Konjunktur boomt auch in Herscheid, doch Unternehmen fehlt es an ausgebildeten Mitarbeitern

Fachkräftemangel vereint Firmen

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Geschäftsführer Dr. Ralf Geruschkat (rechts) informierte im Rahmen des Herscheider Wirtschaftsgespräches über die Arbeitsschwerpunkte der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer. Claus Hegewaldt aus der SIHK-Geschäftsstelle Lüdenscheid (links) und Firmenchef Dietrich Alberts (Mitte) verfolgten die Ausführungen aufmerksam.

HERSCHEID - Auf dem Weg in Richtung „Industrie 4.0“ müssen Herscheids Unternehmen einige Hürden meistern. Die höchste von allen: das Personal. Eines wurde beim SIHK-Wirtschaftsgespräch in der Firma Gustav Alberts deutlich: Der Fachkräftemangel verlangt nach innovativen Lösungen und das möglichst schnell.

„Wir müssen dringend in Bildung investieren“, riet Dietrich Alberts. Der Rohstoff „Mitarbeiter“ werde knapp und das ausgerechnet in einer Phase der Hochkonjunktur. 

Seinem Unternehmen machen zudem die massiv gestiegenen Preise für Aluminium und Stahl zu schaffen: „Das tut uns richtig weh.“ 

Als Herausforderung, aber auch als Chance bezeichnete Alberts den E-Commerce, also den Internethandel. Anpassungen im Vertrieb und in der Lagerung seien vonnöten. 

Zudem sei die Verfügbarkeit von Speditionen aktuell miserabel. Der größte Ausbilder der Speditionen sei früher die Bundeswehr gewesen. Nach dem Aussetzen der Wehrpflicht gebe es deutlich weniger Lkw-Fahrer. Dieser Mangel reiche sogar so weit, dass in der Osterzeit bei der Firma Alberts ein Stillstand drohte, da keine Lastwagen zu bekommen waren. 

Wachstum Schritt für Schritt, diese Maxim vertritt Achim Guski. Sein Unternehmen, das Drehteile fertigt, fühle sich am Standort Herscheid sehr wohl und setzte als erste Firma vor Ort auf Dienstwagen mit Elektromotoren. „Wir sind begeistert“, lud er die Zuhörer zu Testfahrten mit einem der beiden E-Autos ein. 

Die Problematik der Mitarbeitergewinnung beschrieb Guski anhand eines Beispiels: Ein Mitarbeiter habe seine Firma jüngst verlassen, weil er ein lukratives Angebot eines größeren Unternehmens aus Plettenberg erhalten hatte. Nach drei Jahren bat der Mann um eine Wiedereinstellung in der Herscheider Firma, weil er „nicht länger eine Marionette“ sein wollte. 

Das selbstständige Arbeit und das gegenseitige Vertrauen zeichnen die Arbeit in der Firma Müller und Guski aus. Der Weggang des Mannes sei schmerzlich gewesen, gestand Achim Guski. Aufgrund der überschaubaren Größe sei keiner der 15 Mitarbeiter mit seinem jeweiligen Kenntnissen ersetzbar. Neues Fachpersonal zu finden, sei heutzutage mehr als schwierig. 

Von ähnlichen Problemen wusste Claus Weber zu berichten. Der Geschäftsführer der Firma Gris skizzierte die erfolgreiche Entwicklung seines Unternehmens, das als Direktzulieferer für die Automobilindustrie seinen Umsatz zuletzt stetig hat steigern können, mit der Konsequenz, das für das nächste Jahr die Erweiterung der Produktionsfläche geplant ist. 

Auch den Aufschwung der Elektromobilität sah Weber nicht als Bedrohung an: Zwar werden einige Teile (etwa an Achsen und Getrieben) zukünftig weniger benötigt. Doch andere, neue Produktionsteile seien bereits in Sicht, meint Weber. 

Wesentlich größer sei das Problem der Mitarbeitergewinnung. Claus Weber erzählte von einem 16-Jährigen, der seine Ausbildung zum Stanz. und Umformmechaniker bei Gris beginnen wollte. Da an der Berufsschule Lüdenscheid jedoch keine Fachklasse für diese Berufsrichtung eingerichtet werden konnte, hätte der Junge die Berufsschule in Meschede besuchen müssen. Diese weite Fahrten wollte der Jugendliche jedoch nicht antreten. 

Thomas Volborth, Geschäftsführer der Firma Teckentrup, bemängelte in diesem Zusammenhang die sturen Vorgaben der Berufsschulen. Er sprach sich für eine veränderte Aufteilung der Ausbildung mit verstärktem Bezug zu den Unternehmen aus. Neue Ansätze seien dringend notwendig, um die personellen Probleme in den Griff zu bekommen. 

Auch Dr. Ralf Geruschkat bedauerte, dass an den Schulen zum Teil „dicke Bretter zu bohren“ seien; er wünschte sich gezielte Investitionen in die Bildung. Der Hauptgeschäftsführer der SIHK stuft die Gewinnung von Fachkräften als das wichtigste Thema Nummer in der heimischen Wirtschaft ein. 

Laut einer aktuellen Umfrage seien zwar über 90 Prozent der Unternehmen in Südwestfalen zufrieden mit ihrer Situation. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, bot Dr. Geruschkat auch den Herscheider Firmen die Unterstützung der SIHK an. Interesse bündeln, Menschen bilden, Unternehmen beraten – das seien die drei großen B’s der SIHK.

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