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Unternehmer zu A45-Sperrung: „Fünf Jahre sind absolut inakzeptabel“

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Von: Dirk Grein

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Erfolgreicher Übergang von der vierten in die fünfte Familiengeneration: Alexander Alberts (links) hat das operative Geschäft von seinem Vater Dietrich übernommen.
Erfolgreicher Übergang von der vierten in die fünfte Familiengeneration: Alexander Alberts (links) hat das operative Geschäft von seinem Vater Dietrich übernommen. © Alberts

Von den 170 Jahren Firmengeschichte der Firma Alberts waren gerade die letzten von zahlreichen Krisen geprägt. Im Interview berichten die Geschäftsführer über die Auswirkungen von Corona, A45-Sperrung und nun dem Ukraine-Krieg.

Herscheid – Der größte Arbeitgeber der Ebbegemeinde feiert runden Geburtstag: Die Firma Alberts wird 170 Jahre alt. Aus diesem Grund sprach Dirk Grein mit den beiden Geschäftsführern Alexander und Dietrich Alberts über die vielschichtigen Herausforderungen dieser Zeit, über die Änderung des Firmennamens und über Zukunftsperspektiven.

Wie geht es der Firma Alberts im Jahr des 170-jährigen Bestehens?

Alexander Alberts: Den Umständen entsprechend gut. In den letzten drei Jahren ist extrem viel passiert. Das war eine Achterbahnfahrt mit verschiedensten Herausforderungen, in einem Umfeld der völligen Planungsunsicherheit. Corona, Lockdown, Auftrageingangs-Boom, nächster Lockdown, Materialverknappung, Lieferkettenstörung – da weiß man nicht, worauf man sich als nächstes einstellen soll. Aber das hat unsere Firma gut durchgehalten, getreu unseres Slogans: „Gemacht um zu halten.“ Weil wir viele erfahrene Leute dabei haben, die auf Unsicherheit reagieren können, das hat geholfen, das Unternehmen gut auf Kurs zu halten.

Was ist das Erfolgsrezept für die beschriebene Kurzfristigkeit?

Alexander Alberts: Ich würde das als Szenario-Analyse bezeichnen. Wir müssen uns auf verschiedene Szenarien vorbereiten: Wir wollen langfristige und nachhaltige Entscheidungen treffen. Das bedeutet: Nicht kurzfristig in Extremen denken, sondern eine Linie festsetzen, die langfristig funktionieren könnte. Ein konkretes Beispiel: Wir haben unseren Maschinenpark erweitert, um die Anforderungen, die an uns gestellt werden auch in der Zukunft erfüllen können. Auch bei der Anzahl der Mitarbeiter sind wir sehr konstant und eher gewachsen als geschrumpft. Wir sind bei circa 500 eigenen Mitarbeitenden, je nach Jahreszeit.

Gehen wir ins Krisen-Detail: Zählt Alberts zu den Corona-Profiteuren?

Alexander Alberts: Das Geschäft hat sich deswegen positiv für uns entwickelt, weil die Leute mehr zu Hause gearbeitet haben. Sie sind nicht in Urlaub gefahren, sondern haben im Garten gewerkelt. Profiteur hört sich negativ an: Grundsätzlich haben wir unsere Produkte gut an den Mann gebracht, weil die Nachfrage da war.

Dietrich Alberts: Und weil das Thema E-Commerce uns sehr geholfen hat. Während des ersten Lockdowns 2020 waren die ausländischen Märkte komplett geschlossen; weil wir gut 40 Prozent Umsatzanteile im Ausland haben, hat uns das weh getan. In 2021 war es genau umgekehrt – da waren die deutschen Märkte geschlossen, bis auf die Handwerker, die beliefert werden durften. Da hat uns der E-Commerce sehr geholfen.

Das zweite Krisen-Thema: Wie macht sich der Ukraine-Krieg bei Ihnen bemerkbar?

Alexander Alberts: Wir haben eine Tochtergesellschaft in Russland. Nach den ersten Justierungswochen haben wir uns dazu entschieden, unser Geschäft in Russland nicht einzustellen, sondern in kleinerer Form fortzuführen – weil wir unseren Mitarbeitern dort eine persönliche Perspektive bieten müssen, denn die haben auch alle Familien. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass die Mitarbeiter von den Geschehnissen überrollt worden sind. Daher mussten wir Vorsorge treffen, dass unseren Leute nicht die Lebensgrundlage entzogen wird. Die Frage war: Wie können wir das in einem Maße fortführen, dass wir den Leuten genug an Gehalt zahlen zu können, ohne in Russland zu expandieren? Da bleiben wir auf kleiner Flamme aktiv. Natürlich gibt es viele moralische Fragen, die man sich im Hintergrund stellen muss, die aber schwierig zu beantworten sind.

Dietrich Alberts: Gleichzeitig haben wir auch für die Ukraine-Hilfe gespendet, um auch ein bisschen die andere Seite im Auge zu halten. Ich bin aber der Meinung, dass das Wort „Wandel durch Handel“ auch in Zukunft Bestand haben wird. Russland wird man schon allein wegen der Größe des Landes nicht einfach so negieren können. Hätten die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg nicht den Marshall-Plan ins Leben gerufen und Deutschland wieder industrialisiert und aufgebaut, dann hätten wir heute ganz andere Themen, über die wir uns unterhalten würden. Die haben damals auch gesagt: „Unter Hitlers Führung sind schreckliche Dinge passiert – aber Deutschland ist nun mal das größte Land in Europa und mittendrin. Wir müssen in irgendeiner Form mit denen umzugehen lernen.“ Und so ähnlich, könnte ich mir vorstellen, wird es irgendwann wieder mit Russland Geschäft geben müssen, wie auch immer sich das gestaltet.

