Interview mit Junglandwirt Lasse Bühner

Junglandwirt aus MK: „Wir fühlen uns verraten“

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Hier stehen normalerweise die Autos der Fußballfreunde. Doch für ihre Demonstration nutzten die Landwirte den Parkplatz vor dem Signal Iduna Park in Dortmund, das im Hintergrund zu erkennen ist.

Herscheid – Der Agrarpakt der Bundesregierung beinhaltet mehr Tier- und Umweltschutz, mehr Rücksicht auf Insekten und den Einsatz von weniger Gülle. Und die Landwirte? „Unsere Belange werden von der Politik kaum noch beachtet“, findet Lasse Bühner.

Der Junglandwirt von der Gasmert beteiligte sich daher an der erneuten bundesweiten Protestaktion und spricht im Interview mit unserem Mitarbeiter Dirk Grein über die existenzbedrohenden Entwicklungen auf den Höfen. 

Herr Bühner, Ende Oktober haben Sie sich an der Protestfahrt der Landwirte nach Bonn beteiligt. Wohin führte Sie die neuerliche Fahrt? 

Bühner: Diesmal gab es eine Staffelfahrt, um unser Anliegen und unsere Probleme nach Berlin zu tragen. Es war quasi der Vorreiter der großen Demo in der Hauptstadt tags darauf. Wir, eine kleine Gruppe aus dem Raum Märkischen Kreis und Ennepetal, haben uns in Breckerfeld getroffen und sind von dort aus nach Hagen zum Johanniskirchplatz gefahren. Dort haben wir Flyer verteilt und den Passanten unser Anliegen geschildert. Wir wollen ja direkt mit dem Verbraucher in Kontakt kommen. 

Wie lange waren sie denn diesmal unterwegs? 

Bühner: Nach circa zwei Stunden Aufenthalt in Hagen haben wir uns auf den Weg nach Dortmund gemacht, um uns dem großen NRW-Konvoi anzuschließen. Von da aus ging es noch nach Hamm, wo wir etwa 600 Trecker waren. Insgesamt war ich an diesem Tag von 7 bis 21 Uhr unterwegs. 

Wie kam es zu der neuerlichen Aktion? 

Bühner: Nach der Aktion in Bonn gab es keinen Zuspruch für die Landwirtschaft. Bekannte Probleme wie Insektensterben und Überdüngung werden weiterhin vollständig auf die Landwirte abgewälzt, obwohl es ein gesellschaftliches Problem ist, an dem auch unter anderem der industrielle Flächenverbrauch und marode Kläranlagen beteiligt sind. Die Proteste mussten also weitergehen. Wie war die Stimmung der Landwirte? Wir Landwirte sind enttäuscht von der Politik und fühlen uns verraten. Jedoch gab es guten Zuspruch von den Bürgern, die wir angetroffen haben und der Zusammenhalt der Landwirte bei solch einer Aktion macht uns auch ein bisschen stolz. 

Durch den Trecker-Konvoi sind aber auch viele Unbeteiligte in zeitlichen Verzug geraten. Gab es auch negative Stimmen? 

Bühner: Die Passanten, mit denen wir gesprochen haben, zeigten Verständnis für unsere Aktion und standen hinter uns. An den Straßenrändern haben wieder viele Leute gestanden – sie haben uns zugewunken und den Daumen hoch gezeigt. 

Wie prekär ist die Lage für Sie und Ihre Familie auf der Gasmert? 

Bühner: Wir haben zwei sehr trockene Jahre hinter uns, in denen wir für mehrere 10 000 Euro Futter zukaufen mussten. Der Druck ist hoch genug, da hilft es nicht, wenn sich eine weitere Auflagenflut nähert, die noch mehr Geld, Zeit und Bürokratie bedeutet. Außerdem ist es niederschmetternd, wenn man in den Medien lesen muss, dass man das Grundwasser vergiftet und alle Insekten sterben. Und keiner bekommt mit, dass wir seit Jahren mit den Wasserkooperationen zusammenarbeiten und für bestes Grundwasser in den weitesten Teilen Deutschlands sorgen. Keiner bekommt mit, dass täglich 70 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche zubetoniert werden, auf denen sicher auch keine Insekten mehr leben. 

Was muss geschehen, damit die Landwirte nicht mehr um ihre Existenzen kämpfen müssen? 

Bühner: Die Probleme, die da sind, die wir auch nicht verleugnen müssen, sollen offengelegt werden. Es muss ganz klar geschildert werden, dass die Landwirtschaft nicht allein Verursacher dieser Probleme ist. Wir müssen alle an diesen Problemen arbeiten. Außerdem produzieren wir in Deutschland für den Weltmarkt, wir sind bereit dazu, für noch mehr Tierwohl zu sorgen und noch umweltbewusster zu arbeiten. Aber: Dafür müssen wir finanziell ausgeglichen werden. 


Und was wäre, wenn das nicht passieren würde? 

Bühner: Wird uns Tierwohl und Umweltschutz aufgezwungen, dann werden wir nicht mehr mit dem Weltmarkt mithalten können und dann wird es bald keine Landwirtschaft in Deutschland mehr geben. Dann bekommen wir unser Essen aus anderen Ländern, wo wir nicht mehr mitreden können. 

Wie können die Bürger die Landwirte unterstützen? 

Bühner: Auch die Verbraucher müssen umdenken. Umfragen ergeben immer, dass die Menschen bereit sind, mehr Geld auszugeben für mehr Tierwohl, Bio und Regional. Die tatsächlichen Absätze verraten aber, dass das nicht stimmt. Viele Verbraucher kaufen weiter billige Lebensmittel ein. Und das Tierwohl, Bio-Produkte und der Regional-Markt bleiben weiterhin eine Nische, die vollkommen gesättigt ist. 

Wie sieht die Strategie der Landwirte aus: Sind weitere Proteste geplant? 

Bühner: Wie auch nach der Aktion in Bonn warten wir jetzt die politischen Reaktionen ab und werden gegebenenfalls weitere Aktionen planen.

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