Wie die Sprache zur Heimat werden kann

Volkshochschule Volmetal: Literaturvortrag im Spieker

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Trotz des „usseligen“ Winterwetters kamen einige Besucher in den Herscheider Spieker, um der Referentin zu lauschen. 

Herscheid - In Zeiten, die für viele Menschen auf der Welt von Flucht und der Suche nach Heimat geprägt sind, scheinen die Lebensgeschichten der beiden berühmten Schriftstellerinnen Hilde Domin und Mascha Kaleko aktueller denn je zu sein.

Und weil es bereits einen gut angenommenen Vortrag über diese zwei Persönlichkeiten, sowie eine Menge an speziellen Kurse zu ihren verschiedensten Werken gegeben hatte, veranstaltete die Volkshochschule Volmetal am Mittwochabend einen dazu passenden Literaturabend im Herscheider Heimatmuseum „Spieker“. Dort zeigte sich VHS-Leiterin Marion Görnig hocherfreut, dass sich trotz des unangenehmen Wetters einige Personen auf den Weg gemacht hatten und den gemütlich eingerichteten Trauungssaal füllten. 

„Nachdem wir bereits in Schalksmühle auf reges Interesse an dem Vortrag gestoßen sind, wollen wir auch im einzigartigen Ambiente des Spiekers das Leben zweier großer Lyrikerinnen kennenlernen“, weckte Görnig die Vorfreude im Publikum und verwies auf die kompetente Referentin an diesem Abend. Denn mit Sabine Hellwig-Tillmann war eine Literaturwissenschaftlerin vor Ort, die sich intensiv mit den Biographien von Domin und Kaleko auseinandergesetzt hat. 

Literaturwissenschaftlerin Sabine Hellwig-Tillmann referierte im Spieker zu den Lyrikerinnen.

Deshalb machte sie schon zu Beginn ihres Vortrages darauf aufmerksam, dass die literarischen Werke beider Schriftstellerinnen eng mit ihrem Lebensweg verbunden gewesen seien. Während Hilde Domin, die im Jahr 1909 unter dem Nachnamen „Löwenstein“ auf die Welt kam, nach ihrem wohlbehüteten Aufwachsen im Kölner Großbürgertum eine glänzende akademische Laufbahn einschlug und unter anderem Nationalökonomie studierte, machte Mascha Kaleko (geboren 1905) im von vielen Nationalitäten dominierten Galizien in der Donaumonarchie früh die Erfahrung der fehlenden Geborgenheit. Erst durch die Flucht mit ihrer Familie, die sie aufgrund des ersten Weltkrieges nach Deutschland führte, und ihrer Ankunft in Berlin, änderte sich ihr Leben. 

Denn hier startete sie 1923 ihre beispiellose Karriere als Schriftstellerin und fühlte sich unter berühmten Zeitgenossen, wie Erich Kästner, erstmals heimisch. Doch den beiden jüdischen Frauen stand mit dem Erstarken der Nationalsozialisten die geschichtliche Entwicklung im Weg und deshalb mussten sie ihr geliebtes Heimatland verlassen. Domin erkannte die Gefahr früh und flüchtete bereits kurz vor der Machtergreifung Hitlers mit ihrem Ehemann Erwin Walter Palm nach Italien, wovon auch ihr lyrisches Werk „Ziehende Landschaft“ handelt. Kaleko bekam die gnadenlose Härte des NS-Regimes noch zu spüren, denn ihre literarischen Werke wurden beschlagnahmt. 

Gedicht mit dem Thema Verzweiflung

Zur Verdeutlichung dieser schwierigen Situation stellte die Referentin das Gedicht „Signal“ vor, welches die tiefe Verzweiflung der Verfasserin beinhaltet. 

1938 emigrierte sie dann in die Vereinigten Staaten, wo sie mit ihrem Mann und den Kindern jedoch nie glücklich wurde. Ihre Leidensgenossin Hilde Domin gelangte derweil über Frankreich und Kanada bis in die Dominikanische Republik. „In diesem Exil entstand auch ihr Künstlername Domin, der ihr ein anonymes Schreiben möglich machen sollte. 

Dabei entdeckte sie die Sprache als Therapie und thematisierte ihre alte Heimat“, erklärte die Literaturwissenschaftlerin. Mascha Kaleko kehrte 1955 zurück nach Deutschland und knüpfte dort an ihre beeindruckende Karriere der 1930er Jahre an. Mit vielen Lesereisen begeisterte sie ein großes Publikum, setzte sich aber bis zum Schluss ihrer Laufbahn kritisch mit der deutschen Geschichte auseinander. Auch für Domin ging es wieder zurück in die alte Heimat, sie lebte ab 1961 bis zu ihrem Tod 2008 in Heidelberg. 

Nach anfänglichen Schwierigkeiten im Literaturbetrieb, wurde sie später noch mit zahlreichen Ehrungen und Preisen ausgezeichnet. „Das Besondere an diesen beiden Persönlichkeiten ist, wie sie es geschafft haben, ihr unter extremen Umständen stattgefundenes Leben in so vielen wunderschönen Gedichten zum Ausdruck zu bringen“, hob die Referentin zum Abschluss noch einmal das literarische Können der zwei Schriftstellerinnen hervor und erntete daraufhin viel Beifall für ihren sehr informativen Vortrag im Herscheider Spieker.

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