Hobby-Detektive verdächtigen Felix Mayer und suchen ihn daheim auf

Fahrer eines Audi R8: Über Nacht zum Verbrecher abgestempelt 

Auf seinem Handy zeigt Felix Mayer einige der seiner Meinung nach beleidigenden Kommentare, die in den sozialen Medien nach dem Unfall am Silberg geäußert wurden. Weil er einen R8 fährt und ein solcher Sportwagen von der Polizei als
Verursacherfahrzeug genannt wurde, erhielt der junge Herscheider sogar Besuch von selbst ernannten Hobby-Detektiven.
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Auf seinem Handy zeigt Felix Mayer einige der seiner Meinung nach beleidigenden Kommentare, die in den sozialen Medien nach dem Unfall am Silberg geäußert wurden. Weil er einen R8 fährt und ein solcher Sportwagen von der Polizei als Verursacherfahrzeug genannt wurde, erhielt der junge Herscheider sogar Besuch von selbst ernannten Hobby-Detektiven.

Beschimpfungen, Bedrohungen, Bürgerpolizisten: Was Felix Mayer in den letzten Tagen widerfahren ist, kann er immer noch nicht begreifen. Nach einem Unfall am Silberg, an dem er überhaupt nicht beteiligt war, sah sich der junge Herscheider im Internet mit Vorurteilen konfrontiert und erhielt Besuch von selbsternannten Hobby-Detektiven. Über Nacht zum Verbrecher abgestempelt – auf diese leidige Erfahrung hätte der 22- Jährige gerne verzichtet.

Herscheid - Als er am Morgen des 30. April sein Handy anschaltete, wähnte er sich zunächst im falschen Film. 82 Whats-AppNachrichten zeigte das Gerät an. „Ich habe mich schon gefragt, ob ich wohl meinen Geburtstag verschlafen habe“, nahm es Mayer zunächst noch mit Humor. Doch das Lachen sollte ihm vergehen, als er den Grund für die Nachrichtenflut in Erfahrung brachte: Bekannte und Freunde erkundigten sich nach seiner Gesundheit, wollten wissen, ob alles in Ordnung sei. Nach und nach begriff er, was geschehen war: Am Vorabend hatte es einen Unfall am Silberg gegeben, bei dem der Fahrer eines Audi R8 mit seinem Fahrzeug einen Mercedes beschädigt haben und danach in seinem Sportwagen in Richtung Herscheid geflüchtet sein soll.

Die Polizei veröffentlichte auf ihren Internetkanälen am 30. April ein Foto des beschädigten Mercedes, darunter stand: Wo ist der Audi R8? Zeugen wurden aufgerufen, ihre Beobachtungen zu schildern. Eine Hoffnung beruhte darauf, dass es sich bei dem Verursacherauto um ein „recht seltenes Fahrzeug“ handele, schrieb die Polizei. Felix Mayer, der nach eigenen Angaben vor ein paar Jahren in Amerika an mehreren Unternehmensgründungen beteiligt war und inzwischen vor Ort als Vermögensberater tätig ist, fährt einen solchen R8. In Herscheid gebe es höchstens eine Handvoll solcher Sportwagen, schätzt er. Deren Besitzer gerieten in den sozialen Netzwerken ins Fadenkreuz mancher Nutzer.

„Das waren Hass-Kommentare, die mit dem Sachverhalt überhaupt nichts zu tun hatten“, erzählt der Herscheider. Die Internetbeiträge von Nutzern der Polizeiseiten richteten sich größtenteils zwar nicht gegen ihn persönlich, einige beschrieben aber auch einen jungen R 8-Fahrer, der häufig in Herscheid unterwegs sei. „Das tat weh“, empfand Mayer eine Vielzahl der Nachrichten als Beleidigung.

Doch damit nicht genug: Über den Tag verteilt suchten mehrere Personen das Privatgrundstück des Herscheiders auf. „Leute, die ich überhaupt nicht kannte, standen vor meiner Tür“, erzählt Mayer. Er sei mehrfach aufgefordert worden, seinen R 8 zu zeigen. „Die haben Privatdetektiv gespielt und suchten Unfallspuren an meinem Wagen.“ Als diese nicht an dem Audi entdeckt wurden, seien die Begegnungen jedoch harmonisch verlaufen, berichtet der Herscheider.

