Wenige Verschnaufpausen für Mediziner und ihre Helfer

Ein Kraftakt: Hausärztin berichtet über Corona-Impfungen

Impftage verlangen von Kornelia Hauswald und dem Team der Gemeinschaftspraxis  (zu dem auch Ehemann Michael Hauswald zählt) volle Konzentration. Das Verabreichen des Vakzins dauert nur wenige Sekunden – doch die Vor- und Nachbereitung sei sehr aufwendig, betont die Allgemeinmedizinerin.
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Impftage verlangen von Kornelia Hauswald und dem Team der Gemeinschaftspraxis (zu dem auch Ehemann Michael Hauswald zählt) volle Konzentration. Das Verabreichen des Vakzins dauert nur wenige Sekunden – doch die Vor- und Nachbereitung sei sehr aufwendig, betont die Allgemeinmedizinerin.

Das Telefon klingelt nahezu pausenlos. Der Strom der Patienten ebbt nicht ab. Wo ist noch ein Behandlungszimmer frei? Sind alle Unterlagen ausgefüllt? Der Stresspegel ist hoch – doch das Team der Gemeinschaftspraxis Hauswald meistert die Herausforderung Corona-Impfung mit bemerkenswerter Souveränität.

Herscheid - Seit Wochen herrscht dieser Ausnahmezustand. Ursprünglich freie Tage müssen geopfert werden, um neben dem alltäglichen Kerngeschäft auch die Impfungen bewältigen zu können. Routine kann dabei nur bedingt einkehren: Von der Organisation, über das Vereinbaren der Termine bis zur Verteilung der Patienten innerhalb der Praxisräume haben sich Ärzte und Arzthelferinnen inzwischen ein gutes Konzept erarbeitet. Doch dieses wird immer wieder auf die Probe gestellt und durcheinandergewürfelt.

Dafür reicht schon eine einzige Absage – etwa durch Krankheit oder weil eine Person dann doch noch kurzfristig den Impftermin nicht wahrnehmen möchte. Damit der eingeplante Impfstoff nicht verfällt, muss rasch gehandelt werden. Also greift eine Arzthelferin zum Telefonhörer: „Haben Sie innerhalb der nächsten Stunde Zeit, um in unsere Praxis zu kommen?“ Auf die bange Frage scheint es die erhoffte Antwort zu geben: Ein Ersatz-Impfling ist gefunden, dieses Problem gelöst – doch das nächste lässt bestimmt nicht lange auf sich warten.

„Das ist schon wirklich heftig“, beschreibt Kornelia Hauswald all das, was sich in der Gemeinschaftspraxis, die sie gemeinsam mit Ehemann Michael Hauswald betreibt, in diesen Tagen abspielt. Damit meint sie nicht nur das gestiegene Arbeitspensum, sondern auch die damit verbundene psychische Belastung für sie und ihre Kollegen. Viele Patienten seien von der allgemeinen Lage gereizt. Den Frust bekommen nicht selten die Arzthelferinnen zu spüren. Der kurze Gang in die Küche, um sich kurz zu beruhigen, aufkommende Emotionen bestmöglich in den Griff zu kriegen, sei daher zwischendurch immer wieder notwendig.

Aufwendige Terminabsprache

Nachfragen, beraten, erklären: Eine Vollzeitkraft sei allein für die Arbeit am Telefon abgestellt. Um zumindest die Terminabsprache mit den Patienten zu verschlanken, sucht die Praxis nach passenden Computerprogrammen, um diesen Vorgang online auf der Homepage der Praxis erledigen zu können. Insbesondere für die jüngere Generation, die nun in der Impf-Reihenfolge nach oben rutscht, stelle die Online-Anmeldung kein Problem dar, meint Kornelia Hauswald: „Für uns wäre das eine große Erleichterung, weil wir dann nicht x Telefonate führen müssten.“

Dass die Infektionszahlen durch die steigende Impfrate und die vielen Testmöglichkeiten sinken, sei erfreulich und wünschenswert. Daher stellt sich die Allgemeinmedizinerin den täglichen Herausforderungen mit ungebrochenem Elan – wenngleich sie zugibt, dass die Phasen der Regeneration kurz seien. Die Impfaktionen fordern ihre komplette Aufmerksamkeit und Konzentration: Nicht nur das Verabreichen des Vakzins, das nur wenige Sekunden dauert. Dafür aber umso mehr das Aufeinandertreffen mit vielen Menschen in kurzer Zeit, die allesamt eigene Sorgen und Fragen haben.

