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Trotz voller Auftragsbücher: Teckentrup meldet Insolvenz in Eigenverwaltung an

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Von: Dirk Grein

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Die Firma Teckentrup beschäftigt an den drei Standorten in Hüinghausen (unser Bild), Plettenberg und Lüdenscheid insgesamt 230 Mitarbeiter. Daran soll auch die Sanierung in Eigenverwaltung nichts ändern.
Die Firma Teckentrup beschäftigt an den drei Standorten in Hüinghausen (unser Bild), Plettenberg und Lüdenscheid insgesamt 230 Mitarbeiter. Daran soll auch die Sanierung in Eigenverwaltung nichts ändern. © Dirk Grein

Die Auftragsbücher sind voll, bei der Firma Teckentrup herrscht Hochbetrieb. Doch die Vielzahl der globalen Krisen in jüngster Vergangenheit haben Spuren hinterlassen und das Hüinghauser Unternehmen in finanzielle Nöte geführt. Darauf musste die Geschäftsführung reagieren: Anfang Oktober genehmigte das Amtsgericht Hagen den gestellten Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung.

Herscheid - Dieses gerichtliche Verfahren verfolge laut Geschäftsführer Thomas Volborth das Ziel der Restrukturierung: Das Unternehmen soll finanziell so aufgestellt werden, dass es Schwankungen – die auf dem Wirtschaftsmarkt durch verschiedene Faktoren verursacht werden – besser als zuvor ausgleichen kann. Der Geschäftsbetrieb sei davon nicht betroffen und laufe uneingeschränkt weiter.

Der Geschäftsführer erinnert an eine extreme Häufung von Wellenbewegungen in den letzten Monaten: Er betont, dass der Geschäftsbetrieb im Jahr 2021 und auch im ersten Halbjahr 2022 trotz der Marktverwerfungen infolge des Kriegs in der Ukraine profitabel gewesen sei. Doch es folgten starke Umsatzrückgänge in den Monaten Juli bis September – zum Teil bis zu 20 Prozent – sowie die verzögerte Übernahme von Zusatzkosten durch Kunden auf der einen sowie höhere Produktionsmengen im Oktober und November auf der anderen Seite. „Das führte zu einem zusätzlichen Finanzbedarf, der kurzfristig nicht gedeckt werden konnte“, schildert Volborth.

Bewusst wählt er bei dem eingeschlagenen Weg das Wort Sanierung – und nicht Insolvenz, obwohl beides zutreffend ist. Der letztgenannte Begriff führe jedoch in den meisten Fällen zu einer Zerschlagung eines Unternehmens, ausgelöst durch finanzielle Schieflage. Das sei bei dem von Teckentrup gewählten Weg der Insolvenz in Eigenverwaltung nicht der Fall: Dabei stehe die Weiterführung des Betriebes im Mittelpunkt.

Diese Experten stehen der Geschäftsführung zur Seite

Die Eigenverwaltung ist ein Instrument der Unternehmenssanierung. Dabei behält die Geschäftsführung die Verfügungsgewalt und kann mit den Mitteln des Insolvenzrechts das Unternehmen sanieren. Bei dem Verfahren wird die Hüinghauser Geschäftsführung durch Sanierungsexperten unterstützt. Dabei handelt es sich um Generalbevollmächtigte der Wuppertaler Kanzlei Runkel, die seit über 80 Jahren besteht und die auf das Gebiet der Sanierungs- und Insolvenzberatung spezialisiert ist. Das Verfahren wird überwacht durch einen gerichtlich bestellten Sachwalter. Im Fall der Firma Teckentrup hat das Amtsgericht Hagen Rechtsanwalt Martin Lambrecht aus der gleichnamigen Düsseldorfer Kanzlei zum vorläufigen Sachwalter bestellt. Diese zählt zu den erfolgreichsten und erfahrensten Kanzleien in der Beratung von Unternehmen in der Krise, in Schutzschirmverfahren und Eigenverwaltungen.

Allerdings sei dieses Verfahren weniger bekannt – auch vor dem Hintergrund, dass es an strikte Vorgaben geknüpft ist, die viele der betroffenen Unternehmen schlichtweg nicht erfüllen können. So sind ein Sanierungskonzept und eine Durchfinanzierung für sechs Monate erforderlich. Beides kann die Firma Teckentrup vorweisen, betont Thomas Volborth. Er zeigt sich daher optimistisch, dass die 230 Arbeitsplätze an den Standorten in Herscheid, Plettenberg und Lüdenscheid erhalten bleiben. In diesem Zusammenhang ergänzt er, dass alle Mitarbeiter weiter die volle Lohnzahlung erhalten.

Seine Zuversicht zieht er unter anderem aus hinzugewonnenen Neuaufträgen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres. „Das Unternehmen ist mit einer sehr guten Perspektive für die kommenden Jahre aufgestellt“, schlussfolgert Volborth, der bereits seit 26 Jahren im Unternehmen tätig ist, 22 Jahre davon in geschäftsführender Position.

Seine Einschätzung wird von den Generalbevollmächtigen für die Sanierung, Marion Rodine und Johannes Glasmacher aus der Kanzlei Runkel, bestätigt: „Alle Kunden unterstützen den Sanierungsprozess ausdrücklich, sodass wir davon ausgehen, dass wir die Sanierungsphase innerhalb von sechs bis neun Monate abschließen können.“

Im Jahr 2018 hatte das Hüinghauser Unternehmen mit umfangreichen Investitionen den Wachstumskurs gestärkt, als die Umsätze unerwartet durch die sogenannte WLTP-Krise stark zurückgingen. WLTP (Worldwide Harmonised Light Vehicle Test Procedure) stehe für ein neues Fahrzeuggenehmigungsverfahren innerhalb der Europäischen Union, das neue Vorgaben zur Messung von Kraftstoffverbrauch, CO2-Emissionen und reglementierten Schadstoffen von leichten Fahrzeugen festlegt.

Bereits 2019 drehte sich nach Auskunft des Geschäftsführers der Markt zum Positiven, dann folgten jedoch die Coronakrise mit Abbrüchen in den Lieferketten, explodierenden Rohstoffpreisen, gefolgt vom Chipmangel und dem Krieg in der Ukraine. „Den Herausforderungen konnten wir zunächst noch mit guten Ergebnissen begegnen, als dann ein erneuter Einbruch der Abrufe von Kunden den Finanzierungsbedarf zu groß werden ließ, um die laufende Sanierung erfolgreich abzuschließen“, sagt Volborth.

Die Eigenverwaltung sieht er als Chance für einen Neustart, auf den sein Unternehmen gut vorbereitet sei – er verspricht sich davon mehr Stabilität und dadurch auch mehr Sicherheit für die Firma Teckentrup.

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