Die Stempelkarte mit der Nummer 4

Ausbildung früher und heute: Der Wandel im Werkzeugbau

Im Werkzeugbau der Firma Alberts arbeiten Lena Fischer und Frank Pierskalla Seite an Seite, Tisch an Tisch. Der Austausch
über ihre Ausbildungen förderte manche Parallele, aber auch Unterschiede zutage.
+
Im Werkzeugbau der Firma Alberts arbeiten Lena Fischer und Frank Pierskalla Seite an Seite, Tisch an Tisch. Der Austausch über ihre Ausbildungen förderte manche Parallele, aber auch Unterschiede zutage.

Als Lena Fischer von ihrer Zeit in der Lehrwerkstatt erzählt, muss ihr Arbeitskollege Frank Pierskalla schmunzelnd feststellen: „Das ist ja fast noch so wie früher.“ 36 Jahre liegen zwischen den Azubizeiten der beiden Werkzeugbauer der Herscheider Firma Gustav Alberts. Andere Zeiten, möchte man meinen – doch es gibt auffällige Parallelen.

Herscheid - Der 1. September 1982 ist ein Datum, das für Frank Pierskalla einschneidende Veränderungen mit sich bringen sollte. Der damals 16-Jährige hatte nicht nur jede Menge Flausen im Kopf, sondern auch keine Vorstellung davon, wie sein beruflicher Weg aussehen sollte. Zum Glück hatte sein Vater Erwin Pierskalla vorgesorgt und für seinen Sohnemann einen Ausbildungsplatz bei seinem Arbeitgeber ermöglicht, der Firma Gustav Alberts, bereits damals Herscheids größtes Familienunternehmen. Dort begann Anfang September des Jahres 1982 seine berufliche Karriere.

„Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals eine Bewerbung geschrieben zu haben“, sagt Frank Pierskalla. Wozu auch? Die Lage auf dem Arbeitsmarkt sei damals recht entspannt gewesen, den Jugendlichen hätten sich viele Möglichkeiten geboten. Den 16-jährigen Frank zog es nicht weg aus seiner Heimatgemeinde – er wollte in Herscheid bleiben, hatte bei einem vorherigen Praktikum bereits gute Erfahrungen bei Alberts gesammelt und wollte diese nun vertiefen.

Genau das sollte geschehen, jedoch herrschte im Werkzeugbau seinerzeit ein rauer Ton. Seine Vorgesetzten und Kollegen seien Personen gewesen, vor „denen ich Respekt hatte“, erinnert sich Pierskalla. Der Umgang miteinander sei stets fair gewesen; wenn mal etwas schiefging, dann erntete man auch schon mal eine Standpauke. „Aber nie ohne Grund“, sagt der heute 55-Jährige.

An dieser Hub-Feil-Sägemaschine hat Frank Pierskalla als junger Bursche regelmäßig gearbeitet. Heute steht das Gerät mit historischem Wert als Erinnerungsstück im Werkzeugbau.

An Scherze auf seine Kosten erinnert er sich inzwischen mit einem schelmischen Grinsen. Mit einer Dose und einem Lappen sei er eines morgens in die Schweißerei geschickt worden. Der Auftrag: „Hol eine Dose Druckluft – aber geh langsam und halt den Lappen auf die Dose, damit die Luft nicht entweichen kann.“ Als junger Bursche sei er pflichtbewusst losgezogen – und sorgte im Betrieb für Erheiterung.

(K) ein Frauenberuf

Streiche wie diesen habe man ihr nicht gespielt, sagt Lena Fischer erleichtert. Die 22-Jährige hat vor einem Monat ihre Ausbildung abgeschlossen – und ist stolz und froh zugleich. Im Vorfeld habe sie viele Bewerbungen geschrieben und dabei oft Absagen hinnehmen müssen. Eine Frau im Werkzeugbau – das sei oftmals nicht gewünscht gewesen. Wohl gemerkt: Die Bewerbungen schrieb sie im Jahr 2018.

Entsprechend froh ist die junge Plettenbergerin, bei Gustav Alberts einen aufgeschlossenen, modernen Arbeitgeber gefunden zu haben. „Hier ist man als Mitarbeiter nicht irgendeine Nummer“, lobt sie die fast schon familiäre Arbeitsatmosphäre. Nichts sei mehr zu spüren von dem einst etwas härteren Umgangston; mit ihren Kollegen sei sie längst per Du.

Dass in dem Herscheider Unternehmen großer Wert auf das Miteinander gelegt wird, stellte Lena Fischer früh fest. Ihre Ausbildung begann mit einer Fahrt aller Alberts-Azubis. Daran schloss sich die Kennenlernwoche an, bei der sie alle Abteilungen durchlief und viele neue Kollegen kennenlernte. In Form einer Präsentation musste sie das Erlebte ihren Eltern zeigen, damit sich diese ein besseres Bild vom Arbeitsplatz ihrer Tochter machen konnten.

