Ein Beschluss, der nicht alle zufrieden stimmt

Vorerst keine Bio-Tonne in Herscheid / Bürger kritisiert: Entscheidung ist „rückwärtsgerichtet“

Für die Entsorgung von biologischen Abfällen wird in Herscheid in absehbarer Zeit keine zusätzliche Tonne eingeführt.
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Für die Entsorgung von biologischen Abfällen wird in Herscheid in absehbarer Zeit keine zusätzliche Tonne eingeführt.

Mehr als eineinhalb Stunden tauschten sich die Mitglieder des Umweltausschusses über Themen wie Abfallwirtschaft, leidenschaftliches Kompostieren und Bürgerinformation aus. Breiten Raum nahm die Diskussion über die Einführung einer Biotonne ein – die der Ausschuss zum jetzigen Zeitpunkt einstimmig ablehnte. Eine Entscheidung, die nicht allen Zuhörern gefiel.

Herscheid - In der Einwohnerfragestunde meldete sich Prof. Dr.-Ing. Manfred Helmus zu Wort, der die Sitzung mit Interesse verfolgt hatte. Er bedauerte, dass die Bioabfall-Tonne keine Chance erhalte. Seiner Meinung nach sei der Umweltschutz eine der zentralen Herausforderungen für Bürger und Kommunen. Daher bewertete er das einstimmige Votum des Ausschusses als „rückwärtsgerichtet“.

In den vorangegangenen Wortmeldungen der Kommunalpolitiker war immer wieder das Eigenkompostieren hervorgehoben und als Alternative zur Tonne herausgestellt worden. In einer ländlichen Gemeinde wie Herscheid sei dies eine gute Lösung, hieß es mehrfach.

Prof. Dr.-Ing. Helmus wertete diese Argumentation als Alibibekundung. Die Realität vor Ort sehe anders aus: Er kenne viele Leute, die ihre Gärten lieber mit Steinen vollladen, anstatt sie zu begrünen. Die Frage, die er indirekt stellte: Besteht überhaupt ein allgemeines Interesse am Kompostieren?

In seine Überlegungen bezog er den Container auf dem Bauhofgelände mit ein, in den kostenfrei biologische Abfälle gebracht werden können. Ein Angebot, das nur wenige Bürger in Anspruch nehmen. Nach Auskunft von Ordnungsamtsleiterin Bärbel Sauerland wurden 2020 darin lediglich 200 Kilo entsorgt.

Eine Bio-Tonne hingegen würde das Restmüll-Aufkommen deutlich reduzieren, betonte Helmus. Die von einigen Kommunalpolitikern angedeutete stärkere Kohlenstoffdioxid-Belastung stellte der Zuhörer in Frage: Mehr Fahrten durch Entsorgungsfahrzeuge seien nicht zu befürchten, lediglich eine Umverteilung. Zudem würden private Fahrten von Personen, die ihre Grünabfälle in die entsprechenden Container bringen, verringert.

Blick nach Neuenrade und die dortige Situation

Auch zu diesem Aspekt konnte Sauerland Zahlen liefern, diesmal aus der Nachbarschaft: In Neuenrade gebe es seit vielen Jahren eine Bio-Tonne; der darin gesammelte Müll werde im Zwei-Wochen-Rhythmus abgeholt. Die Restmülltonnen werden hier vierwöchentlich geleert.

Umgemünzt auf Herscheid, wo die Entsorgungsfahrzeuge wegen der Restmülltonnen alle zwei Wochen unterwegs sind, würde dies eine Fahrt mehr bedeuten, also keine gravierende Veränderung, hatte Sauerland ausgerechnet. Zudem hatte sie in Erfahrung gebracht, dass die Bio-Tonne in Neuenrade eine hohe Akzeptanz erfahre.

Neuer Vertrag wird ohnehin ausgeschrieben

Bürgermeister Uwe Schmalenbach erinnerte daran, dass der Entsorgungsvertrag mit der Firma Remondis Ende 2022 ausläuft und neu ausgeschrieben werden muss. Die Einführung einer Bio-Tonne würde dabei für einen beachtlichen Aufwand sorgen, ergänzte Ordnungsamtsleiterin Sauerland, dass die Ausschreibung dann europaweit erfolgen müsste. Zum jetzigen Zeitpunkt konnte sich der Ausschuss dazu nicht durchringen.

