Seniorin berichtet von aufwühlendem Gespräch

Schock-Anruf: Perfide Betrugsmasche am Telefon

Besonders häufig suchen die Telefonbetrüger Senioren als ihre Opfer aus. Dafür studieren sie Telefonbücher und suchen in diesen nach Namen, die vermuten lassen, dass es sich um ältere Bürger handelt.
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Besonders häufig suchen die Telefonbetrüger Senioren als ihre Opfer aus. Dafür studieren sie Telefonbücher und suchen in diesen nach Namen, die vermuten lassen, dass es sich um ältere Bürger handelt.

Das Klingeln des Telefons zerschneidet die verregnete Stille am Mittwochnachmittag: Die Seniorin hebt ab und hört eine weinerliche Stimme. Die Frau am anderen Ende der Leitung klingt verletzt, durcheinandern, aufgewühlt. Auf diese Weise beginnt eine recht neue Betrugsmasche, auf die eine Herscheider Seniorin glücklicherweise nicht hereingefallen ist. Sie möchte warnen vor den sogenannten Schock-Anrufen.

Herscheid - „Ich bin eigentlich hart im Nehmen, aber diese bühnenreife Darstellung hat mich mitgenommen“, gesteht die Herscheiderin, die ihren Namen vorsichtshalber nicht preisgeben will. Man könne ja nicht wissen, was die unbekannten Täter noch alles anstellen könnten. Der Anruf, der erschlagend echt wirkte, lasse darauf schließen, dass da Profis am Werk sind.

„Da läuteten sämtliche Alarmglocken bei mir“

Profis, die eine perfide Geschichte erzählen: Die eingangs erwähnte Frau stammelt unter Tränen, dass sie wegen eines schlimmen Unfalls bei der Polizei sei. „Da läuteten sämtliche Alarmglocken bei mir“, erzählt die Seniorin, die unweigerlich an ihre Enkelin denken muss.

Doch weitere Fragen an die aufgelöste Person kann sie nicht stellen. Denn umgehend übernimmt eine andere Frau die Gesprächsführung. Sie stellt sich als Polizeipsychologin vor, die angeblich von der Dienststelle in Siegen aus anrufe. Dort habe sie die junge Frau kennengelernt, die einen schweren Unfall verursacht habe und deswegen von den Kollegen ins Gewahrsam gebracht wurde.

Die Frau wechselt geschwind zum Thema Datenschutz, erfragt Name, Wohnort und Geburtsdaten der Herscheiderin, die dahinter keine böse Absicht vermutet. „Man hat mich fortlaufend in ein Gespräch verwickelt, da blieb keine Zeit zum Nachdenken.“ In Sorge, ihrer Enkelin könnte etwas Schlimmes passiert sein, gibt sie die persönlichen Daten preis.

Die vermeintliche Psychologin tischt in der Folge eine erschütternde Geschichte auf: Die junge Verwandte sei nicht nur zu schnell mit ihrem Auto unterwegs gewesen, sondern sie habe während der Fahrt auch ihr Handy genutzt. Daher habe sie eine rote Verkehrsampel und auch einen Fußgänger übersehen – der Mann sei von dem Auto erfasst worden und an den erlittenen Verletzungen verstorben.

Rückfragen an die junge Fahrerin seien schwierig, weil diese unter Schock stehe und sie sich bei dem Zusammenstoß auf die Zunge gebissen habe, weshalb sie sehr schlecht zu verstehen sei. An der Echtheit dieser Aussagen zweifelt die Herscheiderin zunächst nicht: „Das ist wie eine Blockade im Kopf.“

20 000 Euro Kaution und Einschüchterung

Diese Unsicherheit nutzt die Unbekannte am Telefon aus: Sie erzählt, dass die Fahrerin das Gewahrsam gegen eine Kaution verlassen dürfe, die die Staatsanwaltschaft auf 20 000 Euro festgesetzt habe. „Sie dürfen auf keinen Fall mit jemandem darüber reden, weil die Angelegenheit sonst ja öffentlich würde oder an die Presse geraten könnte“, wird die Seniorin eingeschüchtert.

