Frauen an die Macht - geht das bei der Feuerwehr?

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Im Gerätehaus Hüinghausen hat Laura Linke bereits einen eigenen Spint sowie Einsatzkleidung. Das nötige Rüstzeug lernt sie zurzeit in der Grundausbildung.

Sie will nicht einfach nur tatenlos dastehen, sondern helfen, wenn Menschen in eine Notlage geraten sind. Ehrenamtlich, versteht sich, in ihrer Freizeit. Genau davon opfert Laura Linke bereits jetzt einen Großteil auf, um Anfang Dezember das angestrebte Ziel zu erreichen: Die Hüinghauserin will unbedingt Feuerwehrfrau werden.

Herscheid - Der Weg dorthin ist noch weit: Die sogenannte Truppmannausbildung umfasst insgesamt 160 Unterrichtsstunden in Theorie und Praxis. Etwa die Hälfte hat die 25-Jährige bereits hinter sich – ein guter Zeitpunkt, um sie nach ihrer Motivation und ihren Eindrücken zu befragen. Zum Gespräch treffen wir Laura Linke nicht zufällig im Gerätehaus an der Habbeler Straße. Dort kommt sie mit anderen Kursteilnehmern zum Lernen zusammen und –dort wohnt sie auch. Besser gesagt, direkt gegenüber, oberhalb der Rammberghalle, gemeinsam mit ihrem Freund Philipp. Er ist bereits Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, sodass Laura aus reinem Interesse einige Übungen miterleben durfte. „Aber andere Berührungspunkte mit der Feuerwehr hatte ich vorher nicht“, erklärt sie.

 Ein Schlüsselerlebnis

Vor eineinhalb Jahren erlebte die ehemalige Plettenbergerin dann einen Aha-Moment auf der Bundesstraße 236 im Bereich Teindeln: Unweit des Roller-Marktes krachten zwei Fahrzeuge frontal ineinander. Laura Linke gehörte zu den ersten Autofahrern am Unfallort. Während die meisten einfach weiterfuhren, hielt sie an. Beim Aussteigen begleitete sie ein ungutes Gefühl: Doch es blieb keine Zeit darüber nachzudenken, ob sie dieser Situation gewachsen sein könnte. Ohnehin stand für sie fest: „Nichts zu tun, ist das Falscheste, was man machen kann.“ Und so kümmerte sie sich um die zum Glück nur leicht verletzten Fahrer, sprach ihnen gut zu und setzte einen Notruf ab. 

Spätestens seit diesem Moment stand für sie fest, dass sie mehr unternehmen möchte, dass sie mehr leisten möchte. Und so reifte in ihr der Gedanke, die Grundausbildung für den Feuerwehrdienst anzutreten. Die Reaktionen im Familienkreis fielen unterschiedlich aus. Während ihr Freund Philipp begeistert seine Unterstützung anbot, konnte ihre Mutter die eigene Überraschung nicht verbergen: „Du bist doch verrückt“, waren ihre ersten Worte, die Laura aber keinesfalls böse aufgefasst hat. 

Den Ängsten stellen

„Denn eigentlich bin ich ja auch eher ein Angsthase“, gibt die 25-Jährige zu. Eine Einstellung, die jedoch kein Hindernis sein muss, ergänzt sie: „Manchmal muss man sich seinen eigenen Ängsten eben stellen.“ Bezogen auf den Feuerwehrdienst sieht sie vielfältige Möglichkeiten, um sich einbringen zu können. Nicht jeder sei dafür geschaffen, etwa bei einem schweren Verkehrsunfall Fahrzeuge aufzuschneiden, um eingeklemmte Personen zu befreien. „Aber Hütchen aufstellen und den Einsatzort absichern – das kann doch wohl jeder“, meint Linke. Nach den ersten Wochen der Ausbildung hat sie ihren Entschluss jedenfalls nicht bereut – ganz im Gegenteil. Bereits jetzt lernt sie die wachsende Kameradschaft kennen, kann neue Kontakt knüpfen. Dieses Gemeinschaftsgefühl sei einer der entscheidenden Faktoren gewesen, der Feuerwehr beizutreten, so die Hüinghauserin.

