Zu Besuch bei der Honigernte

Herscheid: Warum 2020 ein extrem schlechtes Bienenjahr war

Das Entdeckeln der Waben ist eine Arbeit, die viel Geduld erfordert.
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Das Entdeckeln der Waben ist eine Arbeit, die viel Geduld erfordert.

Mit dem Ausklingen des Sommers neigt sich auch das Bienenjahr seinem Ende entgegen. Ein letztes Mal besucht die Heimatzeitung Lucy und Frank Neumann auf ihrem Hof in Grauensiepen. Nach Monaten der intensiven Arbeit können die beiden nun ihren Lohn einfahren, denn die Honigernte steht an.

Herscheid – „Das Schönste ist der Geruch von ganz frisch geschleudertem Honig“, sagt Frank Neumann. „So riecht kein Honig, wenn er später im Glas ist.“ Er und Lucy stehen in einem kleinen Raum ihres Hauses; im Regal an der Wand befinden sich noch zu befüllende und zu etikettierende Gläser, dem gegenüber steht die Honigschleuder. Dazwischen steht ein Tisch mit einem Ständer. Darauf legt Lucy das erste Rähmchen und fängt an, mit einer speziellen Entdecklungsgabel die Waben zu entdeckeln; das heißt, sie entfernt vorsichtig die Wachsschicht, mit der die Waben von den Bienen verschlossen wurden. Dieses Wachs wird später verwendet, um neue Mittelwände daraus herzustellen. Es ist eine filigrane Arbeit, die Lucy mit Geduld ausübt.

Honigschleudern im abgedichteten Raum

In die Schleuder der Neumanns passen vier Rähmchen. Ist die Schleuder voll besetzt, geht es ans Kurbeln. Frank betätigt die Kurbel. Wenige Sekunden genügen, um die eine Seite anzuschleudern; anschließend werden die Rähmchen gewendet und die zweite Seite wird geschleudert. Rund 20 Mal kurbelt Frank; der Schleuderkorb im Innern dreht sich und aufgrund der Zentrifugalkräfte wird der Honig aus den Waben gezogen. Noch einmal werden die Rähmchen gedreht, um auch die zunächst nur angeschleuderte Seite leer zu schleudern. Dieser Aufwand ist nötig, um das Wabengefüge nicht zu zerstören; so kann das Rähmchen im nächsten Jahr einfach wiederverwendet werden.

Zwei Dinge sind bei dieser Arbeit außerdem wichtig: Zum einen darf es nicht zu kalt sein, sodass der Honig zu zähflüssig ist, zum anderen sollte der Raum gut abgedichtet sein. Denn der intensive Honiggeruch, der beim Schleudern entsteht, würde sofort zahlreiche Bienen auf den Plan rufen, die das gelbe Gold nur zu gern einsammeln würden.

Lucy öffnet den Verschluss und der Honig fließt in einen bereitgestellten Eimer. Theoretisch könnte man direkt eine Brötchenhälfte unter den Honigstrom halten: frischer geht es nicht. Bevor der geschleuderte Honig jedoch in die Gläser abgefüllt wird, wird er noch zweimal gesiebt, um Wachsreste zu entfernen, die aber auch bedenkenlos verzehrt werden könnten. Anschließend wird der Honig noch gerührt beziehungsweise gestampft, um ihn cremiger zu machen. Erst danach kommt er ins Glas.

Lucy und Frank Neumann beim Honigschleudern. Das so gewonnene gelbe Gold muss anschließend nur noch gesiebt werden – obwohl es auch schon so essbar wäre.

„Ganz schön viel Arbeit“

„Das ist schon ganz schön viel Arbeit“, sind sich Lucy und Frank einig, doch der Aufwand lohne sich. Insgesamt gesehen sei es aber ein „extrem schlechtes Bienenjahr“, so Frank Neumann. Für ihn liegt der Grund dafür in der anhaltenden Trockenheit: „Wenn kein Wasser da ist, kann die Pflanze in der Blüte keinen Nektar produzieren.“ So würden zwar reichlich Pollen gesammelt, aber eben kein Nektar.

Man könnte meinen, dass der Anteil des Waldhonigs dann größer wäre, doch dem ist nicht so; warum wissen die Neumanns auch nicht. Anders als der Blütenhonig wird Waldhonig nicht aus Nektar hergestellt, sondern aus Honigtau. Das ist ein süßer Saft, den Insekten wie Blattläuse ausscheiden. Die Bienen sammeln diesen Saft und stellen daraus den Waldhonig her. Dieser gilt generell als kostbarer als der Blütenhonig, da er seltener und kräftiger im Geschmack ist. Zu erkennen ist er an der deutlich dunkleren Färbung.

Nur ein Viertel der sonstigen Ernte

Da die Honigernte in diesem Jahr nur rund ein Viertel des normalen Durchschnitts beträgt, haben sich die Neumanns dazu entschlossen, ausschließlich geschleuderten Honig anzubieten. Sonst haben sie auch Wabenhonig im Angebot, der neben Honig auch Pollen, Wachs sowie Propolis enthält; also alle guten Dinge, die die Biene hervorbringt, aber durchaus etwas gewöhnungsbedürftig sind. Die entsprechenden Waben lassen sie daher den Bienen; genauso wie einen Teil der Honigvorräte. „Wir nehmen nie alles aus“, sagt Frank Neumann.

Zufüttern für den Winter müssen er und Lucy aber dennoch. Für die Bienen gibt es Zuckerwasser: 15 bis 20 Kilogramm pro Volk. „Wir geben ihnen aber nicht alles auf einmal“, erklärt Lucy, sondern dosiert in Zweieinhalb-Kilogramm-Schritten. So haben die Bienen genug Zeit, die Nahrung einzulagern und gleichzeitig genug Platz, damit die Königin weiter stiften kann. Andernfalls würde es bei den Ammenbienen zum Futtersaftstau kommen, weil keine Larven da sind, die das Futter abnehmen.

Zehn- bis zwanzigtausend Bienen bewohnen im Winter den Stock. Neben der Königin sind das die sogenannten Winterbienen, deren einzige Aufgabe es ist, dafür zu sorgen, dass die Königin den Winter überdauert. Dafür leben sie deutlich länger als ihre Sommerkolleginnen, kommen allerdings nie aus dem Stock heraus.

Fließige Bienen beim Wabenbau.

Winterbiene lebt bis zu acht Monate

Zum Vergleich: Eine Arbeitsbiene lebt rund 35 Tage, wobei sie je nach Lebensalter verschiedene Arbeiten übernimmt; eine Drohne (männliche Biene) lebt knapp vier Monate, also eine Sommersaison; die Winterbiene hingegen kann bis zu acht Monate alt werden. Der Methusalem unter den Bienen ist allerdings die Königin: Sie kann ein stattliches Alter von bis zu fünf Jahren erreichen.

Man könnte meinen, dass die Arbeit des Imkers nach der Honigernte und dem Zufüttern für den Winter getan ist. Doch das stimmt nicht: Tatsächlich steht jetzt eine sehr kritische Zeit an, in der sich entscheidet, wie es für ein Bienenvolk weitergeht. Denn die fleißigen Arbeiterinnen und ihre Imker müssen nun den Kampf gegen einen besonderen Feind aufnehmen: die Varroamilbe.

Höchstleistungen

Um ein Kilogramm Honig zu erhalten, müssen die Bienen…

‒ mindestens zwei Millionen Blüten anfliegen

‒ circa 150.000 Flugkilometer zurücklegen; also etwa dreieinhalb Mal um die Erde fliegen

zwei bis drei Kilogramm Blütennektar oder Honigtau sammeln

‒ circa 150.000 Mal aus dem Bienenstock ausfliegen

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