Arbeit prägt die Person

Unternehmungen, die Frank Pierskalla ausdrücklich befürwortet, doch die er selbst als Azubi nie erlebt hat. Früher, zu seiner Zeit, da habe ohnehin halb Herscheid bei Alberts gearbeitet. Zudem sei die Firma noch kleiner und überschaubarer gewesen. Ein Beispiel: Damals sei die Arbeitszeit mit Stempelkarten erfasst worden. Auf denen haben keine langen Personalnummern gestanden, da „gab es Karten mit den Nummern vier oder sechs – und das waren die Leute, mit denen ich zusammengearbeitet habe“.

Personen, die seinen ganz persönlichen Werdegang prägen sollten. Denn durch die Kontakte am Arbeitsplatz fand Pierskalla Zugang zur Feuerwehr, zum Betriebsrat, zur Politik. Beruflich und privat habe er der Firma Alberts unheimlich viel zu verdanken. Für all das wolle er etwas zurückgeben – ein Arbeitsplatzwechsel sei in den 39 Jahren seiner Betriebszugehörigkeit nie in Frage gekommen.

Längst nicht mehr alle Tätigkeiten im Werkzeugbau funktionieren im Handbetrieb. Auch die Bedienung von computergesteuerten Anlagen gehört zu den Aufgaben von Lena Fischer.

Zu sehr war und ist er verwurzelt – im Werkzeugbau, der aufgrund der zunehmenden Modernisierung jedoch kleiner wurde, obwohl die Firma stetig gewachsen ist. Technische Hilfsmittel in Form von computergesteuerten Anlagen gab es in Zeiten, da noch mit einer großen Glocke die Mittagspause eingeläutet wurde, nicht. Apropos: In besagten Pausen habe noch ein Großteil seiner Kollegen Speisen aus dem Henkelmann, die daheim zubereitet worden waren, genossen. Derlei Behälter sehe man heute kaum noch.

Fräsen, schleifen, bohren

Der Umgang mit CNC-Maschinen oder das dreidimensionale Drucken sind hingegen längst fester Bestandteil der Ausbildungszeit an der Lehrwerkstatt. Diese hat Lena Fischer ein Jahr lang besucht und dort das Basiswissen erlernt. Zu den wichtigsten Tätigkeiten, die immer wieder geübt wurden, zählen fräsen, schleifen und bohren.

Das sei auch schon früher so gewesen, ergänzt Frank Pierskalla – und sofort fachsimpeln die beiden, die bei GAH Tischnachbarn sind und sich bestens verstehen. „Habt ihr auch U-Eisen geformt?“ – „Ja sicher, das waren unsere ersten Übungen.“ – „Und das Feilen?“ – „Nahezu jeden Tag am Anfang.“ – In den wesentlichen Bereichen scheinen sich die Ausbildungsinhalte kaum geändert zu haben.

Die Firma Alberts

Die Gustav Alberts GmbH & Co. KG agiert mit rund 430 Mitarbeitenden international an fünf Standorten. In Deutschland, Europa und der Welt hat sich GAH mittlerweile in der fünften Generation zum erfolgreichen und stetig expandierenden Systemanbieter für Handel, Handwerk und Industrie entwickelt. Die Keimzelle liegt in Herscheid; In der Ebbegemeinde ist GAH der größte Arbeitgeber. Was dort 1852 als Riegelschmiede im Herzen des Sauerlandes begann, umfasst heute ein Sortiment von weit mehr als 7 000 Artikeln rund um Haus und Garten. Einzäunen und Absichern, Bauen und Konstruieren, Reparieren und Basteln – die Alberts-Produkte, die in vielen Bau- und Fachmärkten zu finden sind, decken ein breites Spektrum im Do-it-Yourself Bereich ab. Quelle: www.gah.de

Was sich jedoch gewandelt habe, das sind die Perspektiven. Lena Fischer ist froh, einen Arbeitsplatz gefunden zu haben, an dem sie sich wohlfühlt, an dem ihr das Arbeiten Spaß bereitet. In den drei Jahren bei GAH habe sie sich weiterentwickelt, sowohl fachlich, aber auch menschlich. Die anfängliche Schüchternheit habe sie ablegen können. Heute trete sie selbstbewusster auf, weiß, was sie will – das gilt auch für die berufliche Zukunft.

30 Jahre in einem Betrieb? Aus heutiger Sicht für die Plettenbergerin nicht vorstellbar. Kurzfristig sei Alberts ihre berufliche Heimat. Doch langfristig strebe sie ein berufsbegleitendes Studium an, sie tendiere in Richtung Wirtschaftsingeneurin. „Auf jeden Fall möchte ich weiter in der Industrie tätig sein.“

Das Azubi-Fazit

So unterschiedlich die bisherigen Laufbahnen auch sein mögen, eine zentrale Gemeinsamkeit weisen sie auf: Frank Pierskalla, der inzwischen dienstälteste GAH-Mitarbeiter im Werkzeugbau, und Lena Fischer, kurz nach dem erfolgreichen Ausbildungsabschluss, haben Freude an ihrem Handwerk, an der Arbeit im Kollegenkreis und sie denken gerne zurück an ihre Azubi-Jahre.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare