Interview mit dem Radexperten Carsten Engel aus Herscheid

"Der Radfahrtrend ist extrem gestiegen - es muss jetzt gehandelt werden"

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Herscheid - Das Fahrrad als umweltfreundlichstes, gesündestes und sozial verträglichstes Fortbewegungsmittel wird seit über 20 Jahren am 3. Juni gewürdigt. Am europäischen Tag des Fahrrads nahm sich Herscheids Radexperte Carsten Engel Zeit für ein Gespräch mit Dirk Grein über die Situation des Rad-Tourismus’ vor Ort.

Der europäische Tag des Fahrrades – kannten Sie den bereits?

Nein, der war mir vorher nicht bekannt. Ich habe auch in unserer Mountainbikegruppe Bike-MK nachgefragt und habe viele irritierte Gesichter gesehen. Aber es ist schön, dass es einen solchen Tag gibt und dass man sich Gedanken um das Fahrradfahren macht.

Was ist aus Ihrer Sicht so reizvoll am Fahrradfahren?

Die Bewegung draußen, die sportliche Tätigkeit an der frischen Luft. Das ist etwas Schönes, nicht nur für Herz und Seele, sondern auch für den Körper und eine Abwechslung für den Kopf.

In Corona-Zeiten sieht man mehr Radfahrer als vorher – teilen Sie diese Einschätzung?

Ich kann es zwar nicht in konkreten Zahlen ausdrücken, würde aber schätzen, dass sich das Aufkommen innerhalb dieses Jahres verdreifacht hat. Radfahren ist durch das E-Biken oder Pedelec, wie es ja richtig heißt, sehr beliebt geworden. Viele Arbeitgeber sind auf das Thema Job-Bike gestoßen, um Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, sich auch ein teureres E-Bike anschaffen zu können, um dieses auch in der Freizeit nutzen zu können. Das Wetter hat in den letzten Wochen ein Übriges dazu beigetragen, dass man sich draußen bewegen kann und die häuslichen Einschränkungen aus den Köpfen verbannt.

Wie ist die Gruppe Bike- MK mit den Corona-Vorgaben umgegangen?

Wir sind immer nur in Zweier-Gruppen gefahren, entweder als Pärchen oder mit einem Fahrer aus einem zweiten Haushalt. Über die sozialen Medien haben wir Kontakt gehalten. In dieser Zeit haben wir gelernt, dass das Radfahren in der Gemeinschaft Ehrgeiz, Spaß und Abwechslung bringt – das alles haben wir schon vermisst.

Als Bike-MK im Jahr 2007 gestartet ist, gab es kaum Radwege hier vor Ort. Wie ist der Stand heute?

Mit Rückblick auf die letzten 13 Jahre hat sich die Situation für die Mountainbiker im Märkischen Sauerland nicht geändert. Es gibt ausgezeichnete Wanderwege, die kann man befahren. Es gibt Wald- und Forstwege, die man teilweise befahren darf. Aber ein offiziell empfohlenes Mountainbike-Wegenetz, im Vergleich zu Radeln nach Zahlen auf dem Asphalt, gibt es nicht. Dadurch ergeben sich immer wieder Konfliktsituation, denn es gibt Engstellen mit Kollisionsgefahren. Das wäre zu vermeiden, wenn man offiziell über Änderungen nachdenken würde.

Wer müsste tätig werden?

Die Kommunen müssen die Vorarbeit leisten, in Verbindung mit Wald- und Forstbesitzern, mit der Politik und dem Kreis. Es muss gehandelt werden, weil – das ist der Verkehrssituation im Moment geschuldet – der Radfahr-trend extrem gestiegen ist.

Wo liegt das Hauptproblem?

Bei uns in der Region gibt es viele einzelne Mountainbiker, die sich ein neues Bike gekauft haben. Doch wo sollen sie fahren? Mittlerweile gibt es Apps, wie beispielsweise Komoot, auf der andere Radfahrer ihre Touren hochladen und diese beschreiben. Diese werden dann von anderen Bikern heruntergeladen, um diese nachzufahren. Aber damit beginnt das Problem: Da ist eine Strecke, aber man weiß gar nicht, ob diese über Wege verläuft, die man nutzen sollte und darf. Daher sollten sich Kommunen und Politik unbedingt dieses Themas annehmen, weil die Konflikte wachsen – und sie werden sicherlich irgendwann ausufern.

Speziell für Gastwirte dürfte dieses Thema doch auch von Interesse sein, um neue Kundenkreise anzusprechen...

Eine Art zertifizierte Wegstrecke wäre schon gut für die Gastronomie und Freizeitbetreiber, weil der Tourismus das auch verlangt. Es bringt nichts, wenn wir hier Radfahrer haben, die mit dem Mountainbiker angereist kommen und diese erhalten als Auskunft: „Da vorne, den Wanderweg A2 kann man gut befahren.“ Das sollte nicht die Lösung sein. Es sollten empfohlene Wege ausgearbeitet werden, die bei Bedarf im Nachgang umgearbeitet und weiter gepflegt werde können. Solche Instrumente müssen genutzt werden, um den Rad-Tourismus eine Plattform zu bieten.

Gibt es Vorbilder?

Ähnliches finden wir im Hochsauerland, nur wenige Meter hinter Plettenberg beginnt es in Wildewiese. Dort gibt es eine entsprechende Beschilderung und die Wege werden in verschiedenen Schwierigkeitsstufen empfohlen, vergleichbar mit einem Skipistensystem. Dieses wird auch online gepflegt und kann von allen Bikern im Netz nachempfunden werden.

Ausgebaut wird vor Ort zumindest das Radwegenetz entlang der Straßen...

Das Fahrrad auf der Straße, ob nun als Job-Bike oder als Auto-Ersatz, bedarf einer Infrastruktur, gerade in Zeiten des Klimawandels. Diese wird sehr müßig ausgebaut, was aber sicherlich auch den Hintergrund von Förderungen und erschwerten Ausbauplanungen hat.

Was würden Sie sich wünschen für das Radfahren in Herscheid und der Region?

Ganz gleich, ob von Lüdenscheid nach Plettenberg, in umgekehrter Richtung oder auch von Attendorn und Meinerzhagen kommend: Ich wünsche mir, dass die Radwegeverbindung irgendwann sauber zu befahren ist und man als Verkehrsteilnehmer den Asphalt nicht mit Lkw und Pkw teilen muss.

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