1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Herscheid

Kirche vor tiefgreifendem Wandel: Kooperationsräume sollen die Rettung sein

Erstellt:

Von: Dirk Grein

Kommentare

Die Kirche im Dorf lassen – die Umsetzung der Redewendung wird erschwert. Der Blick der Evangelischen Kirchengemeinde soll sich künftig nicht mehr nur auf die eigenen Belange und die der Apostelkirche beschränken.
Die Kirche im Dorf lassen – die Umsetzung der Redewendung wird erschwert. Der Blick der Evangelischen Kirchengemeinde soll sich künftig nicht mehr nur auf die eigenen Belange und die der Apostelkirche beschränken. © engel

Gerät die Sanierung der Apostelkirche ins Wanken? Muss das Martin-Luther-Haus aufgegeben werden? Gibt es bald keinen Gemeindepfarrer mehr vor Ort? Bei der Versammlung der Evangelischen Kirchengemeinde standen existenzielle Fragen im Raum. Auf viele gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine eindeutigen Antworten. Fest steht jedoch: Die massiven Veränderungen in der Evangelischen Kirche werden auch vor Herscheid keinen Halt machen.

Herscheid - „Menschen treten zurzeit scharenweise aus der Kirche aus“, benannte Pfarrer Bodo Meier das größte Problem, vor dem die gesamte Evangelische Landeskirche stehe. Bedingt durch die allgemeinen Preisentwicklungen befinden sich die Zahlen derer, die noch Kirchensteuer zahlen, im freien Fall. Vermutlich bereits Mitte dieses Jahrzehnts, spätestens jedoch zum Ende, werden die Mitgliederzahlen um ein Drittel gesunken sein, besagen neueste Prognosen.

Zugleich schrumpfe die Zahl der Pfarrer, weil es kaum noch Menschen gebe, die Theologie studieren. Das reine Schaffen von Pfarrstellen reiche als Mittel zum Gegensteuern nicht aus, weil nicht genügend Bewerber dafür vorhanden wären, um diese Stellen zu besetzen. Meier sprach von einem Bedeutungsverlust der Kirche mit Folgen: „Innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahren müssen wir lernen, mit einem anderen Blick auf die Evangelische Kirche zu schauen.“

Landeskirche regiert mit diesen Maßnahmen

Nicht mehr eine Kirchengemeinde allein stehe künftig im Mittelpunkt, sondern ein Kooperationsraum, in dem mehrere Gemeinden zusammenwachsen sollen. Ohne zu wissen, wie eine solche Zusammenarbeit im Detail aussehe, seien die Kirchenvorstände und Presbyterien dazu angehalten, so schnell wie möglich eine Entscheidung zu treffen, mit welchen Gemeinden sie einen Kooperationsraum bilden wollen. Ringt man sich nicht bis zum Sommer zu einer Entscheidung durch, dann bestimme der Kreissynodalvorstand über die Zusammensetzungen.

Bodo Meier betonte, dass dieser Prozess nicht mit einer Fusion gleichzusetzen sei. Dennoch gebe es gravierende Konsequenzen: So soll auf 5 000 Glieder einer Kooperation eine Pfarrstelle entfallen. Da eine hauptamtliche Person allein die anfallenden Aufgaben nicht bewältigen könne, sollen Interprofessionelle Pastoralteams gebildet werden. Diese sollen aus drei Personen bestehen, die sich um das pastorale Arbeitsfeld kümmern sollen.

„Menschen treten zurzeit scharenweise aus der Kirche aus“, berichtete Gemeindepfarrer Bodo Meier.
„Menschen treten zurzeit scharenweise aus der Kirche aus“, berichtete Gemeindepfarrer Bodo Meier. © Dirk Grein

Meier nannte ein Beispiel für eine mögliche Zusammenarbeit: Aus historischen Gründen sei ein Zusammentun Herscheids mit den Plettenberger Gemeinden (Plettenberg, Eiringhausen, Ohle) denkbar. Zum Zeitpunkt der Kooperation dürften die Gemeindegliederzahlen in diesem Verbund auf 9000 zurückgegangen sein; mehr als eine Pfarrstelle gäbe es dann nicht.

Bodo Meier gab zu verstehen, dass bereits zahlreiche Gespräche in verschiedenen Besetzungen geführt wurden – nicht nur mit Plettenberg. So sei auch ein Zusammenschluss mit Meinerzhagen und Valbert eine Möglichkeit, die erörtert wurde und wird. Eine Tendenz gebe es bislang nicht. Aufgrund der Kürze der Zeit sei allerdings eine Befragung der Gemeindemitglieder nicht möglich.

Kirche nicht nur für Gottesdienst nutzen

Neben personellen werde es auch bauliche Veränderungen geben. Ob alle Kirchen erhalten bleiben, sei mehr als fraglich. Vor diesem Hintergrund habe die Landeskirche ihre vor geraumer Zeit erteilte Genehmigung zur Sanierung der Herscheider Apostelkirche nun nur noch vorläufig erteilt. „Wir müssen einen Nachweis erbringen, dass wir die Kirche nicht nur einmal in der Woche für eine Stunde Gottesdienst nutzen“, erklärte Bodo Meier.

Nachdenkliche Blicke im Martin-Luther-Haus: Die Besucher der Gemeindeversammlung erfuhren welche Veränderungen ihnen bevorstehen.
Nachdenkliche Blicke im Martin-Luther-Haus: Die Besucher der Gemeindeversammlung erfuhren welche Veränderungen ihnen bevorstehen. © Dirk Grein

Eine Idee: In der Kirche könnten mehr Sitzbänke als bisher geplant durch Einzelbestuhlung ersetzt werden, um eine flexiblere Nutzung des Innenraumes zu ermöglichen. Auch eine intensivere Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirchengemeinde sei ein Gedanke, der weiter verfolgt werden soll.

Die Verlagerung eines Teils des Gemeindelebens warf Fragen auf: „Könnte das bedeuten, dass unser Martin-Luther-Haus geschlossen wird?“, wollte ein Besucher wissen. Verneinen konnte Bodo Meier diese Frage nicht: „Wir versuchen alles, dass es nicht so kommt.“

Gemeinde in kurzer Zeit „fit machen“

Gemeinsames Ziel müsse es sein, die Herscheider Kirchengemeinde nach den schwierigen Coronajahren so „fit zu machen“, dass diese sich selbst organisieren kann. Viel Zeit bleibe dafür nicht. Das Gemeindeleben soll derart intakt sein, dass es nicht direkt darunter leide, falls nicht permanent ein Pfarrer vor Ort ist. Eine Alternative dazu gebe es nicht. „Wir müssen uns diesem Prozess stellen“, betonte Meier wohlwissend, dass auf die Herscheider Einschnitte zukommen.

Auch interessant

Kommentare