Veränderte Denkweise im Wald: „Immer auf die Dicken“

Leiter des Landesbetriebs Wald und Holz rät dazu, verstärkt dicke Bäume zu fällen

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Mitten im Wald nahe Nieder-Holte: Der stellvertretende Forstamtsleiter Jörn Hevendehl (re.) verdeutlicht dem Leiter des Landesbetriebes Wald und Holz NRW, Andreas Wiebe (li.), anhand einer an einem Baum aufgehängten Grafik die Ergebnisse der Landeswaldinventur. 

Herscheid - Der Klimawandel ist in Herscheid angekommen: Trockenperioden und starke Stürme stellen den „Brotbaum“ der heimischen Waldbesitzer, die Fichte, vor neue Herausforderungen. 

Wie diese gemeistert werden können, darüber wurde gestern beim Besuch von Andreas Wiebe, Leiter des Landesbetriebs Wald und Holz NRW, intensiv diskutiert.

Versammlungsort war direkt im Betrieb ohne Dach – also im Wald. Exemplarisch ausgewählt worden war eine etwa 87 Jahre alte, kirchliche Waldfläche in der Nähe der Ortschaft Nieder-Holte. Dort entfachte unter den Forstamtsmitarbeitern und den Mitgliedern der hiesigen Forstbetriebsgemeinschaft eine leidenschaftliche Diskussion rund um eine erfolgreiche Bewirtschaftung. 

Dabei wurde eines deutlich: Die Zeiten von Kahlschlägen scheint vorbei zu sein. Zielstärkennutzung lautete eines der Schlagwörter – also das Fällen von Bäumen ab einem bestimmten Reifegrad. Jörn Hevendehl, stellvertretender Forstamtsleiter, machte dabei deutlich, dass Starkholz (Bäume mit einem Stammdurchmesser von 50 Zentimetern und mehr) nicht mehr gefragt sei. 

Die Produkte werden eher kleiner, riet er dazu, mit alten Denkweisen zu brechen und jetzt konsequent dicke Bäume zu fällen, bevor sie an Wert verlieren. Diese Maxime konnte auch Andreas Wiebe bestätigen. Früher habe die Ernte von dicken Bäumen bedeutet: „Da ist jemand pleite.“ Doch diese Ansicht habe längst ihre Gültigkeit verloren. Der Aufbau von Vorratsaufkommen sei heute mit Risiken behaftet. Wiebe nannte die Sturmschäden, die aufgrund der klimatischen Veränderungen in Zukunft häufiger auftreten, und die Entwertung. „Immer auf die Dicken“, lautete sein launischer Ratschlag an die Waldbesitzer. 

Doch nicht alle Forstexperten wollten sich dieser Meinung bedingungslos anschließen: Waldwirtschaft ausschließlich anhand von Verkaufspreisen auszurichten sei der falsche Weg, warnte Förster Henning Stolz. Sinnvoller sei es, bereits jetzt dafür zu sorgen, dass der Anteil des Starkholzes kurzfristig nicht ausufere. Dies könne nur dann gelingen, wenn auch gezielt mittelstarkes Holz gefällt werde. Herscheids Revierförster Klaus Kermes ging am Beispiel der Waldfläche in Nieder-Holte auf Möglichkeiten der Ertragsoptimierung und eine „standortangepasste Verjüngungsstrategie“ ein. Verschiedene Varianten der Bewirtschaftung wurden vor Ort besprochen. Ausgewählte Parameter ließen dabei auch Ausblicke in die Zukunft zu. 

Für Rolf Brühne, den Vorsitzenden der Forstbetriebsgemeinschaft Herscheid, und deren Mitglieder war dabei vor allem die Verzinsung von Interesse. Letztlich soll sich für die Waldbesitzer die Vermarktung ihres Holzes ja auch lohnen. Genau das sei weiterhin möglich, hieß die Kernbotschaft dieser Forstamtstour: Auch in stürmischen Zeiten kann der „Brotbaum“ der Herscheider weiter erfolgreich bewirtschaftet werden.

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