Leiterin des Familienzentrums „Unterm Regenbogen“ im Interview

Kindergarten am Limit: „Die psychische Belastung ist extrem hoch“

Die Kinder der Entengruppe lieben den Herscheider Winter, der ihnen im Kindergarten-Alltag eine willkommene Abwechslung bietet. Mit ihrer Erzieherin Rebecca Fuchs rutschten sie die Hügel des Familienzentrums-Außengeländes hinunter
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Die Kinder der Entengruppe lieben den Herscheider Winter, der ihnen im Kindergarten-Alltag eine willkommene Abwechslung bietet. Mit ihrer Erzieherin Rebecca Fuchs rutschten sie die Hügel des Familienzentrums-Außengeländes hinunter.

Der eingeschränkte Regelbetrieb sorgt für überschaubar gefüllte Gruppenräume: Nur 30 bis 40 von insgesamt 89 angemeldeten Kindern besuchen zurzeit das Herscheider Familienzentrum Unterm Regenbogen.

Herscheid - Für viele Eltern, die ihre Kinder in diesen Tagen daheim betreuen, wachsen derweil die Probleme. Die Leiterin des Familienzentrums, Christiane Krüger, und ihr Team halten über eine KindergartenApp Kontakt zu den Eltern und geben Tipps für die Gestaltung der Betreuung – sie weiß, dass die Belastung für die Familien zunimmt. Darüber und über die schwierigen Arbeitsbedingungen der Erzieherinnen sprach sie mit Dirk Grein. 

Wie sieht momentan der Alltag im Familienzentrum aus? An sich läuft alles vergleichsweise normal – was man eben nach diesem letzten Jahr überhaupt noch normal nennen kann. Es ist weiterhin so, dass die Eltern die Einrichtung nur im Notfall betreten oder wenn das Kind Probleme oder Sorgen hat. Ansonsten bringen die Eltern die Kinder bis vor die Tür und verabschieden sich dort von ihnen, das ist ein großer Unterschied zum sonstigen Alltag.

Und wie sieht die Betreuung der Kinder aus? Für die Kinder läuft der Tag recht normal ab. Es ist für manche sogar sehr schön, weil die Gruppen nicht so voll sind und es ruhig und entspannt zugeht. Ansonsten hat sich das, was vor Corona noch unnormal war, zur Normalität entwickelt – also das ständige Händewaschen oder dass Erzieherinnen Masken tragen. Wir versuchen jedoch zu vermeiden, im direkten Kontakt zu den Kindern Masken aufzusetzen, sondern tragen sie hauptsächlich im Kontakt unter uns Erzieherinnen.

Also ist es nicht vorgeschrieben, Masken im Umgang mit den Kindern zu tragen? Vorgeschrieben ist es nicht, aus pädagogischer Sicht wird sogar eher davon abgeraten. Aus arbeitsrechtlicher Sicht sollten wir hingegen Masken tragen. Schutz des Kindes und Schutz des Mitarbeiters, das widerspricht sich eben manchmal. Für uns ist das schon eine Gefährdung.

Erschwert dieser Gedanke die Arbeit der Erzieherinnen? Das ist belastend. Ich merke im Umgang mit den Kolleginnen oder auch bei mir selbst, dass man schon sehr dünnhäutig wird. Diese ständige Ungewissheit ist heftig. Ein Beispiel: Wenn wieder Eltern anrufen, die sagen, dass sie sich testen lassen, dann denkt man nur: „Bitte, bitte nicht – hoffentlich ist da jetzt nichts passiert.“ Was den Kontakt zu den Kindern betrifft, heißt es ja immer, man weiß nicht, wie stark sie das Virus übertragen, aber ausgeschlossen ist es nicht. Wenn wir aber Kinder trösten, dann setzen wir keine Maske auf, weil ein Kind auch den Gesichtsausdruck braucht, um zu wissen, dass es jemand wirklich ernst meint. Die Situation ist insgesamt anstrengend, unterbewusst anstrengend – oft merkt man das gar nicht so richtig.

Kitas am Limit – das ist also keine Untertreibung? Nein, das ist tatsächlich so der Fall. Wenn man hört, dass die Einrichtungen weniger öffnen und weniger Kinder betreuen, könnte man meinen, dass es ihnen doch gut geht. Das ist aber nicht so: Die psychische Belastung ist extrem hoch. Dieses ständige Desinfizieren, die Kontrolle, ob man an alle Regeln gedacht hat – das ist schon massiver Druck, der auf die Kolleginnen einprasselt.

Wie versuchen Sie dem entgegenzuwirken? Wir versuchen natürlich, im Gespräch zu bleiben. Aber auch das ist schwierig, weil Teamsitzungen, an denen alle teilnehmen und auch mal locker zusammen sprechen könnten, im Moment nicht stattfinden sollen. Wenn nicht so viele Kinder hier sind, dann versuche ich einzelne Kolleginnen ins Homeoffice zu schicken, um an Online-Fortbildungen teilzunehmen oder sich mit der Konzeption des Hauses auseinanderzusetzen. Auf diese Weise können sie auch mal aus diesem Umfeld rauskommen.

Nach einem Jahr Corona herrscht also ein Zustand, an den man sich eigentlich nicht gewöhnen möchte und der an den Kräften zehrt? Ja richtig. Im Sommer ging es ja noch, als wir viel rausgehen konnten. Da hatte man nicht das Gefühl der absoluten Nähe und es muntert natürlich auch die Psyche auf, wenn die Sonne scheint und man draußen sein kann. Jetzt im Winter ist es schon heftiger.

Auf dem weitläufigen Außengelände können Kinder und Erzieherinnen der Nähe der Gruppenräume entfliehen, um mit vereinten Kräften einen Schneemann zu bauen.

Wie ist denn die Lage bei den Familien? Wir merken allmählich, dass Eltern ihre Kinder schicken, nicht weil sie arbeiten müssen, sondern weil sie einfach der Gesamtsituation zuhause nicht mehr gewachsen sind. Homeschooling und Homeoffice wird in der Summe halt ziemlich viel.

Trotz des Appells der Landesregierung, die Kinder möglichst zuhause zu betreuen: Für solche Situationen sind die Kitas aber doch geöffnet oder nicht? Das war während des ersten Lockdowns, als es vorrangig um die Betreuung bei Systemrelevanz ging, tatsächlich auch so, dass gesagt wurde, wenn Überlastung besteht, dass wir auch diese Kinder aufnehmen. Dieses Mal ist es für Eltern und Einrichtungen insofern schwierig, weil die getroffenen Aussagen relativ schwammig sind. Manche Eltern wissen gar nicht, ob der Kindergarten geschlossen ist. In den Medien heißt es oft, dass Kindergärten geschlossen bleiben – aber sie sind nicht geschlossen. Für die Eltern ist das sehr undurchsichtig.

Möchten Sie den Eltern auf diese Weise noch etwas mit auf den Weg geben? Ich möchte mich bei den Eltern bedanken, dass sie die Einsicht haben und ihre Kinder weitestgehend zuhause betreuen. Wir sind in Gedanken bei den Familien und können verstehen, dass es anstrengend ist. Weiterhin gilt daher unser Angebot: Bei Überlastung sind wir jederzeit zum Gespräch mit den Eltern bereit oder auch zur Betreuung der Kinder

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