Kornelia Hauswald: „Wenn ich eine Serie von Impfungen hinter mich gebracht habe, dann gehe ich einfach mal vor die Tür und atme tief durch.“

Diese persönlichen Gespräche dürften trotz der Eile nicht zu kurz kommen, verdeutlicht Kornelia Hauswald. Daher nutzt sie jede noch so kleine Lücke, etwa wenn Impfstoff neu aufgezogen wird, um kurz innezuhalten: „Wenn ich eine Serie von Impfungen hinter mich gebracht habe, dann gehe ich einfach mal vor die Tür und atme tief durch.“ Und dann geht es auch schon weiter mit den nächsten Patienten.

Was die Arbeit zusätzlich erschwere, seien die ständigen Änderungen. Vor und nach der Arbeit versucht die Allgemeinmedizinerin, sich über den Stand der Dinge zu formieren. Doch das sei manchmal auch frustrierend, wie sie am Beispiel der Impfabstände erzählt. Diese seien von den forschenden Firmen ursprünglich festgelegt worden, damit nach Erst- und Zweitimpfung ein möglichst umfassender Schutz besteht.

Glühende Telefondrähte

Auf Druck der Bevölkerung, so vermutet Kornelia Hauswald, könne der Abstand zwischen den Impfungen neuerdings verkürzt werden, „damit alle geimpft in den Sommerurlaub fahren können.“ Allein diese Entscheidung habe für glühende Telefondrähte in ihrer Praxis gesorgt: Personen, die bereits einen ordnungsgemäß vereinbarten Termin für die Zweitimpfung erhalten hatten, erkundigen sich nun und wünschen eine Vorverlegung. Aus medizinischer Sicht bestünden sicherlich Spielräume – so könne krankheitsbedingt eine Impfung verschoben werden. „Aber Zweitimpfungen vorzuverlegen, nur um geimpft in den Urlaub fahren zu können – damit ist man uns organisatorisch in den Rücken gefallen.“

Ein anderer Unsicherheitsfaktor: die Versorgung mit ausreichend Impfstoff. Andere Arztpraxen beklagen bereits akute Lieferengpässe, insbesondere mit dem Vakzin des Herstellers Astrazeneca. In Herscheid sei die Situation diesbezüglich zufriedenstellend, jedoch gibt Kornelia Hauswald zu bedenken, dass die erstproduzierte Charge des Impfstoffs bald auslaufe: „Dann muss dringend neuer her, denn wir können ja nicht abgelaufenen Impfstoff verimpfen.“ Was bis zum jetzigen Zeitpunkt gut funktioniert habe, das seien die Lieferungen für Zweitimpfungen. Sobald der Zeitpunkt für eine solche festgelegt war, dann „bekommen wir auch die entsprechenden Lieferungen“, sagt die Herscheiderin.

Keine Aussicht auf rasche Veränderung

Hoffnung bereitet der Expertin der Fortschritt der Forschung: So habe sie kürzlich erfahren, dass es einen neuen Impfstoff gegen Corona geben könnte – ein sogenannter Totimpfstoff, wie er beispielsweise auch gegen Tetanus eingesetzt werde. Dieser hätte den großen Vorteil, dass er einfacher zu lagern und zu handhaben sei. Sollte ein solcher Impfstoff zugelassen werden, dann würde es die Arbeit für die Hausarztpraxen deutlich erleichtern.

Eine kurzfristige Änderung der Situation sei allerdings nicht in Sicht, bedauert Kornelia Hauswald. „Mindestens bis Ende des Jahres wird es wohl noch so weitergehen“, schätzt die Allgemeinmedizinerin, die sich und ihre Kollegen auf viele arbeitsreiche Wochen und Monate einschwören muss.

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