Ordnungsamtsleiterin benennt Gründe

Herscheid an der Spitze der Inzidenzzahlen im MK - eine Spurensuche 

Mitarbeiterin des Herscheider Ordnungsamts in den Dorfwiesen unterwegs.
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Einen Infektionsherd gibt es in Herscheid nicht. Dennoch kontrollieren die Mitarbeiter des Ordnungsamtes regelmäßig beliebte Treffpunkte wie die Dorfwiesen, um an die Einhaltung der Corona-Schutzverordnung zu erinnern.

Herscheid – Quasi über Nacht hat sich die Ebbegemeinde zum lokalen Corona-Hotspot entwickelt. Eine Inzidenz von 359 am Dienstag bedeutete den Höchstwert im Märkischen Kreis. Wie kommt es zu dieser hohen Zahl? Und wie ist diese einzuordnen? Auf diese und weitere Fragen antwortet Herscheids Ordnungsamtsleiterin.

Kein Infektionsherd

„Diese Entwicklung gefällt uns überhaupt nicht“, betont Bärbel Sauerland. Allein über das Wochenende waren aus Herscheid 14 Neuinfizierungen gemeldet worden, am Dienstag weitere zwei; somit erhöhte sich die Gesamtzahl der zurzeit infizierten Personen auf 35 – der Höchststand für Herscheid während der gesamten Corona-Pandemie.

Bärbel Sauerland gibt jedoch zu verstehen, dass der sprunghafte Anstieg zu Wochenbeginn nicht auf einen einzelnen Infektionsherd vor Ort zurückzuführen sei. Einen solchen gebe es in Herscheid nicht – weder in Unternehmen oder Geschäften noch in Vereinen, bei Dienstleistern oder bezogen auf bestimmte Örtlichkeiten. Auch die Zahlen in den Herscheider Schulen, Kindertagesstätten und im Seniorenzentrum seien eher unauffällig, betont die Ordnungsamtsleiterin.

Sie geht stattdessen davon aus, dass in Herscheid – wie in vielen anderen Gemeinden und Städten auch – die Ausbreitung der Virusmutationen zu einer erhöhten Ansteckungsgefahr führt. Oft seien daher in der Gemeinde mehrere Personen einer Familie betroffen.

Zudem mache sich das vermehrte Testen bemerkbar. Mussten sich Familienangehörige vor einigen Wochen als Kontaktpersonen noch nicht zwangsläufig testen lassen, nutzten inzwischen auch in Herscheid mehr Personen die Möglichkeiten der Testkapazitäten, etwa in der Arztpraxis Jacques, im Schnelltestzentrum in der Schützenhalle oder aber durch Selbsttests, die in Supermärkten, Drogerien oder Apotheken erhältlich sind.

Viele Bürger sind überfordert

Der Transport von Corona-Schnelltests in die hiesigen Grundschulen – wie es die Polizei in vielen NRW-Kommunen geleistet hat – war Herscheids Bezirksdienstbeamter Dagmar Eckhardt zwar nicht aufgetragen worden. Dennoch bestimmt Corona auch ihren Arbeitsalltag. In Abstimmung mit dem Ordnungsamt überprüft sie bei ihren regelmäßigen Runden durch Herscheid und Hüinghausen die Situationen vor Kindertagesstätten und Grundschulen. Aus den Gesprächen mit den Leuten vor Ort wisse sie, dass diese nicht nur zunehmend genervt sind von den sich ständig ändernden Regeln. „Manche sind mit der großen Informationsflut auch schlichtweg überfordert“, meint Dagmar Eckhardt. Dass etwa seit Freitag in einem Umkreis von 150 Metern um Kindertagesstätten und Schulen eine Maskenpflicht gilt, sei längst nicht zu allen Eltern durchgedrungen. Entsprechend viel Aufklärungsarbeit hat die Polizistin bei ihren Kontrollen zu leisten.

Schwankende Werte

Diese beiden Dinge gepaart – also verstärktes Testen und die Mutationen – führe zu einer raschen Veränderung des Inzidenzwertes. Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz sagt aus, wie viele Menschen sich hochgerechnet auf 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen neu infiziert haben. Insbesondere bei kleineren Kommunen wie Herscheid (mit knapp 7 000 Einwohnern) unterliege dieser Wert einer großen Schwankung, betont Bärbel Sauerland.

Wie die aktuelle Entwicklung verdeutlicht, sorgt schon ein Neuerkrankter in Herscheid dafür, dass der Inzidenzwert um ein Vielfaches nach oben schnellt; ist eine Familie mit mehreren Personen betroffen, schießt die Inzidenz in entsprechend noch größere Höhen. Lag dieser Wert am Montag bei 330, kletterte er bis Dienstag durch zwei Neuinfizierte auf den Wert von 359.

„Damit wollen wir den hohen Wert natürlich nicht herunterspielen“, betont Bärbel Sauerland, dass die Entwicklung im Rathaus ganz genau beobachtet werde. Dass Herscheid neben Plettenberg, Lüdenscheid und Kierspe am Dienstag zu den vier Kommunen mit einem Inzidenzwert von über 300 gehörte, sei bedauerlich. Doch der hohe Durchschnittswert im gesamten Kreisgebiet (215 am Dienstag) zeige auch, dass Herscheid kein Einzelfall sei und viele Kommunen mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hätten.

Verständnis schwindet

Für die Mitarbeiter des Ordnungsamtes ist nicht erst durch die am Wochenende gestiegenen Zahlen der Corona-Aufwand größer geworden. So gilt seit dem 19. März eine Allgemeinverfügung des Märkischen Kreises. Diese weist in Herscheid sieben Kontrollstellen aus: die zwei Grundschulen, die drei Kindertagesstätten sowie die zwei Tagespflegen im Ort. An all diesen Stellen gilt im Umkreis von 150 Metern für Kinder und Eltern, die die Einrichtung nutzen, eine Maskenpflicht.

„Dadurch ist für uns der Kontrollaufwand weiter gewachsen“, verweist die Ordnungsamtsleiterin auf die ohnehin schon umfangreichen Pflichten. So muss die Umsetzungen der Corona-Schutzverordnung überprüft werden: Neben dem Tragen von Masken auf Spielplätzen oder auf den Parkplätzen vor sowie in den Supermärkten zählt dazu die Einhaltung der Mindestabstände oder die Kontaktbeschränkung im öffentlichen Raum.

Zudem kümmert sich das Ordnungsamt um die Überwachung der Quarantäne-Fälle. „Die Zahlen haben sich in letzter Zeit verdreifacht“, sagt Bärbel Sauerland. Mit Stand von Dienstag befinden sich in Herscheid 49 Personen in häuslicher Quarantäne; sie werden regelmäßig durch das Ordnungsamt angerufen oder – falls nicht erreichbar – daheim aufgesucht.

In Gesprächen mit den Menschen sei deutlich zu spüren, dass das allgemeine Verständnis für derlei Maßnahmen schwindet. „Viele Leute sind einfach nur noch genervt von diesem Thema“, erzählt Bärbel Sauerland. Die Aufforderungen und Ermahnungen des Ordnungsamtes würden aber weiterhin ernst genommen.

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