Ob sie die 20 000 Euro für die Kaution aufbringen könne, die sie natürlich wieder zurückerhalten würde? Dies verneint die Herscheiderin. Daraufhin bohrt die falsche Psychologin nach: Sie fragt nach kleineren Summen, Wertgegenständen oder Sparbüchern. Die Herscheiderin gerät ins Grübeln, gibt eine kleinere Summe an und verspricht wiederholt, mit niemandem über diese Angelegenheit zu sprechen.

Telefonbetrügerein sind im Kreis an der Tagesordnung: Polizei warnt

Nahezu täglich gehen bei der Polizei im Märkischen Kreis Meldungen zu Telefonbetrügereien ein. Wie Polizeisprecher Lorenz Schlotmann erzählt, seien zurzeit zwei Maschen weit verbreitet: Bei den Corona-Anrufen geben die Täter vor, sie seien Verwandte und lägen im Krankenhaus. Dort bräuchten sie dringend Geld für eine Spritze gegen Corona oder andere schwere Krankheiten. „Ansonsten muss ich sterben“, geben die Betrüger in den meisten Fällen an. Das Ziel, Emotionen zu wecken und die Personen unter Druck zu setzen, verfolgen auch die Schock-Anrufer. Dabei werden – wie im Fall der Herscheider Seniorin – Unfälle mit fatalen Folgen geschildert. Auch hier verlangen die Anrufer meist Geld oder andere Wertsachen. Als Opfer werden in erster Linie Senioren ausgesucht. Dafür suchen die Täter in Telefonbüchern nach Namen, die auf eine ältere Person schließen lassen. „Die Vorgehensweise ist perfide und skrupellos“, sagt Lorenz Schlotmann. Die Polizei rät daher, bei solchen Anrufen dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen. Wann immer Ungereimtheiten auftreten, sollte man das Telefonat umgehend beenden und stattdessen bei Verwandten anrufen, um sich zu erkundigen, ob die Geschichte wahr ist oder nicht. Im Betrugsfall sollte man direkt Anzeige bei der Polizei erstatten. 

Die Anruferin verabschiedet sich schließlich mit der Angabe, sich zunächst mit dem Staatsanwalt abstimmen zu wollen. Die Seniorin solle auf jeden Fall die Telefonleitung freihalten für einen baldigen Rückruf.

Der kommt allerdings nicht. Stattdessen wachsen die Bedenken bei der Seniorin: „Es dauerte aber eine Viertelstunde, bis mir klar war, dass es sich um einen versuchten Betrug handeln muss.“ Sie erkundigt sich bei der Polizei in Siegen, ob es einen solchen Unfall mit tödlichen Folgen gegeben habe – dies ist nicht der Fall.

Anrufer erzeugen bewusst Betroffenheit

Daher informiert sie die Polizei in Plettenberg, wo sie von der neuen Betrugsmasche erfährt: Schock-Anrufe. Am Besten sollte man in solchen Fällen sofort auflegen, wird ihr geraten. „Das ist aber leichter gesagt, als getan. Die Betrüger haben bei mir eine Betroffenheit erzeugt“, erzählt die Herscheiderin.

Inzwischen sei sie erleichtert, dass sie den Betrügern keine weiteren vertraulichen Daten und schon gar keine Bankverbindungen oder ähnliche Dinge genannt hat. Auch bei der Enkelin habe sie sich inzwischen versichert, dass diese unversehrt ist.

Doch sie will die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Um ihre Mitbürger zu warnen, wendet sich die Seniorin an die Zeitung und schildert den Anruf in aller Ausführlichkeit. Sie rät, sich auch von den gewählten Worten der angeblichen Polizeipsychologen und der geschilderten Dramatik nicht überrumpeln zu lassen. Denn diese würden am Telefon Wirkung zeigen: „Ich war wirklich schockiert.“

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