Bei dem Unfall in der Nähe der Silberg-Baustelle am 29. April entstand hoher Schaden an dem silbernen Mercedes. Der flüchtige Verursacher konnte bislang nicht ermittelt werden.

Dennoch wollte er diese Entwicklungen nicht auf sich sitzen lassen. Er nahm nicht nur Kontakt zu befreundeten R8-Fahrern auf und erfuhr, dass einem Bekannten sogar von Unbekannten körperliche Gewalt angedroht worden sei. Auch mit der Polizei hielt er mehrfach Rücksprache und drängte darauf, weitere Details zu dem Unfall zu veröffentlichen. Dass dann am Nachmittag des 30. April, fast sechs Stunden nach der Erstmeldung, bekannt gegeben wurde, dass es sich bei dem Fluchtauto um einen dunkelgrünen Audi R8 – der des Herscheiders ist weiß – mit Gummersbacher Kennzeichen handelte, könne er nicht nachvollziehen. Bei anderen Unfallmeldungen gehe die Polizei früher ins Detail, um Aufklärung zu betreiben, meint Felix Mayer. Auch dass viele unsachliche Kommentare nicht gelöscht wurden, könne er nicht nachvollziehen.

Um dem Druck zu entfliehen, wäre er am liebsten für ein paar Tage verreist, gesteht der Herscheider, der in diesem Zusammenhang von Rufschädigung spricht. Die Rasanz, mit der die Vorurteile im Internet ihre Runden machten und die Macht der sozialen Medien sei beängstigend: „Ich kann jetzt verstehen, dass einen so etwas in die Knie zwingen kann.“ Er selbst habe inzwischen einen Weg gefunden, mit den Vorfällen umzugehen und diese zu verarbeiten. Zugleich wendet er sich an die Öffentlichkeit und hofft, ein wenig mehr Verständnis erreichen zu können. Anstatt vorschnell zu urteilen, wünsche er sich, dass manch ein Zeitgenosse sich zunächst mit der Materie befasst. Passend dazu geht dem Herscheider ein Zitat des Dichters Johann Wolfgang von Goethe nicht mehr aus dem Kopf: „Man sieht nur, was man weiß.“

„Selbstjustiz ist nicht angebracht“: Das sagt die Polizei zu dem Unfall und dessen Folgen

Hat die Polizei zu spät genauere Details zum Unfall am Silberg veröffentlicht? Diese Frage verneint Pressesprecher Marcel Dilling vehement, der die Vorgehensweise wie folgt erklärt. Der geschädigte Mercedes-Fahrer habe nach dem Unfall am 29. April angegeben, das flüchtige Fahrzeug sei ein Audi R8 gewesen; die Farbe habe er nicht mit Gewissheit angeben können, sondern nur vermutet, dass es sich um ein dunkles Auto gehandelt habe. Daher habe man die Erstmeldung allgemein gehalten und auf eine Angabe der Farbe verzichtet – dies sei gängige Praxis bei der Öffentlichkeitsarbeit, sagt Dilling.

Eine Strategie, die erfolgreich gewesen sei: Aufgrund mehrerer Zeugenhinweise, die bei der Polizei eingegangen waren, sei die Unfallmeldung am Nachmittag des 29. April um die Angaben „dunkelgrüner Audi R8 mit Gummersbacher Kennzeichen“ ergänzt worden. In diesem Zusammenhang betont Dilling, dass sämtliche Kommentare auf der Facebook-Seite der Polizei gelesen werden, um mögliche Zeugenhinweise herauszufiltern. Dabei werde streng darauf geachtet, dass beleidigende Kommentare gelöscht werden.

Kein Verständnis zeige die Polizei auch für die von Felix Mayer geschilderten Personen, die den Herscheider daheim aufsuchten und dessen Auto auf Unfallspuren inspizieren wollte: „Selbstjustiz ist nicht angebracht“, sagt Dilling. Vermutungen, wer der Täter sein könnte, sollten umgehend der Polizei mitgeteilt werden. Diese suche weiterhin nach dem R8-Fahrer, der am 29. April um 20.20 Uhr im Bereich der Silbergkurven den Unfall mit einem silbernen Mercedes verursacht hat.

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