiten im Kopf haben, Stichwort Mottenfraß“, heißt es aus der Tierarztpraxis. 

Warum keine Behandlung stattgefunden hat? „Das Risiko war zu groß“, sagte man uns weiter. Es sei sehr wichtig gewesen, dass das Tier erstmal wieder zur Ruhe komme. „Wildtiere haben ein unheimlich großes Problem mit Stress“, erklärt man uns. Ein Tier, das in freier Wildbahn geboren worden ist, das verletzt wird, das plötzlich menschlichen Kontakt hat und das in eine Katzenbox gesteckt wird, stehe unter enormem Stress. Hinzu kam, dass das Tier gerade gefressen hatte. 

Stress und ein voller Magen bergen bei einer Narkose immer ein hohes Risiko, sodass das Tier danach nicht mehr aufwachen könnte. Dass der Marder offenbar schwerstverletzt war, habe man in der Tierarztpraxis so nicht kommuniziert. 

„Die Auskunft war: Das Tier könne wegen einer Verletzung an den Pfoten nicht mehr jagen. Hätte ich gewusst, dass das Tier im Sterben liegt, hätte ich geguckt, ob ich es nicht hätte erlösen können“, sagte uns der Tierarzt. So aber entschied man sich, das Tier zur Ruhe kommen zu lassen und es stattdessen am nächsten Morgen zu behandeln, wozu es dann nicht mehr kam. 

Die Tierarztkollegin des Vertrauens meint zu den Geschehnissen folgendes: „Vom Prinzip her hat sie [Michaela Moeller] richtig gehandelt – aus dem Bauch heraus. Es gibt die Leute, die sagen, ein Marder ist ein wildes Tier, ebenso wie ein junger Fuchs, und wenn sie verletzt sind, dann ist das eben der Lauf der Natur. Man kann das so sehen, aber ein lieber Mensch nimmt sich dem Tier an und versucht, sich um es zu kümmern.“ 

Wobei die Tierärztin gleichwohl auch warnt, dass die Hilfe prinzipiell gefährlich sei, weil ein Marder eben auch ein Raubtier sei. In beiden Tierarztpraxen sei es nicht ungewöhnlich, dass Wildtiere auf dem Behandlungstisch landen. 

Was sagen die Experten?

Es bleibt die Frage, wie die Reaktion des Mannes einzuordnen ist, der das Tier vor Ort mit dem Knüppel erschlagen wollte. 

Die Herscheiderin Erna Schmidt, selbst jagdkundige Naturfreundin, hat dazu eine klare Meinung: „Abgesehen von den unqualifizierten Äußerungen hatte der Mann den richtigen Impuls“, ist sie überzeugt. „Ein kräftiger Schlag hätte gereicht, und das Tier wäre tot gewesen.“ Genauso wie er das Tier nicht hätte erschlagen dürfen, so hätte in der Theorie auch die Leserbriefschreiberin den Marder nicht auflesen dürfen. „Es ist niemandem erlaubt, sich ein Wildtier anzueignen“, erklärt Erna Schmidt. „Richtig wäre es gewesen, die Polizei zu informieren, die die weiteren Schritte einleitet.“ 

Das bestätigt auch Dr. Jobst-Ulrich Trappe vom Lüdenscheider Veterinärdienst. „In erster Linie sollte man die Finger von solchen Tieren lassen, unter anderem wegen der Krankheiten, die das Tier haben kann“, sagt er. Der Hass auf den Marder, der in den Äußerungen des Knüppel-Mannes herauszuhören war, sei bei vielen anderen Menschen ebenso vorhanden, weiß die Jagdexpertin Erna Schmidt.

 Das liege vor allem an dem Faible des Marders für geparkte Autos oder seinem ausgeprägten Tötungsdrang. Wer einen Hühnerstall besitzt, weiß, dass ein Marder alles tötet, was da rumflattert – so lange, bis er erschöpft ist. Der Fuchs hingegen mache das anders und hole sich, solange er es schafft, immer nur ein Huhn aus dem Stall. Was vielen Menschen darüber hinaus am Marder nicht gefällt, ist, dass (übrigens ebenso wie für Freigänger-Katzen) Singvögel auf seinem Speiseplan stehen und dass er sich gerne in Gebäuden einnistet. 

Was sagt die Polizei?

Normalerweise laufen Fälle dieser Art so ab: Jemand findet ein verletztes Tier auf oder an der Straße und informiert als erstes die Polizei. Die prüft dann, ob das Tier in einem Wohngebiet oder eher abseits gefunden worden ist. Außerhalb der Ortschaft sind die Revierinhaber zuständig, im Fall des Marders wäre das Ordnungsamt erster Ansprechpartner für die Polizei gewesen, denn innerorts (Jäger sagen dazu auch „im befriedeten Bezirk“) ist immer die Kommune zuständig. 

Nun trug sich der Vorfall aber am Abend zu, weshalb das Ordnungsamt nur über die Rufbereitschaft zu erreichen gewesen wäre. Marcel Dilling, Pressesprecher der Polizei, berichtet aber auch, dass die Kollegen in einem solchen Fall häufig auch Kontakt mit den Revierinhabern aus dem benachbarten Bezirk Kontakt aufnehmen.

 Oder direkt mit einem Tierarzt. Sollte das Tier zu stark verletzt sein, dann, so Dilling, dürfen die Polizisten von ihrer Schusswaffe Gebrauch machen. Auch die Revierinhaber erlösen verletzte Tiere auf der Straße oft mit einem Fangschuss, berichtet Dr. Trappe vom Veterinärdienst.

 Wichtig sei nur, nicht blind an einem verletzten Tier vorbeizufahren. Potentielle Helfer gebe es laut Polizeisprecher Dilling viele: Polizei, Tierschutzverein, Tierarzt, Feuerwehr. „Es gibt da kein Richtig oder Falsch“, sagt Dilling. Und Markus Gumpricht vom Landesbetrieb Wald und Holz macht deutlich: „Wenn das Tier noch lebt und man es sich zutraut, es selbst zum Tierarzt zu bringen, dann ist auch das richtig.“

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