Versteckte Kleinode überall

So haben die Wanderer das Ebbegebirge wahrscheinlich noch nie wahrgenommen

Wanderung Ebbegebirge Nordhelle mit Astrid Bauriedel
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„Das ist der einzige Vorteil am Borkenkäfer“, sagt Bauriedel über die im Ebbegebirge in letzter Zeit neu entstandenen Ausblicke.

Das Ebbegebirge zieht zu jeder Jahreszeit und nicht nur an den Wochenenden zahlreiche Spaziergänger, Radfahrer und Naherholungssuchende an. Ausgedehnte, abwechslungsreiche Wanderwege in einer idyllischen Landschaft: Das große Ganze ist jedem bewusst. Doch es lohnt sich, auch mal genauer hinzusehen.

Herscheid - Der mit Pilzen bedeckte Stamm einer Buche, die üppig fruchttragenden Wacholdersträucher oder der stattliche Ameisenhaufen am Wegesrand. Die Herscheiderin Astrid Bauriedel kennt die vielen versteckten Kleinode des Ebbegebirges.

„Besonders wenn es warm ist, bin ich ganz oft hier oben“, sagt sie; egal ob zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Immer wieder nimmt sie Neugierige mit auf Entdeckungstour. „Vier Jahreszeiten im Ebbegebirge – Der Sommer“ so der Name einer gut dreistündigen Tour, bei der es allerlei zu sehen und zu staunen gibt.

Rund um die Nordhelle entdeckt man sie: Die dreieckigen grün-weißen Schilder mit dem fliegenden Adler drauf. „Naturschutzgebiet“ steht dort geschrieben und tatsächlich: Hier scheint sich ein Naturschutzgebiet an das andere zu reihen. „Wir befinden uns quasi im Epizentrum der Naturschutzgebiete“, sagt Astrid Bauriedel. Was das bedeutet, kann man schnell sehen. Statt der bewirtschafteten Waldflächen, in denen ausschließlich Bäume einer Sorte in Reih und Glied stehen, erstreckt sich hier ein sogenannter Naturwald.

Astrid Bauriedel präsentiert den Buchenporling, der früher auch als Zunder genutzt wurde.

Urig sieht er aus und wild. Dort stehen Linden, die aufgrund der Höhenlage erst jetzt zu blühen beginnen, in Nachbarschaft zu Buchen und Birken. Letztere gilt als „Pionierpflanze des Waldes“: Sie siedelt sich als erste an einem Ort an und spendet nach einiger Zeit Schatten für Bäume, die weniger Licht brauchen.

Zwischen den Laubbäumen säumen Fichten den Weg. Bauriedel erzählt die Geschichte eines jungen Mannes namens Mönich, der, wie viele andere Bauernburschen, für die es im Winter keine Arbeit auf den Höfen gab, übers Ebbe ging, um dort Arbeit zu suchen. Aufgrund des tiefen Schnees war der Weg im Winter besonders beschwerlich. Auf dem Heimweg geriet Mönich einst in einen Schneesturm, verirrte sich und wurde am nächsten Tag erfroren aufgefunden. Dieses tragische Ereignis nahm ein Pastor aus Valbert zum Anlass, mit seinen Konfirmanden Fichten zu pflanzen, auf dass sie den Arbeitern den Weg leiten mögen.

Über 140 Jahre sind seitdem vergangen. Die Fichten haben dicke, knorrige Stämme; ganz anders als ihre Artverwandten, die man in den Nutzwäldern sieht. Hier sei nicht auf Wirtschaftlichkeit geachtet worden, erklärt Bauriedel; die Bäume haben mit Abstand einfach wachsen dürfen.

Natürlich sei Holzwirtschaft etwas ganz anderes, betont Bauriedel: „Da leben die Leute von.“ Dennoch sei es schön zu sehen, wie prächtig ein allein stehender Baum aussehe.

Weniger prächtig, aber enorm wichtig ist das Totholz. „Der Wald erneuert sich von selbst“, erklärt Bauriedel.

Unter Totholz versteht man stehende oder liegende Bäume sowie Teile davon, die abgestorben sind. Es ist der letzte Entwicklungsprozess im Leben eines Baumes und eines der wichtigsten Strukturelemente der Wälder.

Dank des Borkenkäfers sind wir an diesen Anblick inzwischen mehr als gewohnt, doch Totholz hat es natürlich auch schon vor der Käferplage gegeben. Es ist Lebensraum und Nahrungsquelle für zahlreiche Lebewesen. Zehn bis 100 Jahre kann es dauern, bis ein Baum vollständig zersetzt ist; danach bildet er das Substrat für neue Bäume.

Doch während das Totholz „für Tiere sehr wichtig“ ist, ist vor allem das stehende Totholz „für Menschen sehr gefährlich“, wie Bauriedel zu berichten weiß. „Es sieht aus, als ob der Baum noch ganz intakt ist, doch innen ist er schon ganz zerfressen“. So kann es vorkommen, dass ein Ast ohne Vorwarnung abfällt; besonders bei Wind ist die Gefahr groß.

Was den Fichten der Borkenkäfer, ist den Buchen der Buchenporling. Dabei handelt es sich um einen Pilz, der geschwächte Laubbäume, vor allem eben Buchen, befällt. An den Stämmen bildet er dicke Fruchtkörper, die einen Durchmesser von bis zu 30 Zentimetern erreichen und an die 30 Jahre alt werden können.

Der Buchenporling wird auch Zunderschwamm genannt. Das kommt daher, dass er in früheren Zeiten als Zunder, also zum Feuermachen, verwendet wurde. Die Redewendung „Das brennt wie Zunder“ hat sich bis heute erhalten.

250 Kilometer schlängelt sich der „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ über die Höhen des Sauerlands von Meinerzhagen und Altena bis nach Korbach. „Er ist wirklich empfehlenswert“, sagt Astrid Bauriedel, gibt aber zu bedenken, dass das Gelände teilweise „sehr schwierig“ sei – zumindest, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist; per pedes sei es hingegen deutlich leichter.

Breite Forstwege und schmale Singletrails, lichte Laub- und dichte Tannenwälder – der Höhenflug ist abwechslungsreich und bietet Dank diverser Freiflächen immer wieder einen atemberaubenden Blick auf die herrliche Landschaft. In diesem Fall ist der Borkenkäfer Fluch und Segen zugleich: Denn während ganze Wälder abgeholzt werden müssen, bieten sich nie da gewesene Ausblicke. „Das ist der einzige Vorteil am Borkenkäfer“, sagt Bauriedel.

Ein großer Vorteil des Höhenflugs liegt auf der Hand, beziehungsweise hängt an zahlreichen Bäumen und Pfählen: das quadratische Schild des weißen geschwundenen „H“ auf gelbem Grund. Der Höhenflug ist sehr gut ausgeschildert, sodass sich auch ungeübte Wanderer kaum verlaufen können. Besonders hilfreich und informativ sind die Tafeln, die Richtung und Distanz zu einem bestimmten Ort anzeigen. So kann man sich leicht orientieren und Zeiten abschätzen.

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