Dirk Voss (CDU) merkte abschließend an, dass die Diskussion über die Biotonne richtig sei: Der im Winter zurückgelassene Müll „auf unseren Rodelhängen zeigt aber leider auch, dass sich nicht jeder so große Gedanken um Umweltschutz macht.“

Tonnen-Invasion oder Problembringer: Das sagen die Ausschussmitglieder

Dirk Voss (CDU): „Wer den Bio-Gedanken in sich trägt, der hat einen Komposter.“ Die Einführung einer Biotonne in einer ländlich geprägten Gemeinde wie Herscheid sehe die CDU aus mehreren Gründen kritisch. Einer davon: Durch eine flächendeckende Einführung einer vierten Tonne würden die Fahrten der Entsorgungsunternehmen zunehmen. Ein anderer: Entnimmt man dem Restmüll die Bioabfälle, dann verringert sich die Menge an Müll, die im Müllheizkraftwerk in Iserlohn verbrannt wird. Das könnte zur Folge haben, dass weniger Fernwärme entsteht, mit der Teile der Stadt Iserlohn versorgt werden, und dass deshalb mit Öl zugeheizt werden müsse. „Wir holen uns mit einer Biotonne viele Probleme ins Haus“, sagte Voss, der auch auf die Geruchsbelästigung für die Herscheider Bürger anspielte.

Peter Reinhardt (SPD): „Die Biotonne hat ihre Berechtigung, wenn sie richtig befüllt wird.“ In anderen Regionen sei der Erfolg messbar. Für Herscheid sei aber zu bedenken, dass die Einführung bedeuten würde, dass Privatpersonen eine vierte Abfalltonne auf ihren Grundstücken aufstellen müssten, was zu Platzproblemen führen könnte. Hinzu kämen Container für Grünabfälle, Glas und Altkleider, weshalb Reinhardt von einer drohenden „Tonnen-Invasion“ sprach, die für den gewünschten Wohlfühleffekt in der Gemeinde sicher nicht förderlich sei. Für Anwohner im Außenbereich, die zurzeit vom Netz der Grünabfallcontainer abgeschnitten seien, wäre die Biotonne jedoch von Vorteil. Daher votierte Reinhardt im Namen der SPD gegen die Einführung zum jetzigen Zeitpunkt, wollte das Thema damit allerdings nicht grundsätzlich beenden.

Tobias Clever (Grüne): „Wir sollten das Thema nicht für alle Zeit ad acta legen.“ Die Entscheidung sei schwierig gewesen, letztlich haben die Grünen sich dazu entschieden, die Biotonne nicht einführen zu wollen, um stattdessen mögliche Alternativen voranzubringen. Diese könnten nicht nur Kompostanlagen sein – denn für Bewohner von Reihenhäusern oder Hausbesitzer mit kleinen Grundstücken seien diese Anlagen aus Platzgründen nicht nutzbar.

Sebastian Jülich (UWG): „Aus ökologischer Sicht überwiegen die Nachteile.“Sebastian Jülich begrüßte zwar, dass die Idee der Biotonne im Herscheider Umweltausschuss diskutiert wurde. Letztlich stimmte aber auch er gegen die Einführung.

Nils Höllermann (FDP): „Wir sind nicht begeistert von der Einführung der Biotonne.“ Er verwies auf die Stellungnahme der FDP, die bereits in der Zeitung veröffentlicht wurde; darin wurden unangenehme Begleiterscheinungen wie Geruchsbelästigung und potentielle Ungezieferbrutstätten sowie eine weitere Belastung der Umwelt gegen die Einführung der Tonne aufgeführt. Zudem plädierte Höllermann dafür, über derlei Themen nachzudenken, wenn der Klimaschutzmanager seinen Dienst bei der Gemeinde aufgenommen hat.

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