Vorsicht beim Drachensteigen

Was ist zu tun, wenn der Drachen in der Stromleitung landet?

Der Kinderdrachen verfing sich in der Stromleitung.
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Der Kinderdrachen verfing sich in der Stromleitung. Nachdem er sich aus dieser wieder befreien konnte, ward er nicht mehr gesehen.

Was als herbstliches Familienvergnügen gedacht war, endet jäh, tränenreich und sorgt völlig unabsichtlich für einen dreifachen Einsatz für den Störungsdienst des örtlichen Stromanbieters. Dabei wollte die Familie Grein doch nur einen Drachen steigen lassen.

Herscheid – Begleitet von Sonnenschein machen wir uns auf den Weg in Richtung Rahlenberg. Mit im Gepäck haben wir warmen Kinderpunsch, Martinsbrezel und Gebäck – doch der Appetit soll uns schon bald vergehen.

Dabei beginnt alles wie geplant: Der Wind pfeift uns auf offener Wiese um die Nasen. Beste Bedingungen also, um Robbie Robbe einen kleinen Ausflug zu ermöglichen. Dieses tierische Motiv schmückt den Kinderdrachen, der uns als Urlaubsmitbringsel aus Cuxhaven schon manch ein luftiges Vergnügen beschert hat.

„Guck mal, wie gut er fliegt“ 

Auch auf den Herscheider Höhen fühlt sich Robbie wohl: Rasch steigt er in die Luft und unser Jüngster strahlt wie ein Honigkuchenpferd. „Guck mal, wie gut er fliegt“, erzählt Yannik, während er dem Robben-Drachen mehr Schnur gibt und dieser von hier unten kleiner und kleiner wirkt.

Was auch immer sein Interesse geweckt hat, können wir im Nachhinein nicht mehr sagen. Jedenfalls will unser Sohn uns urplötzlich etwas anderes zeigen und dafür benötigt er anscheinend blöderweise beide Hände. Also lässt er unbedacht mal eben kurz den Griff des Drachen los, ohne zu wissen, wo dieser nur wenige Momente später hängen wird.

Uns Erwachsenen sind die Folgen zunächst auch unklar: Erst noch hoffnungsvoll setzen wir an zu einem Sprint quer über die Wiese. Auf Matschlöcher nehmen wir keine Rücksicht, denn dafür bleibt keine Zeit: Robbie nutzt die neugewonnene Freiheit, steigt höher und höher – und das mit beachtlicher Geschwindigkeit.

Der Kinderdrachen Robbie Robbe auf Abwegen.

Genau die geht uns leider viel zu schnell verloren, weshalb der angesetzte Sprint erst einem Trab und letztlich einem Austrudeln gleicht. Laut schnaufend sehen wir mit an, wie auch der Ausflug des Drachen abrupt endet: Der Griff verfängt sich in einer Stromleitung, Robbie Robbe zieht mit all seiner Kraft – doch aus dieser Falle kann er sich nicht befreien.

Diese Situation löst zweierlei Emotionen in der Familie aus: Sohnemann Yannik bricht in Tränen aus, als er erkennt, dass wir seinen geliebten Drachen nicht zurückholen können. Meine Frau und ich fragen uns: Was machen wir denn jetzt? Wie gefährlich kann so ein Drache in der Stromleitung werden? Was passiert, wenn der Wind nachlässt und der Drache zu Boden sinkt?

Beschreibung der Örtlichkeit

Während Yanniks Trauer mit einem Biss in die Martinsbrezel gemildert wird, greife ich zum Handy und rufe die Feuerwehr an, die mir wiederum empfiehlt, die Störungsstelle des Verteilnetzbetreibers Westnetz anzurufen. Dem geduldigen Mann am anderen Ende der Leitung – wo immer diese auch enden mag – versuche ich zunächst erfolglos zu erklären, dass die Stromleitung zwischen dem Rodelhang Walterschlade und dem Bienen-Lehrpfad an der Linde betroffen ist. Mit der Bezeichnung Räriner Straße kann mein Gesprächspartner dann schon mehr anfangen; doch die gemeinte Trasse findet er in seinen Plänen dennoch nicht.

Kein Wunder: Einige Minuten später erhalte ich einen Rückruf, diesmal von einem anderen Bereitschafts-Mitarbeiter – und der erklärt mir: Die getroffene 110-Kilovolt-Freileitung gehöre seinem Arbeitgeber, dem Netzbetreiber Enervie. Ihm schildere ich die Situation, dennoch kann er aus der Ferne nicht abschätzen, ob und welche Gefahr von unserem Robbie ausgehen mag. Also schickt er einen Kollegen auf die Reise nach Herscheid und uns aufgrund der vorgerückten Uhrzeit nach Hause.