Laura Linke will hoch hinaus: Die 25-Jährige befindet sich derzeit in der Truppmannausbildung zur Feuerwehrfrau.

 Die bisher besprochenen Themen sagen ihr zu: Erste Hilfe, Retten und Selbstretten, tragbare Leitern, Gefahren an der Einsatzstelle – all diese Dinge gehören zum Feuerwehr-ABC. Selbst das Lernen von Paragrafen und Gesetzestexte können die gelernte Bilanzbuchhaltern nicht schocken. Die theoretischen Blöcke der Ausbildung werden immer wieder durch praktische Übungen aufgelockert. Eine willkommene Gelegenheit, um das Erlernte in der Praxis anzuwenden. Schlauchender Kater

Ohnehin scheut sich die 25-Jährige nicht davor, mit anzupacken. Wenngleich sie gestehen muss, nach dem Üben des korrekten Schlauchausrollens am Folgetag von Muskelkater in den Unterarmen begleitet worden zu sein. Am Anfang stelle man sich vermutlich eher ungeschickt an, vermutet sie, will aber deshalb nicht gleich die Flinte ins Korn werfen – bekanntlich mache Übung ja den Meister und die Meisterin. Wo später ihre Fachbereiche liegen könnten, darüber hat sich Laura bereits Gedanken gemacht. Als Maschinistin würde sie sich auf das Fahren der Einsatzfahrzeuge freuen. Und weil Chemie schon in der Schule ihr Lieblingsfach war, gilt ihr Feuerwehrinteresse insbesondere dem ABC-Spezialbereich, also dem Umgang mit atomaren, biologischen und chemischen Gefahrstoffen.

 Bloß keine Schlangen

Dass sie demnächst rund um die Uhr zu Einsätzen gerufen werden könnte, das schreckt Laura nicht ab. „Das bringt dieses Ehrenamt eben mit sich“, befürchtet sie aber keine gravierenden Einschnitte. Zudem ist sie froh, dass sie die berufliche Rückendeckung ihres Chefs erhält, der ihr bei Einsätzen zu Tageszeiten keine Steine in den Weg legen möchte. Lediglich wenn ihr Pieper einmal das Einsatzwort Schlangen aufzeigen würde, dann hätte sie selbst Skrupel. „Bei einem solchen Einsatz müsste die Feuerwehr auf mich verzichten, ich kann Schlangen überhaupt nicht leiden“, lacht die 25-Jährige. 

Ein Szenario, das weder zum jetzigen Grundkurs, noch zum späteren Feuerwehralltag gehört, kann Andreas Vyge beruhigen: „Diese Einsätze gibt es bei uns in Herscheid äußerst selten“, betont der Ausbildungsleiter, der mit dem bisherigen Verlauf des Lehrgangs äußerst zufrieden ist. Die Teilnehmer ziehen voll mit und zeigen großen Wissensdurst. Daher macht er sich vor der Zwischenprüfung, die am Donnerstag ansteht, keine großen Sorgen: Wenn alle so weitermachen wie bisher, dann „wird das schon klappen“, meint Vyge.

 Frauenquote steigt

Er freut sich, dass neben Laura vier weitere Teilnehmerinnen die Grundausbildung durchlaufen. Die Feuerwehr als Männerdomäne – das sei ein Bild der Vergangenheit, da sind sich Ausbilder und Auszubildende einig. Der Frauenanteil soll unbedingt weiter zulegen, teilt Vyge die Ansicht der Herscheider Wehrleitung. Frauen, die sich in ihrer Freizeit um das Wohl der Allgemeinheit sorgen und die Feuerwehr bei ihren vielfältigen Tätigkeiten unterstützen, werden in Zukunft angesichts des demografischen Wandels und einem möglichen Umbruch in der Wehr (Stichwort Altersgrenze 67) dringend benötigt. Und so freut sich der Ausbilder umso mehr darüber, eine wie Laura Linke in seinem Kurs zu wissen – denn sie will unbedingt Feuerwehrfrau werden.

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