Wie machen es die Dorfgemeinschaften?

Maibaum aufstellen wie sonst nicht möglich - und doch stehen sie in einigen Ortsteilen

Mit vereinten Kräften stellen die Bürger wie hier in Elsen normalerweise den Maibaum auf.
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Mit vereinten Kräften stellen die Bürger wie hier in Elsen normalerweise den Maibaum auf. So wie auf diesem Archivbild war es diesmal nicht möglich. Und trotzdem steht ein Maibaum...

Der 1. Mai ist in vielen Ortsteilen ein Tag, an dem die Nachbarschaft zusammenkommt, der Frühlingsbeginn gefeiert und die Gemeinschaft gestärkt wird. Die Corona-Pandemie setzt diese Tradition schachmatt. Was bedeutet dieser Verzicht für die hiesigen Dorfgemeinschaften?

Herscheid - Wir haben uns exemplarisch in Elsen, Friedlin und Rärin umgehört.

Normalerweise sind die Rollen klar verteilt: Die Männer gehen vormittags in den Wald, der amtierende Maikönig sucht die schönste Birke aus, die von seinem Gefolge geschlagen und beim Marsch ins Dorf stolz präsentiert wird. Frauen und Kinder widmen sich fortan dem Baumschmuck mit bunten Bändern. Ehe auf den Wonnemonat angestoßen wird, erfolgt das Aufrichten, vollbracht von den Männern und zwar – das gebührt die Ehre – ohne maschinelle Hilfe, sondern allein mit reiner Muskelkraft und einigen Leitern.

Maibaum aufstellen: Die Situation in Elsen

Doch darauf müssen die Elsener bereits das zweite Jahre in Folge verzichten. Seit der gemeinsamen Winterwanderung im Februar 2020 fielen alle geplanten Veranstaltungen der Pandemie wegen aus. „Es fehlt an allen Ecken und Enden“, sagt Dorfsprecher Edgar Althoff. Das Maifest oder auch das Osterfeuer seien bei Groß und Klein beliebt. Ein Großteil der 100 Anwohner in der kleinen Ortschaft, etwa mittig zwischen Herscheid und Hüinghausen gelegen, beteilige sich an diesen Bräuchen. „Wir alle warten darauf, dass wir uns endlich wieder regelmäßiger treffen können“, sehnen Althoff und seine Nachbarn ein Stück Normalität herbei.

Von einer Entfremdung sei man zwar weit entfernt. Aber die Kommunikation leide trotz aller technischen Möglichkeiten unter den Kontaktverboten; das Zwischenmenschliche sei auf ein Minimum reduziert.

Bei allen nachvollziehbaren Einschränkungen: „Der Maibeginn ohne einen Baum – das kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Edgar Althoff. In abgespeckter Version kümmerten sich daher zwei Elsener am Samstag um einen Baum, der ausnahmsweise von einem Trecker aufgerichtet wurde. „Draußen, an der frischen Luft, auf Abstand und mit virenfreiem Traktor“, betont der Dorfsprecher. Das beliebte Zusammensein im Anschluss hingegen musste erneut entfallen.

Maibaum aufstellen: Die Situation in Friedlin

Ganz ähnlich ist die Situation im (Luftlinie) knapp 1,3 Kilometer entfernten Friedlin. Dort wohnen insgesamt etwa 300 Einwohner – und auch sie müssen seit über einem Jahr zueinander auf Distanz gehen, was überhaupt nicht ihrem Naturell entspricht.

Dementsprechend schwer sei die Umsetzung der Schutzmaßnahmen im Alltag, die für manch merkwürdige Begegnung sorgen, gesteht Sprecher Volker Halbhuber: „Selbst bei der Gartenarbeit ist man vorsichtig, wenn ein Nachbar vorbeigeht.“

Wie verhält man sich richtig? Ist ein lockerer Plausch auf Distanz vielleicht dem Gegenüber schon unangenehm? Und was ist, wenn während eines Vier-Augen-Gespräches am Gartenzaun noch ein dritter Nachbar vorbeikommt? Die allgemeine und die eigene Unsicherheit sei bei diesen Begegnungen deutlich zu spüren, meint Halbhuber: „Auf die Dauer schlägt das aufs Gemüt.“

Denn genau diese Gemeinschaft zeichne das Leben im Ländlichen ja eigentlich aus. Insbesondere bei den Osterfeuern rücke man für gewöhnlich eng zusammen, um über dies und das zu plaudern und miteinander zu feiern. Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit leide unter Corona. „Wir Friedliner lechzen danach, endlich wieder ungezwungen in die Klemme gehen oder uns unterm Maibaum zuprosten zu können.“ Immerhin: Auf den obligatorischen Maibaum – aufgestellt unter Berücksichtigung aller Vorgaben – wollten auch die Friedliner nicht verzichten.

Maibaum aufstellen: Die Situation in Rärin

Ob Kürbismarkt oder Bergfest – das Bergdorf Rärin hat in der Vergangenheit schon so manchen Publikumsmagnet auf die Beine gestellt. Doch auch die Feste der etwa 85 Mitglieder umfassenden Dorfgemeinschaft waren stets stimmungsvoll – wobei die Betonung auf waren liegt, denn auch die Räriner sind seit Pandemiebeginn dazu gezwungen, auf Laternenumzüge, Osterfeuer und Nachbarschaftsfeste zu verzichten.

Wenn die ansässige Löschgruppe früher am 1. Mai zum Familientag einlud, dann strömten Nachbarn aller Altersgruppen herbei, um einen gemütlichen Tag rund um das Gerätehaus zu verbringen. „Daraus wird in diesem Jahr nichts“, bedauert Anwohner Frank Holthaus. Der 1. Mai, ein Tag wie viele andere auch – daran wolle er sich nicht gewöhnen.

Die Geselligkeit komme zurzeit zu kurz, da seien sich alle Nachbarn einig. Doch das sei nur eine Momentaufnahme: Dass der langfristige Zusammenhalt bröckeln könnte, das befürchtet in Rärin niemand. Zumal es zwischendurch immer wieder kleine Lichtblicke gebe. Das Bushäuschen in der Ortsmitte werde – auf Abstand – der Jahreszeit entsprechend gestaltet. Und in der Adventszeit habe eine neue Nachbarin spontan zum Schifferklavier gegriffen und weihnachtliche Lieder unter freiem Himmel gespielt.

Ein solches Zeichen der Verbundenheit haben auch zwei Räriner anlässlich des Frühlingsbeginns gesetzt, indem sie kurzerhand einen Maibaum aufgestellt haben – notgedrungen unter Ausschluss der Nachbarschaft. Dieser soll – genau wie in Elsen und Friedlin auch – vor allem eines symbolisieren: Die Dorfgemeinschaften werden durch Corona zwar auf eine harte Probe gestellt, daran zerbrechen werden sie aber nicht.

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