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Landarzt-Mangel: Hausärztin im MK lässt Dampf ab

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Von: Dirk Grein

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Hausärztin Kornelia Hauswald (stehend, am Mikrophon) diskutierte im Café-Restaurant Vedder mit Claudia Middendorf, Patientenbeauftragte NRW (links), über die Alltagssituation von Hausärzten.
Hausärztin Kornelia Hauswald (stehend, am Mikrophon) diskutierte im Café-Restaurant Vedder mit Claudia Middendorf, Patientenbeauftragte NRW (links), über die Alltagssituation von Hausärzten. © Grein, Dirk

Noch vor zehn Jahren sah sich die Gemeinde Herscheid mit seinerzeit drei Hausarztpraxen gut aufgestellt. Schon bald könnte jedoch mit der Praxis Jacques nur noch eine überbleiben, was passiert dann? – Mit diesen Worten leitete der CDU-Vorsitzende Thomas Hartung am Freitagnachmittag eine brisante Diskussion im Café-Restaurant Vedder ein.

Herscheid – Als Erstes hatte Dr. Klaus Wollweber vor gut neun Jahren seine Praxis an der Bergstraße aufgegeben; er hatte damals nach einem Nachfolger gesucht, aber keinen gefunden. Ein solches Schicksal scheint der Praxis von Michael und Kornelia Hauswald erspart zu bleiben. Zwar will das Ärztepaar seine Praxis am Neuer Weg zum Jahresende (wir berichteten) aufgeben. Aber „wir sind guter Dinge, einen Nachfolger zu finden“, erzählte Kornelia Hauswald.

Sie gab Einblicke in die Entscheidungsfindung der Familie: Zunächst habe man Hoffnung gehabt, dass eines der beiden Kinder – beide Mediziner – die Praxis übernehmen würde. Doch „aufgrund der Bindungsverhältnisse“ haben sich beide für andere Standorte entschieden.

Dennoch zeigte sich Kornelia Hauswald optimistisch. Die auf Initiative von Bürgermeister und Rat vor wenigen Tagen verabschiedete Herscheider Richtlinie zum Gewinn von jungen Ärzten könnte möglicherweise entscheidend dazu beitragen, einen Nachfolger zu finden. Zumindest verlaufen die Gespräche mit einem Kandidaten – den sie namentlich nicht nennen wollte – vielversprechend. Unterschrieben sei jedoch noch nichts.

Junge Mediziner wollen keine Unternehmer sein

Die Herscheiderin nutzte die CDU-Veranstaltung, um Dampf abzulassen. Dass insbesondere ländliche Kommunen nach Ärzten suchen, sei kein Zufall, sondern habe Gründe. Beispielhaft nannte sie die schlechte technische Ausrüstung der Landarztpraxen, was die problematische Einführung des E-Rezeptes deutlich vor Augen führe.

Ein weiteres Hindernis: Als niedergelassener Arzt sei man immer auch Unternehmer. „Und genau das wollen junge Mediziner nicht machen“, betonte die Herscheiderin, die von wachsender Verantwortung berichtete. Früher sei die Versorgung von durchschnittlich 1 000 Patienten im Monat eine Messlatte gewesen; diese Zahl sei auf 1 500 bis 2 000 gestiegen. „Das ist eine Hausnummer“, sagte Hauswald.

Wachsende Belastung in den Praxen auf der einen, nahezu identische Bezahlung von niedergelassenen und angestellten Ärzten auf der anderen Seite: Es sei wenig verwunderlich, dass sich junge Ärzte nur noch selten aufs Land locken lassen.

Wichtiger denn je sei eine gesunde Portion Idealismus, die man zwingend mitbringen müsse. Der Liebe für den Beruf und dem Dienst am Menschen werde jedoch eine gravierende Hürde entgegengestellt: die Budgetierung. „Wir sind dazu angehalten, wirtschaftlich zu handeln“, betonte Kornelia Hauswald. Besagte Budgetierung bedeute für sie einen unnötig großen bürokratischen Aufwand, der von der eigentlich wichtigen medizinischen Arbeit abhalte. „Dabei ist doch der Patient das Wichtigste“, betonte die Ärztin.

Hälfte der Hausärzte in NRW ist Ü 55

All diese Worte richtete die Herscheiderin am Freitag an den CDU-Landtagskandidaten Ralf Schwarzkopf sowie an Claudia Middendorf: Die Patientenbeauftragte NRW nannte bedenkliche Zahlen. Die Hälfte der rund 11 000 Hausärzte in Nordrhein-Westfalen sei 55 Jahre oder älter. Die Suche nach jungen Medizinern betreffe nahezu alle Kommunen, die Politik sei gefordert. Sie nannte erste Lösungsansätze: Studienplätze für Medizin seien nicht mehr an den Numerus clausus gebunden, was die Hoffnung auf mehr Nachwuchs nähre. Vor Ort sollen medizinische Versorgungszentren aufgebaut werden.

Zudem sprach Middendorf davon, die Telemedizin verstärkt einzubinden. In Paderborn finde eine Testphase statt, bei der ein Notarzt von der Rettungsleitstelle aus zu Sanitätern geschaltet wird, um deren Noteinsätze bei Patienten zu unterstützen und die Behandlung gezielt zu steuern.

Begeistert zeigte sich die Patientenbeauftragte von dem Mobil Sorglos: Dieses neuartige Projekt der Nachbarkommunen Herscheid und Plettenberg hatte Rathaus-Mitarbeiterin Meryem Yilmaz am Freitagnachmittag kurz vorgestellt. Auch dabei spielt die Telemedizin bei Videosprechstunden in einem umgebauten Wohnmobil eine tragende Rolle. So etwas müsse es in ländlichen Bereichen häufiger geben, lobte Claudia Middendorf.

A45 großes Problem für Märkische Kliniken

Ein gravierendes Problem für die heimische Region sei die Sperrung der Rahmedetalbrücke der A45. Laut Ralf Schwarzkopf seien davon rund 30 Prozent der Mitarbeiter der Märkischen Kliniken betroffen. Der längere Weg zu Arbeit sei eine Belastung. Neues Personal für die Kliniken zu finden sei unter diesen Voraussetzungen noch schwieriger.

Bereits jetzt habe sich laut Schwarzkopf der Gedanke bei den Bürgern festgesetzt: „Hoffentlich landen wir nicht in der Notaufnahme“. Dort gebe es eine Sprachbarriere, häufig verstehen die Patienten die Ärzte kaum noch. Auch auf den Stationen herrsche Personalmangel und für ambulante Pflegedienste gebe es im Raum Lüdenscheid kaum noch Chancen, vereinbarte Termine einzuhalten.

Die medizinische Situation vor Ort werde durch die A45 zusätzlich erschwert, bedauerte Schwarzkopf.

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