Die Situation im Seniorenzentrum

Hohe Belastung, fehlende Wertschätzung: Pflegekräfte stoßen an ihre Grenzen 

Der tägliche Umgang mit den Bewohnern ist es, der Pflegefachkräften wie Sabrina Podeschwa immer wieder Freude bereitet. Die Nähe zu den Senioren ist zugleich der Ansporn, die vielen zusätzlichen Belastungen, die durch Corona entstanden sind, zu meistern.
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Der tägliche Umgang mit den Bewohnern ist es, der Pflegefachkräften wie Sabrina Podeschwa immer wieder Freude bereitet. Die Nähe zu den Senioren ist zugleich der Ansporn, die vielen zusätzlichen Belastungen, die durch Corona entstanden sind, zu meistern.

„Ich habe Durst“, sagt die Frau mit den grauen Haaren, die an einem Tisch im Aufenthaltsbereich des Wohnbereichs sitzt. Sabrina Podeschwa nimmt sich die Zeit, setzt sich zu der Seniorin und reicht ihr einen Becher mit Kaffee. Der Dank dafür: ein zufriedenes Lächeln, eine glückliche Bewohnerin.

Herscheid - Es sind Momente wie diese, die die Pflegefachkraft in ihrem Handeln bestärken, in denen sie weiß, wofür sie ihren Beruf macht. Das Problem: Für diese kurzen Begegnungen fehlt im stressigen Alltag im Seniorenzentrum viel zu häufig die Zeit. Die Belastung ist hoch – das war bereits vor Corona so, doch durch die Pandemie hat sich die Situation weiter zugespitzt. Nicht alle Mitarbeiter können dem steigenden Druck standhalten, einige kapitulieren vor den sich rasch ändernden Vorgaben.

Allein vier Fachkräfte, zum Teil mit jahrelangen Erfahrungen, haben das Herscheider Haus in diesem Jahr verlassen. Ersatz zu finden, sei äußerst kompliziert. „Ich weiß nicht, wo das noch hinführen soll, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern“, sagt Daniela Böhme. Der Pflegedienstleiterin obliegt die Schichteinteilung, für die sie kaum noch Spielraum hat. Schon ein kurzfristiger Ausfall könnte diese ins Wanken bringen – und daran mag Daniela Böhme lieber nicht denken. Gleichwohl: Im Vergleich zu anderen Häusern ist das Herscheider gut aufgestellt, hat bislang noch jeden Personalengpass auffangen können.

Damit das auch so bleibt, setzt die Einrichtung seit vielen Jahre auf konsequente Ausbildung. In wenigen Tagen soll die erhoffte Verstärkung in Person von sieben frischen Kräften ihren Dienst aufnehmen. Das sei erfreulich und zugleich arbeitsintensiv, insbesondere die Praxisanleiter werden sich verstärkt um die jungen Mitarbeiter kümmern. Doch ohne sie geht es nicht.

Die Azubis verbringen allerdings nur einen Bruchteil ihrer generalistischen Pflegeausbildung in Herscheid. Diese führt sie – das ist seit einem Jahr neu – in andere Einrichtungen, etwa in Krankenhäuser oder zu ambulanten Diensten. „Unsere Azubis sind kaum noch bei uns“, stellt Einrichtungsleiterin Anke Dahlhaus fest. Auszubildende aus anderen Bereichen, die während ihrer Lehrzeit die Altenpflege kennenlernen, habe es im Zuge der Generalistik hingegen noch keine gegeben, bedauert sie.

Personalschlüssel, Bezahlung und obendrein auch noch Corona. „Das bringt uns an unsere Grenzen“, sagt Anke Dahlhaus zu den sich rasch ändernden Vorgaben. Wenn dann noch, wie zuletzt an Muttertag, Änderungen zunächst über die Medien veröffentlicht werden, ehe die Verantwortlichen selbst erfahren, wie sie zu agieren haben, sei das schlichtweg ein Ärgernis.

Als langjähriges SPD-Mitglied freute sich Jonny Tiedemann, Vorsitzender des Bewohnerbeirates, über den Besuch von Bundestagskandidatin Nezahat Baradari. Gemeinsam mit Leiterin Anke Dahlhaus (links) sprachen sie über die Situation im Seniorenzentrum.

Eine Folge: Die Mitarbeiter bekommen den Frust der Angehörigen zu spüren, die sich über Maßnahmen wie etwa das Screening (Besucherregistrierung und Temperaturmessen) aufregen. „Wir haben uns das nicht ausgedacht“, betont Anke Dahlhaus, die eine wachsende Ungeduld in der Gesellschaft bemerkt. Ihre Kollegin Daniela Böhme ergänzt: „Wir machen das ja nicht zum Spaß.“

Selbiges gilt für das Testen: Das Seniorenzentrum ist dazu verpflichtet, Besucher zu testen oder einen aktuell gültigen Test zu verlangen. Für diese Zusatzaufgaben wurden eigens neue Mitarbeiter eingestellt, die mehrmals in der Woche im ansonsten außer Betrieb gesetzten Bistro Schnelltests durchführen.

Doch wie wird sich das Aufkommen dort ändern, wenn ab Oktober die Bürgertests kostenpflichtig werden sollen? Kommen dann urplötzlich entfernte Verwandte, die sonst durch Abwesenheit glänzen, zum Kurzbesuch eines Angehörigen, nur um sich im Seniorenzentrum gratis testen zu lassen? Solche Fälle habe es bereits gegeben, erzählt Daniela Böhme, die hofft, dass die Zahl der Nachahmer gering bleibt.

Viel lieber würde sie die positiven Aspekte in der Pflege hervorheben. Etwa das Zusammenwachsen des Teams und den starken Zusammenhalt. Und natürlich über die vielen schönen Begegnungen im Alltag mit den Senioren – denn genau die machen diesen Beruf so reizvoll. „Die Bewohner leben hier, die Einrichtung ist zu ihrem Zuhause geworden – und wir sind ein Teil davon“, betont Daniela Böhme.

Damit dies auch in Zukunft so bleiben kann, hofft das Leitungs-Duo auf ein Umdenken in der Bevölkerung, auf mehr Wertschätzung der geleisteten Arbeit – nicht nur in Form von Einmalzahlungen, sondern durch Erleichterungen anstatt von Zusatzbelastungen.

Diese Wünsche gaben Anke Dahlhaus und Daniela Böhme der SPD-Bundestagskandidatin Nezahat Baradari mit auf den Weg, die kürzlich zu Besuch in der Einrichtung war. Neu waren ihr die Schilderungen nicht; auch die Attendornerin regt an, das Thema Wertschätzung des Pflegeberufs zu einem Thema in der Bevölkerung zu machen. Deutschland als fünftältestes Land der Welt sei auf einen Fortbestand dieses Berufs angewiesen.

Ein Beruf, der den Mitarbeitern im Herscheider Seniorenzentrum große Freude bereitet – wenn sich nur endlich die vielen Zusatzbelastungen minimieren würden.

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