Interview mit Herscheids Gemeindepfarrer Bodo Meier zu Online-Gottesdiensten

"Nicht das Coronavirus beherrscht diese Welt"

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Die Predigt von Pfarrer Bodo Meier ist „im Kasten“: Insgesamt sieben Kameras waren bei den Dreharbeiten in der Apostelkirche aufgebaut.

Herscheid – Das Osterfest stellt die Evangelische Kirchengemeinde Herscheid vor eine nie dagewesene Herausforderung: Wie kann dieses Hochfest in Gemeinschaft gefeiert werden, wenn Versammlungen zur Religionsausübung unterbleiben sollen?

Pfarrer Bodo Meier spricht im Interview mit Dirk Grein über den gewählten Weg, die Gottesdienste aufzunehmen und im Internet zu senden, und seine persönlichen Osterwünsche.

Herr Meier, wie fühlt es sich für Sie an, Ihre Predigten vor laufender Kamera zu halten? 

Bodo Meier: Zugegeben, es ist sehr fremd vor leeren Kirchenbänken zu predigen und nicht in die Gesichter der Gemeinde blicken zu können. Dort saßen ja nur diejenigen, die aktiv an den Aufnahmen beteiligt waren, also wirklich nur eine Hand voll Menschen. 

Was fehlt?

Bodo Meier: Ein Gottesdienst ist normalerweise eine Live-Veranstaltung und entsteht aus einem Geben und Nehmen. Man merkt ja auch, wie man mit der Gemeinde in Kontakt tritt. Da entsteht eine unmittelbare, direkte Gemeinschaft, die nun fehlt. Außerdem muss ich mich auch daran gewöhnen, dass das, was ich sage oder wie ich gucke, dass all das in Stein gemeißelt im Netz steht. 

Wie empfinden Sie den Rollenwechsel? So häufig können Sie sich selbst ja nicht beim Predigen zuhören und zusehen... 

Bodo Meier: Es erinnert mich an Ausbildungszeiten vor vielen Jahren. Damals wurden wir auch aufgenommen und später zur Selbstanalyse gebeten. 

Die heutige Zeit ist eine andere: In der Coronakrise haben Sie keine andere Chance, um Ihre Predigt in die Gemeinde zu tragen, als über das Internet. 

Bodo Meier: Für uns alle war das Neuland. Das hat dann auf seine eigene, nie gekannte Weise Spaß gemacht. Und wenn wir auf diese Weise Menschen erreichen, die wir sonst vielleicht gar nicht erreichen würden, dann hat sich das ja schon gelohnt. 

Welcher Aufwand steckt hinter den Aufzeichnungen? 

Bodo Meier: Ich als technisch unbegabter Mensch und Internet-Analphabet habe gestaunt. Mit großem Dank habe ich gesehen, wie Maxi Birke und Jan-Felix Klein sich um viele Details gekümmert haben und mit welcher Sorgfalt sie das alles inszeniert haben. 

Wie viele Personen wirken mit?

Bodo Meier: Wir waren rund sieben Stunden aktiv, um drei Gottesdienste aufzunehmen. Da war jeweils ein Prediger sowie ein oder zwei Lektoren dabei. Für jeden Gottesdienst also drei Mitwirkende und das in stetem Wechsel. 

Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen mit Online-Predigten während der Coronakrise? 

Bodo Meier: Interessanterweise kommt mehr zurück, als nach einem Gottesdienst an der Kirchtür, wo man auch schonmal Dank für die Predigt hört. Aber niemand schreibt zum Beispiel eine Postkarte, wie mir das jetzt passiert ist. In den Gottesdiensten haben wir zwischen 40 bis 80 Besucher. Die Predigten, die ich bislang in die Kamera halten durfte, hatten jeweils 250 Klicks. Ich weiß aber natürlich nicht, ob die Personen sich die ganze Predigt angehört haben. Das werden vermutlich auch nicht nur Herscheider gewesen sein. 

Aber dennoch eine erfreuliche Bilanz.... 

Bodo Meier: Wir sind ja längst nicht die einzige Gemeinde, die das so macht. Aber ich denke, das ist mit diesen technischen Hilfsmittel wirklich eine gute Möglichkeit, den Menschen zu Hause ein Stück Heimat, ein Stück Vertrautes zu bieten. 

Aufgrund der positiven Erfahrungen: Sind Online-Predigten auch nach Corona denkbar? 

Bodo Meier: Ich bin mir sicher, dass wir diese Erfahrung auf jeden Fall mitnehmen. Aber es ist bestimmt nicht ein 1:1-Ersatz. Ich bin der Meinung, ein Gottesdienst, bei dem Menschen physisch anwesend sind, bei denen sie eine mit allen Sinnen erlebbare Gemeinschaft erfahren können, das gibt einfach ein Flachbildschirm nicht her. Aber dennoch ist es eine Alternative, Menschen zu erreichen. Aus der Perspektive einer christlichen Gemeinde ist es wichtig zu sagen, dass es nicht das Coronavirus ist, das diese Welt beherrscht, sondern es ist unser Herr. 

Jetzt Sie sind quasi in berufliche Vorleistung getreten: Hat Pfarrer Meier an Ostern nun Langeweile oder wie verbringen Sie die Feiertage? 

Bodo Meier: Wenn ich Langeweile habe, dann schäme ich mich nicht dafür, denn Langeweile ist Luxus – das sang ja schon Ulla Meinecke vor einigen Jahren. Ehrlicherweise sind ja gerade die Feiertage ruhig, ganz ohne Osternacht und der Sterbestunde Christi an Karfreitag, das wird mir schon fehlen. Aber an Ostermontag werde ich mit unserer Posaunenchorleitung im Innenhof des Seniorenzentrums stehen und eine kleine Osterandacht für die Bewohner halten. 

Was wünschen Sie sich für die Osterfeiertage? 

Bodo Meier: Ich wünsche mir, dass die Freude an Ostern, die jeder Mensch empfindet, bewahrt wird. Dass wir die Botschaft aller Botschaften „Ich lebe und Ihr sollt auch leben“ an Ostern feiern können. Ich wünsche mir, dass wir davon ein bisschen spüren, auch wenn wir nicht wie gewohnt die Gottesdienste feiern können.

Wer die Ostergottesdienste sehen möchte, der benötigt ein internetfähiges Handy bzw. einen Computer. Zu sehen sind die Gottesdienste, die Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag hochgeladen werden, auf der Homepage www.apostel.net.

Wie gehen Familien mit der Coronakrise um? Lesen Sie mehr dazu hier.

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