Die Folgen eines Vulkanausbruches im Ebbegebirge 

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Die Hamburger Geologen Dr. Kay Heyckendorf (li.) und Prof. Dr. Martin Wiesner vor dem Böschungsanschnitt in Hüinghausen, der sich direkt gegenüber dem Museumsbahnhof befindet.

Ganz unscheinbar wirkt die Felswand gegenüber dem Museumsbahnhof in Hüinghausen. Auf den ersten Blick sind hier nur ganz normale Steine zu sehen. Doch genau hier befinden sich Überreste von längst ausgestorbenen Meeresbewohnern, die hunderte Millionen Jahre alt sind. Ein Fenster in die Geschichte der Erde – mitten in Herscheid.

Herscheid - Über Jahrzehnte waren diese Gesteinsschichten verborgen. Bagger und Räumfahrzeuge des Herscheider Bauhofs haben den Bereich in den letzten Wochen auf einer Länge von 150 Metern und einer Höhe von drei Metern freigelegt. Zusammen mit den Hamburger Geologen Dr. Kay Heyckendorf und Prof. Dr. Martin Wiesner konnte damit ein sogenannter geologischer Aufschluss wieder zugänglich gemacht werden. Seine einzigartigen Fossilien machen ihn wissenschaftlich bedeutend – und auch für die Öffentlichkeit interessant. 

„Die Gesteine dokumentieren den Übergangsbereich zwischen den Erdzeitaltern Silur und Devon und reichen etwa 420 Millionen Jahre zurück“, berichten die Geologen der Universität Hamburg. Zu der Zeit hatte sich die Festlandmasse der Erde im Wesentlichen noch auf drei Kontinente verteilt: Sibiria, Laurussia und Gondwana. Die Region des Sauerlands lag zu dieser Zeit am Südostrand Laurussias im Bereich eines flachen, subtropischen Schelfmeeres. „Dieser Bereich hier stand unter Wasser“, berichtete Heyckendorf mit Blick auf den Bahnhof beim Ortstermin am Donnerstag. 

„Außergewöhnlich ist eine hier vorkommende Gruppe ausgestorbener Meeresbewohner, die Scyphocrinoiden (Becherlilien).“ 

Seelilien mit drei Meter langen Stielen

Diese Tierfamilie gehört zu den Seelilien. Sie ist dadurch gekennzeichnet, „dass sich an ihrem Stielende ein kugelförmiges Organ befindet, das als gasgefüllte Treibboje gedeutet wurde, an der sie im lichtdurchfluteten Oberflächengewässer hängend driftete“, so die Geologen. Der einzigartige Körperbau gibt allerdings bis heute Rätsel auf: „Vertreten wird auch die Auffassung, dass das Organ als ein auf dem Meeresboden liegender Schleppanker wirkte und das Tier dadurch Verlagerungen auf dem Sediment durch heftige Stürme intakt überstehen konnte.“ Ob schwebend oder auf dem Boden verankert: „Mit bis zu drei Meter langen Stielen gehören die Becherlilien zu den beeindruckendsten Organismen des Paläozoikums [also der Erdaltzeit]“, erklären die beiden. 

Gemeinsam mit Bürgermeister Uwe Schmalenbach weihten Heyckendorf und Wiesner am Donnerstag auch eine Info-Tafel auf dem MME-Gelände ein. Mit modernen Grafiken, ansprechenden Bildern und dem direkten Blick auf die sichtbaren Gesteine, hält sie viele interessante Einzelheiten zur Entstehung, des Alters und des Fossilinhalts dieses geologischen Aufschlusses bereit. Zu finden ist unten auf der Tafel auch ein QR-Code, der auf die Internetseite der Gemeinde Herscheid führt und noch mit Inhalt gefüllt werden soll, wie Schmalenbach erklärte. Diese Tafel soll zudem der Anfang für eine Georoute durch das Ebbegebirge sein, die an weiteren geologischen Aufschlüssen entlangführt. Schmalenbach hoffe, dass im nächsten Jahr schon der nächste Punkt eingeweiht werden kann.  Beim Termin wurde deutlich: Unsere Region ist für Geologen von großem Interesse. „Der Ebbe-Raum ist eines der geologisch interessantesten Gebiete des Rheinischen Schiefergebirges“, erklären die Hamburger Experten. Das habe zwei Gründe: Einerseits würden hier die ältesten Gesteine des rechtsrheinischen Schiefergebirges auftreten. Zum anderen lasse sich hier auf engstem Raum die erdgeschichtliche Entwicklung des Sauerlandes, aber auch Deutschlands, über einen Zeitraum von etwa 80 Millionen Jahre verfolgen. 

Großer Vulkanausbruch

„Vor etwa 465 Millionen Jahren begann die faszinierende Weltreise der Region des heutigen Ebbegebirges. Durch plattentektonische Prozesse gesteuert, driftete der Ablagerungsraum aus dem Bereich des Südpols über den Äquator in nördliche Breiten“, so die Geologen. „Er durchquerte dabei verschiedene Klimazonen mit unterschiedlichen ozeanischen Strömungsverhältnissen und Temperaturen, durchlebte drastische Meeresspiegelschwankungen und globale Klimaveränderungen und erfuhr eine der größten Vulkaneruptionen des Unterdevons.“ Die Veränderungen der Umwelt während dieser Reise ließen sich an den entlang der geplanten Georoute vorkommenden Gesteinen und Fossilien wie in einem Buch ablesen. Sie reichten von hochmarinen Bedingungen über Schelfmeer-Verhältnisse bis zu landnahen, delta-ischen oder landfesten Bedingungen und der Besiedelung mit ersten Landpflanzen. 

In diesen Steinen, die Prof. Dr. Martin Wiesner in den Händen hält, lassen sich Reste der Seelilien erkennen, die hier vor hunderten Millionen Jahren gelebt habe

„Mit die ältesten Überreste von Landpflanzen weltweit“ konnten übrigens am Herscheider Böllenberg gefunden werden, wie Heyckendorf am Donnerstag im Gespräch im Café des MME-Bahnhofs erklärte. „Die in Sättel und Mulden gefalteten Gesteinsschichten und deren Verwerfungen dokumentieren die enormen Kräfte, die bei der Auffaltung des Ebbegebirges gewirkt haben“, erklären die Geologen. Die geplante Georoute soll auch zeigen, wie sehr diese „Geodiversität“ das Landschaftsbild des Ebbegebirges und das Leben seiner Bewohner geprägt hat und auch heute immer noch prägt. Die Georoute verstehe sich als Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Tourismus und auch als außerschulischer Lernort.

 „Die Erhaltung dieses erdgeschichtlichen Naturerbes auch für nachfolgende Generationen sollte unsere Verpflichtung sein“, sind sich die Geologen sicher, die die heimische Gegend hier schon seit Jahrzehnten kennen. „Allein in den letzten 15 Jahren waren wir ein- bis zweimal im Jahr hier“, berichtet Wiesner. Oft wurde Studenten hier schon das Kartieren gelehrt – in der heimischen Region mit den vielen Bergen und dem vielen Wald so etwas wie die Königsdisziplin. Ohnehin: „Das Kartieren ist die höchste Kunst der Geologie“, so Heyckendorf. Denn hier fließe alles aus dem Studium zusammen.

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