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Kindeswohl in Gefahr? Jugendamt erklärt Vorgehen

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Von: Dirk Grein

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Ein trauriges Mädchen hält einen Teddy im Arm. Liegt eine Kindeswohlgefährdung vor? Das überprüft Jugendamt stets nach einem festgeschriebenen Muster.
Ein trauriges Mädchen hält einen Teddy im Arm. Liegt eine Kindeswohlgefährdung vor? Das überprüft Jugendamt stets nach einem festgeschriebenen Muster. © polizeiberatung

Das Schicksal des jahrelang eingesperrten Mädchens in Attendorn sorgte Ende letzten Jahres bundesweit für Schlagzeilen. Wie könnte ein solcher Fall verhindert werden? Dieser Frage stellten sich Mitarbeiter des Märkischen Jugendamtes im Herscheider Sozialausschuss.

Herscheid - Die Sicherstellung von Kindertagesbetreuung, Familienbildung, Beratung, Hilfe im Einzelfall – all diesen Aufgaben widmet sich der Bereich Jugend und Bildung. „Unser oberstes Thema ist der Kinderschutz“, erklärte Fachbereichsleiterin Iris Beckmann-Klatt. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Kathrin Dudeck – die unter anderem für Herscheid zuständig ist – erklärte sie die Vorgehensweise bei einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung.

Bereits bei Eingang einer solchen Meldung werde diese auf gewichtige Anhaltspunkte geprüft. Darauf folge umgehend eine kollegiale Einschätzung, bei der mindestens das Vier-Augen-Prinzip gelte. Das Jugendamt sei eng vernetzt mit den heimischen Kitas und den Schulen, was bei einer ersten Bewertung der Lage hilfreich sei.

Einer der zentralen Punkte sei der Hausbesuch: Dabei treten die Jugendamts-Mitarbeiter in Kontakt mit den Eltern, aber auch mit dem Kind. Bei der Umfelderkundung sucht das Jugendamt gezielt das Gespräch mit Hausärzten, aber auch mit Lehrern und Erziehern, um sich ein genaues Bild der familiären Situation machen zu können.

Herscheider Zahlen: Elf Meldungen und ein bestätigter Fall in 2022

Die Anzahl an Meldungen einer möglichen Kindeswohlverletzung sind zuletzt angestiegen. Das bedeute jedoch nicht generell etwas Schlimmes, sondern in erster Linie eine größere Aufmerksamkeit für dieses sensible Thema in der Bevölkerung, betont Fabian Kläs vom Märkischen Kreis. Beispielhaft erwähnt er das Jahr 2021: In diesem sei nach Bearbeitung durch das Jugendamt bei einem Drittel der Meldungen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt worden, bei den restlichen zwei Dritteln nicht (ein Drittel der betroffenen Eltern nahmen Hilfsangebote an). In Herscheid habe es im Jahr 2022 einen bestätigten Fall gegeben, aber elf Meldungen (16 potenziell betroffene Kinder). Zum Vergleich nannte Kläs Vorjahreszahlen: Sieben Meldungen und keine bestätigten Fälle in 2021, neun Meldungen und zwei Fälle in 2020 sowie zwölf Meldungen und keine bestätigten Fälle in 2019.

Den Abschluss dieses Prozesses bildet die kollegiale Beratung im Team, bei der eine Gefährdungseinschätzung erfolgt. Wird eine akute Gefährdung festgelegt, dann werden die Kinder in Obhut genommen und das Familiengericht informiert. Dies sei allerdings der letzte Schritt, der ausschließlich in akuten Fällen gewählt werden müsse, betonte Kathrin Dudeck.

Geht das Jugendamt von einer gefährlichen Lage aus, die jedoch nicht akut sei, können auch andere Maßnahmen zur Abwendung ergriffen werden. Beispielhaft ging sie darauf ein, dass Eltern dann gezwungen werden können, Verträge zur Verbesserung der häuslichen Situation zu schließen. Dieser Zwang führe bei vielen Betroffenen dazu, freiwillig Hilfen anzunehmen. Werde keine Gefährdung festgestellt, ende die Bearbeitung der Meldung mit einem abschließenden Gespräch.

All das geschehe binnen weniger Tage nach Eingang der Meldung. Dabei betonte Kathrin Dudeck: „Jede Meldung wird bei uns nach diesem Schema geprüft.“ Eine hundertprozentige Sicherheit gebe es trotz aller Sorgfalt nie, ergänzte Iris Beckmann-Klatt. Fälle wie der eingangs beschriebene in Attendorn könnten nicht gänzlich ausgeschlossen werden. „Aber in puncto Kinderschutz sind wir beim Kreis gut aufgestellt“, betonte die Fachbereichsleiterin.

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