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Kinderarzt-Mangel wird größer: Weitere Praxis im MK schließt

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Von: Dirk Grein

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Kinderklinik
Viele Eltern aus Herscheid und Umgebung müssen sich zur Behandlung ihrer Kinder einen neuen Kinderarzt suchen – und das wird schwierig. © Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild

Der 1. Juli ist nicht nur der letzte Arbeitstag der Gemeinschaftspraxis Hauswald vor der Sommerpause: Nach ihrem dreiwöchigen Urlaub wird Kornelia Hauswald nicht mehr in vollem Umfang in ihren Beruf zurückkehren. Das stellt viele Eltern vor ein großes Problem: Sie benötigen für ihre Sprösslinge einen neuen Kinderarzt.

Herscheid - Pro Quartal sind es knapp 1 000 junge Patienten, die von der Herscheiderin behandelt werden. Sie alle oder besser gesagt ihre Eltern müssen einen neuen Facharzt suchen. Und das wird nicht leicht, denn die infrage kommenden Praxen in den Nachbarkommunen nehmen zum Teil keine neuen Patienten mehr auf, weil es die Kapazitäten schlichtweg nicht hergeben. Es mangelt an weiteren Fachärzten.

Eine Situation, der sich Kornelia Hauswald bewusst ist. Sie hat daher ihren Entschluss, ab der Jahresmitte kürzertreten und Ende 2022 ganz aufhören zu wollen, frühzeitig bekannt gegeben, um den Eltern genügend Zeit zu geben. Doch die Situation sei angespannt – bei Hausärzten ganz allgemein und bei Kinderärzten im Speziellen.

„Die Lage ist katastrophal“

Entsprechend viele Beratungsgespräche mussten die Mitarbeiterinnen der Hauswalds in den letzten Wochen mit verzweifelten Eltern führen. „Die Lage ist katastrophal“, weiß Mitarbeiterin Andrea Dopatka. Einige Eltern hätten notgedrungen schon bei Praxen im Nordkreis, in Iserlohn oder Sundern angerufen, jedoch ohne Erfolg.

Auf eine Lösung vor Ort gibt es kaum noch Hoffnung. Wenn Kornelia Hauswald Ende des Jahres in den Ruhestand geht, dann soll ihr Mann Michael zunächst gemeinsam mit einer Nachfolgerin die Praxis am Neuer Weg weiterführen. Diese Lösung gilt allerdings nicht für die Kindermedizin; diesen Bereich wird die neue Ärztin nicht abdecken.

Die Suche nach einem zusätzlichen Arzt, der die notwendigen Qualifikationen für die Behandlung von Kindern und Jugendliche mit sich bringt, sei im Sande verlaufen. In Herscheid wird es ab dem 1. Januar keinen Kindermediziner mehr geben.

Das berufliche Ausscheiden von Kornelia Hauswald ist auch deswegen bedauerlich, weil sie eine Art Sonderstellung genießt. Vor gut 30 Jahren ließ sie sich in Herscheid als Allgemeinmedizinerin nieder, dank einer entsprechenden Weiterbildung mit der Fachrichtung für Kinderheilkunde. Daher könne sie Personen von null bis 100 Jahren und darüber hinaus behandeln, erzählt die Herscheiderin. Eine solche kombinierte Zulassung sei heute aber nicht mehr möglich.

Durch ihren Eintritt in den Ruhestand entfällt also kein Kinderarzt – sondern ein Allgemeinmedizinersitz, was sich auch in der Statistik niederschlägt. Laut aktueller Aufstellung der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) kommen auf 68 673 Einwohner (Kinder bis unter 18 Jahren) im Märkischen Kreis 26,75 Kinder- und Jugendmediziner. Dies ergibt einen Versorgungsgrad von 111 Prozent – und der bleibt auch nach dem Ausscheiden Hauswald bestehen. „Die Grenze liegt bei 110 Prozent – alles darüber ist für einen neuen Kassensitz gesperrt“, erklärt Stefan Kuster, Pressesprecher der KVWL. Auf dem Papier ist der Kreis also nicht unterversorgt und erhält somit auch keine weiteren Sitze für Pädiatrie.

Verweis an die Kinderklinik

Dass die Realität jedoch anders aussieht, das bekommen die Hauswald-Patienten bereits in den kommenden Tagen zu spüren. Eine kinderärztliche Urlaubsvertretung für die kommenden drei Wochen gibt es nicht. Per Anrufbeantworter werden Eltern an die Kinderklinik Lüdenscheid verwiesen, die über diese Vorgehensweise bereits informiert worden sei.

Die Hoffnung beruht darauf, dass die Lüdenscheider Kinderärzte – laut KVWL sind in der Bergstadt neun gelistet – zu einer Lösung kommen, wie die Patienten der Herscheider Praxis verteilt und aufgenommen werden könnten. Ob und wie dies gelingen kann, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht geklärt.

Mit einem entsprechend mulmigen Gefühl tritt Kornelia Hauswald ihren Urlaub an. Danach wird sie nur noch an verschiedenen Arbeitstagen in der Praxis tätig sein, um beispielsweise bereits vereinbarte Vorsorgeuntersuchungen bei den Kindern durchzuführen. Einen Großteil ihrer Arbeitszeit wird sie auf die Vorbereitung der Praxisübergabe an die Nachfolgerin aufwenden, die übrigens alle Mitarbeiterinnen übernehmen will – jedoch nicht den großen Patientenkreis der Kinder und Jugendlichen.

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