Somit endet der Familienausflug bei einbrechender Dunkelheit mit einem mulmigen Gefühl: Hoffentlich passiert da oben nichts Schlimmeres. Ein erneutes Telefonat mit dem freundlichen Mann von der Störungsstelle ergibt: Wir können jetzt nicht mehr machen, als zu warten. Sein Kollege sei unterwegs.

Beim Frühstück am nächsten Morgen gehört Robbie natürlich zu den ersten Themen. Ob es ihm wohl gut geht, fragen sich die Kinder. Zumindest haben wir von Enervie nichts Gegenteiliges gehört, was uns hoffen lässt, dass die Stromleitung keinen Schaden davongetragen hat.

Es besteht keine akute Gefahr

Tags darauf folgt die Gewissheit: Andreas Köster, Pressereferent von Enervie erzählt uns, dass einer seiner Kollegen noch am Samstag die Freileitung, die von Rärin kommend in Richtung Holthausen verläuft, abgesucht hat, den Drachen aufgrund der Dunkelheit aber nicht lokalisieren konnte. Mehr Durchblick hatte er bei der Kontrolle am Folgetag: Zwischen den Masten mit den Nummern 29 und 30 entdeckt er unseren Robbie. „Er war allerdings nicht so einfach zu entfernen“, erzählt Andreas Köster. Weil zudem keine akute Gefahr bestand, wurde die Aktion erneut unterbrochen.

Bei seinem dritten Ausflug nach Herscheid am Montag erlebt der Enervie-Mitarbeiter dann eine Überraschung: Denn der Drachen hat sich anscheinend aus eigener Kraft aus seiner misslichen Lage befreit – er ist quasi über Nacht verschwunden. Schäden an der Freileitung hat er nicht angerichtet und auch der Einsatz eines Hubsteigers ist nicht notwendig. „Damit ist das Problem für uns erledigt“, erzählt Köster.

Er kann uns zudem beruhigen: In dieser Situation haben wir genau richtig gehandelt: Wir haben nicht versucht, den Drachen aus der Leitung zu befreien und Abstand zu der Leitung gehalten. Rettungsversuche könnten lebensgefährlich sein, warnt der Pressereferent und betont: „Das Wichtigste ist in solchen Fällen, die Störungsstelle zu informieren.“

Er empfiehlt allen Drachenfreunden, bei der Suche nach einem geeigneten Standort stets darauf zu achten, mindestens 600 Meter Abstand zu Stromleitungen einzuhalten. Eine Erkenntnis, die auch wir verinnerlicht haben und noch ergänzen möchten.

Heißt nicht ohne Grund „in Windeseile“ 

Wie weit wir von der besagten Leitung entfernt waren, als sich Robbie löste, können wir nicht mit Gewissheit sagen. Was wir wissen: Die Wucht, mit der der kleine Drache weggeweht wurde, war immens und hat uns überrascht. Der Begriff „in Windeseile“ hat für uns nun eine ganz neue Bedeutung erhalten.

Daher werden wir beim nächsten Familienausflug – dann leider ohne Robbie Robbe – doppelt und dreifach darauf achten, wo wir einen Drachen steigen lassen werden. Denn einen solchen Schrecken möchten wir nicht noch einmal erleben.

Die sieben goldenen Drachenregeln

Das Drachensteigen birgt auch Gefahren. Der Verteilnetzbetreiber Westnetz rät daher, Drachen nur dort steigen zu lassen, wo keine Stromleitungen in der Nähe sind. Das Bildungsportal 3malE hat sieben goldene Regeln entwickelt, die Eltern und Kinder beachten sollten. Diese lauten:

1. Verwende Drachenschnüre aus Kunststoff.

2. Lass Deinen Drachen nie in der Nähe von Stromleitungen steigen.

3. Verfängt sich Dein Drache in einer Stromleitung, lass sofort los und hole Hilfe.

4. Lass Deinen Drachen nicht bei Gewitter steigen.

5. Greif die Drachenschnur nie mit bloßen Händen.

6. Halte Abstand zu Straßen, Autobahnen und Flughäfen.

7. Meide Natur- und Vogelschutzgebiete.

Über das Bildungsportal 3malE können Interessierte diese sieben goldenen Regeln kostenlos als Poster bestellen. Ebenso ist es hier für Kinder möglich, einen Drachenführerschein zu machen.

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