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Kleiner Turm mit großem Namen: Wie Wilhelm in Vergessenheit geriet

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Von: Birgit Hüttebräucker

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Der Robert-Kolb-Turm auf der Nordhelle ist vielen bekannt. Doch einer seiner Vorgänger - der heute in Vergessenheit geraten ist - wurde bereits vor etwa 150 Jahren gebaut.
Der Robert-Kolb-Turm auf der Nordhelle ist vielen bekannt. Doch einer seiner Vorgänger - der heute in Vergessenheit geraten ist - wurde bereits vor etwa 150 Jahren gebaut. © Birgit Hüttebräucker

Serendipität nennt man es, wenn man etwas sucht und dabei über etwas Besonderes stolpert, was man gerade überhaupt nicht suchte. So ist es mir vor einigen Wochen während der Recherche in historischen Tageszeitungen ergangen. Dabei fand ich Hinweise auf den hölzernen Turm, der einst auf der Nordhelle stand und der unter dem Namen Wilhelmsturm bekannt war.

Herscheid - Dass er nie in der Geschichte der Gemeinde Herscheid erwähnt wurde, lag vielleicht daran, dass sowohl sein Vorgänger als auch die beiden nachfolgenden Türme mit Aufgaben versehen und größer waren. Aber das sind nur Vermutungen. Auf jeden Fall war der Wilhelmsturm vor 144 Jahren in aller Munde und ein Anziehungspunkt für Wanderer. Erstmalig wurde der Turm im Juni des Jahres 1878 in der Presse erwähnt und zwar in der Lüdenscheider Zeitung. Dort konnte man am 18. Juni folgenden Bericht lesen:

„Voriges Jahr wurde auf die Nordhelle, den höchsten Punkt des Ebbegebirges, aufmerksam gemacht. Der gleichzeitig besprochene Bau eines Aussichtsthurmes, der eine bessere Fernsicht ermöglichen solle, ist jetzt vollendet. Es ist kein Prachtbau, – man hat sich nach der Decke gestreckt – er erfüllt aber vollständig seinen Zweck.

„Die Aussicht ist gewaltig überraschend“

Auf einer bequemen Leiter gelangt man auf die 150 Quadratfuß große, mit Geländer und circa 20 Sitzplätzen versehene Plattform des solide und elegant gebauten, 18 Fuß hohen Holzgerüstes. Die Aussicht von da oben ist eine gewaltig überraschende!

In einem Rundblick übersieht man die in malerischer Farbenpracht daliegenden Bergkegel, Hochebenen und Thäler des größten Theils dreier Provinzen. Die Mühe des Ersteigens dieses von Herscheid nur ein kleines Stündchen entfernten höchsten Punktes unserer Grafschaft Mark wird bei nur einigermaßen günstiger Witterung aufs reichlichste belohnt.

Für Ausflüge von Turn- und anderen Vereinen, Gesellschaften, Klassen größerer Schulen, bietet genannter Punkt namentlich in botanischer und geographischer Hinsicht ein interessantes und belehrendes Reiseziel. Außerdem hat derselbe historische Bedeutung. In der Zeit, als Deutschland unter dem Joch der Fremdherrschaft seufzte, stand hier ein anderer Thurm, von welchem aus Napoleon durch einen optischen Telegraphen sein Machtwort in die Welt senden ließ. Auf seinen Ruinen wurde am Wilhelmstage, als Deutschland für die glückliche Errettung seines so lange ersehnten neu erstandenen Barbarossa‘s dankte, unser jetziger Thurm errichtet, auf welchem hoch und stolz das deutsche Banner weht.

Im Hinblick hierauf ist der treffende Vorschlag gemacht, den Bau „Wilhelms-Thurm“ zu nennen, welchen Namen derselbe bereits in aller Munde führt.“

Vielleicht hatte der Wilhelmsturm – von dem es kein Foto gibt – Ähnlichkeit mit seinem Nachfolger, dem 1890 erbauten hölzernen Turm.
Vielleicht hatte der Wilhelmsturm – von dem es kein Foto gibt – Ähnlichkeit mit seinem Nachfolger, dem 1890 erbauten hölzernen Turm. © Repro: Dr. Klaus Hüttebräucker

Da von dem Wilhelmsturm kein Foto existiert, ist die genaue Beschreibung in dem Zeitungsbericht eine Möglichkeit, sich ein Bild von dem damals beliebten Aussichtsturm zu machen. Mit 18 Fuß Höhe war er umgerechnet 5,49 Meter hoch. Die genannte Plattform, auf der etwa 20 Sitzplätze zur Verfügung standen, betrug 150 Quadratfuß, was 13,94 Quadratmetern entspricht. Anlass für die Namensgebung war das Attentat auf Kaiser Wilhelm I. am zweiten Februar 1878 in Berlin, dass er schwer verletzt überlebte.

