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Schule vor rund 60 Jahren: Als der Rohrstock noch Alltag war

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Von: Birgit Hüttebräucker

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1964 gehörten sie zu dem letzten Jahrgang der aus der alten Schule in Herscheid entlassen wurde. Bei dem Klassentreffen am Samstag tauschten sie zahlreiche Erinnerungen aus.
1964 gehörten sie zu dem letzten Jahrgang der aus der alten Schule in Herscheid entlassen wurde. Bei dem Klassentreffen am Samstag tauschten sie zahlreiche Erinnerungen aus. © Hüttebräucker

Vor 58 Jahren beendete der letzte Jahrgang der alten Schule, die einst mitten im Dorf stand, seine Schullaufbahn. Für heutige Verhältnisse übervolle Klassen, in denen im Winter lediglich ein alter Ofen Wärme spendete, waren die Regel. Doch Schule war vor rund sechs Jahrzehnten noch aus vielen anderen Gründen anders. Der Rohrstock war damals noch Alltag.

Herscheid - Das Klassentreffen war schon vor zwei Jahren geplant, wurde aber wegen Corona immer wieder verschoben. Vorausgegangen war ein Gespräch zwischen Margret Milkereit (geb. Hüttebräucker) und Giesela Karl (geb. Kube), bei dem die Idee für ein Klassentreffen entstand. Für die Organisation sorgten dann Giesela Karl und Friedrich Wilhelm Geidis. Einen weiten Anreiseweg musste niemand auf sich nehmen. Alle hatten der Heimat die Treue gehalten und kamen aus der näheren Umgebung.

Die Erinnerungen waren am Samstagabend noch sehr präsent und manche Begebenheiten sorgten bei den Ehemaligen für mehr als nur ein Schmunzeln. Denn schnell wurden Erinnerungen an das achtklassige Schulgebäude am alten Schulplatz wach, das im Jahr 1968 abgerissen wurde.

Schüler schaufeln Koks selbst in den Ofen

In den vier vorhandenen Räumen wurden jeweils zwei Klassen unterrichtet. Insgesamt waren dann 40 bis 50 Schüler in einem Klassenzimmer. „Ein alter Bollerofen, der mit Holzscheiten befeuert wurde, sorgte im Winter für Wärme“, erinnerten sich die Ehemaligen. Weil damals noch alle zu Fuß zur Schule kamen, durften Schüler, die von außerhalb anreisen mussten – beispielsweise aus Holte – vor allen andern Kindern ins Klassenzimmer, um sich dort aufzuwärmen. Wenn Koks für den Ofen geliefert wurde, mussten die Jungen ihn einschaufeln. Und es war auch nicht ungewöhnlich, dass Schüler nachmittags bei dem einen oder anderen Lehrer zur Gartenarbeit erscheinen durfte, erinnerten sich die Ehemaligen.

Auch ihre Lehrer konnten sich die Herscheider Schüler ohne Probleme ins Gedächtnis rufen: Traudel Behrendes, Hans-Albert Lichtwark, Paul G. Prolingheuer, Fräulein Wilke, Otto Herberg und Carl Sauer – die Namen machten schnell die Runde.

Letzterer war der Musiklehrer und manch einer hatte bei ihm im Schulchor gesungen. Wie zum Beispiel bei der Einweihungsfeier für die neue Schule am Rahlenberg, die in der Gemeinschaftshalle stattfand. „Im Musikunterricht konnte es aber auch vorkommen, dass Herr Sauer unaufmerksame Schüler mit einer Stimmgabel bewarf“, erinnerten sich die ehemaligen Schüler. Generell seien viele Lehrkräfte früher nicht so feinfühlig gewesen wie ihre heutigen Kollegen.

Fünf Unterhosen als Rohrstock-Schutz

So berichteten die Ehemaligen von dem einen oder anderen Lehrer, der einen Rohrstock benutzte, um sich Respekt zu verschaffen. Friedrich Wilhelm Geidis berichtete, dass er eines Tages etwas angestellt hatte und wusste, dass er am nächsten Tag in der Schule den Stock zu spüren bekommen würde. Vorsorglich habe er sich an diesem Sommertag fünf Unterhosen angezogen, damit sich der zu erwartende Schmerz in Grenzen halten würde. In der Schule angekommen aber sagte der Lehrer: „Du hast Glück! Ich habe Geburtstag und deshalb erlasse ich dir die Strafe.“ Die Schmerzen blieben Geidis erspart, doch wegen der zahlreichen Unterhosen wurde ihm an diesem Tag recht warm.

Erinnerungen an einen Wandertag, der die Schüler von Herscheid zur Burg Altena und zurück führte, waren ebenso Thema wie die Klassenfahrten ins Hohe Venn oder zum Niederrhein mit einem Ausflug nach Nijmegen.

In bester Erinnerung ist aber allen die Klassenfahrt in die Eifel geblieben. Auf dem Nürburgring durfte der Reisebus mit den Schülern eine Runde über die bekannte Rennstrecke fahren. Auch die Abschlussfahrt ist allen in lebhafter Erinnerung geblieben. Sie führte die damaligen Schüler nach Köln, Düsseldorf und Bonn, wo sie gemeinsam den Deutschen Bundestag und den NRW-Landtag besuchten.

Nach dem Abendessen saßen die Letzten der alten Schule noch beisammen und tauschten weitere Erinnerungen aus, die zeigten: Schule war früher schon ganz anders.

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