Ein weiterer, ebenfalls interessanter Bericht, in dem unter anderem die Beteiligten für den Turmbau erwähnt wurden, erschien am 10. Juli 1878 im Altenaer Kreisblatt:

„700 Meter über dem Meeresspiegel, auf dem höchsten Punkte der Grafschaft Mark – der Nordhelle – dort wo Napoleon I. seiner Zeit einen optischen Telegraphen errichten ließ, durch denselben seine Befehle in die Welt schleudernd, ist jetzt, am Wilhelmstage, auf dessen Ruinen ein Aussichtsthurm errichtet worden. Auf der Spitze dieses Thurmes ist nunmehr eine Fahne des unter Ew. Majestät glorreich entstandenen deutschen Reiches aufgepflanzt und läßt dessen Farben kühn und stolz über drei Provinzen hinauswehen.

Die Vertreter der bei der Errichtung beteiligten Corporationen – der Gemeinden Herscheid, Plettenberg, Meinerzhagen-Valbert und der Herscheider Clubgesellschaft – sind heute zum ersten Male versammelt. Dieselben glauben im Namen mehrerer Tausende bei dieser Gelegenheit den Gefühlen steter und treuester Ergebenheit zu dem angestammten Herrscherhause Ausdruck geben zu müssen, Gott den Allmächtigen bittend, daß er Ew. Majestät von den durch ruchlose Mörderhand zugefügten Verwundungen recht, bald genesen lassen möge.“

Aus diesem zweiten Schreiben erfährt man unter anderem, dass an der Errichtung des Turms, neben den Gemeinden Herscheid, Plettenberg und Valbert, auch die Gesellschaft „Der Club“ beteiligt war. Die Informationen über diese Clubgesellschaft sind nicht sehr umfangreich, aber immerhin gibt es einige wenige.

Das waren die Aufgaben des „Clubs“

Im Prinzip waren solche Gesellschaften oder auch Clubs, wie sich nannten, nichts anderes als ein Verein. Die Bezeichnung Verein war damals noch nicht so stark verbreitet. Vom Herscheider „Club“ ist bekannt, dass er am 1. Dezember 1877 gegründet wurde. Zu den Mitgliedern gehörten ausschließlich die vornehmen, gebildeten und begüterten Herren der Gemeinde. Laut den Statuten widmete sich der Club der geselligen Unterhaltung, wozu auch verschiedene Veranstaltungen und Ausflüge gehörten.

Da es von der Gründung der Clubgesellschaft im Dezember 1877 bis zu den Berichten über den Wilhelmsturm im Juni 1878 nur ein kurzer Zeitraum war, gehörte der Bau des Turmes wohl zu einer der ersten Tätigkeiten der kaisertreuen Männer.

Die Gesellschaft „Der Club“ bestand ausschließlich aus den vornehmen, gebildeten und begüterten Herren aus Herscheid. Sie waren 1878 am Bau des Wilhelmsturms auf der Nordhelle beteiligt.
Die Gesellschaft „Der Club“ bestand ausschließlich aus den vornehmen, gebildeten und begüterten Herren aus Herscheid. Sie waren 1878 am Bau des Wilhelmsturms auf der Nordhelle beteiligt. © Repro: Birgit Hüttebräucker

Dass der Wilhelmsturm ein beliebtes Ausflugsziel war, belegen verschiedene Zeitungsanzeigen, in denen Vereine ihre Mitglieder zu einem Ausflug auf die Nordhelle einluden. Schon im August des Jahres 1878 lädt der Lüdenscheider Turnverein seine Mitglieder, anlässlich des 100-jährigen Geburtstages des Turnvaters Jahn zu einer Turnfahrt nach dem bei Herscheid gelegenen Turm ein. Im Juni 1879 ist es der Herscheider Wehrverein, der anlässlich der goldenen Hochzeit des Kaiserpaares einen Ausflug zum Wilhelmsturm auf der Nordhelle macht.

Doch lange hat der Wilhelmsturm dem Wetter auf der Nordhelle nicht standgehalten: Im Jahr 1890 wurde der zweite hölzerne Turm errichtet, der mit circa zehn Metern Höhe ungefähr doppelt so hoch war wie sein Vorgänger. Darüber berichtet die Lüdenscheider Zeitung am 7. Juni 1890 mit einer Bekanntmachung des Herscheider Amtmanns Graf von Haslingen, die lautete:

„Es wird hierdurch gemäß Paragraf 23 der Ministerial-Anweisung vom 20. Juli 1878 zur allgemeinen Kenntnis gebracht, daß die Beschädigung, Verrückung und Entfernung der Seitens der trigonometrischen Abteilung für Standesaufnahme kürzlich auf der obersten Kuppe der Nordhelle wieder gesetzten Merksteine sowie das Besteigen des darüber neu errichteten Holzgerüst nach dem Gesetz unter Strafe gestellt ist.“

Der Turm geriet in Vergessenheit

Letzteres wurde dann aufgehoben und der neue Holzturm durfte von Besuchern der Nordhelle doch als Aussichtsturm genutzt werden. Die Bezeichnung Wilhelms-turm hatte sich anscheinend so sehr eingeprägt, dass selbst im Jahr 1892 der Werdohler Turnverein Jahn in einer Zeitungsanzeige seine Mitglieder zu einer Wanderung über Sirrin und Herscheid zum Wilhelmsturm auf die Nordhelle einlud.

Letztendlich geriet der kleine Turm mit dem großen Namen, der einst auf der Nordhelle stand, total in Vergessenheit und wurde auch in den zahlreichen Chroniken nicht erwähnt. Der Zufall brachte nun seine Geschichte zum Vorschein.

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