Wie ist das Verhältnis zu den Kollegen in Russland?

Alexander Alberts: Unser Exportleiter telefoniert fast täglich mit den Kollegen. Dadurch bekommen wir die Spiegelung, was vor Ort passiert. So wurde uns berichtet, dass eine Messe in St. Petersburg stattgefunden hat, auf der auch nicht nur mit einem Wort über den Krieg gesprochen wurde. Das ist eine komplett abgeschottete Blase, in der die Leute dort leben. Verbindungen nach außen sind für unsere Mitarbeiter in Russland daher Gold wert. Unsere Aufgabe als Unternehmer ist es auch, die Menschlichkeit im Vordergrund zu stellen und nicht die Leute unter Generalverdacht zu stellen.

Ergänzend zu diesen Krisen gibt es ein lokal gravierendes Problem: Wie wirkt sich die A45-Sperrung auf den Standort Herscheid aus?

Alexander Alberts: Massiv und zwar jeden Tag. Extrem betroffen mit einer zusätzlichen Anfahrtzeit von einer halben Stunde und mehr, sind es allein 35 Personen in unserem Unternehmen. Auch wer in Lüdenscheid lebt, hat mehr Verkehr. Das ist für uns schwierig. Daher unterstützen wir unsere Mitarbeiter.

Dieses historische Foto zeigt die Belegschaft der Firma Alberts im Jahr 1913.
Dieses historische Foto zeigt die Belegschaft der Firma Alberts im Jahr 1913. © Alberts

Wie machen Sie das?

Alexander Alberts: Leuten mit starken Beeinträchtigungen zahlen wir freiwillig einen Ausgleich für Mehrbelastung. Alle die, die von der A45 als Zufahrtsstrecke direkt betroffen sind oder durch den Lüdenscheid Umleitungsverkehr fahren müssen, die sind über die Maße betroffen – für die wird es eine zusätzliche Zahlung geben. Das soll unsere Mitarbeiter entlasten. Und es ist in Zukunft wenigstens eine Möglichkeit, um überhaupt noch Leute anzusprechen, um sie hier in die Region zu locken und Arbeitsplätze zu besetzen. Zusätzlich zu der schwierigen Situation auf dem Arbeitsmarkt sind wir abgeschnitten von manchen Märkten, die wir brauchen. Dortmund zum Beispiel ist IT-Hochburg und liegt leider nördlich der Brücke. Alle Leute, die man früher theoretisch aus Dortmund hätte begeistern können, hier zu uns ins Sauerland zu kommen, die verliert man heute komplett.

Dietrich Alberts: Ich versuche seit Wochen herauszufinden, wie wir die fünf Jahre – die sich fälschlicherweise beginnen in den Köpfen der Leute festzusetzen – wieder rauskriegen. Es ist für mich völlig inakzeptabel, dass das fünf Jahre dauern soll. Bei mir entsteht der Eindruck: Alle sind gewillt, die Brücke so schnell wie möglich zu machen. Aber wir sind gefangen in einem Netzwerk von Gesetzen, Verfügungen und Verordnungen, aus dem – selbst bei gutem Willen – die Politik nicht rauskommt. Mein Wunsch wäre, dass die Rahmedetalbrücke in einigen Jahren als Beispiel dafür dienen könnte, dass wir es geschafft haben, uns aus diesem Netzwerk der Verfügungen zu befreien.

Alexander Alberts: Die Sperrung trifft uns natürlich auch in der Logistik. Die Abholzeiten ändern sich, die Speditionen müssen Umwege fahren, Kosten werden weiter berechnet – darauf müssen wir uns komplett neu einstellen.

In diese schwierige Gemengelage fällt das 170-jährige Bestehen der Firma Alberts: Ein schlechter Zeitpunkt, um diesen Geburtstag zu feiern?

Alexander Alberts: Auf gar keinen Fall. Wir unterstreichen die 170 Jahre damit, dass wir durch eine solche turbulente Zeit gut und stabil durchgekommen sind. Da müssen wir auch innehalten und uns darauf besinnen, was wir in den letzten Jahren allein durch diese Krisen geleistet haben – und zwar jeder einzelne Mitarbeiter. Viele Leute haben Überstunden geschoben, sind über sich hinausgewachsen, haben extrem viel dafür getan, dass die Probleme gelöst werden. Da kann man den Leuten auch mal Zeit zum Durchschnaufen geben – das wollen wir tun.

Dietrich Alberts: Wir müssen den Mitarbeitern und deren Familien sowie den Rentnern, die durch die Pandemie lange nicht mehr hier waren, auch die Firma zeigen. Das wollen wir mit einem Tag der offenen Tür machen.

Warum werden anlässlich des 170-jährigen Bestehens das Logo und der Name verändert in Alberts?

Alexander Alberts: Ich habe die Idee aus verschiedenen Gründe vorangetrieben. Zum einen, weil das ursprüngliche Logo GAH Alberts eigentlich eine Duplikation ist: Es steht für Gustav Alberts Herscheid Alberts. Heute liegt bei der Nutzung von Logos in der Kürze die Würze. Ohne viel Schnörkel, klare Botschaft: Alberts. Damit legen wir einen Grundstein für die Zukunft. „Alberts, gemacht um zu halten“ ist genau das, was wir auch in Zukunft ausdrücken wollen, für die nächsten Generationen.

Das neue Logo wird am Firmengebäude angebracht.
Das neue Logo wird am Firmengebäude angebracht. © Alberts

Apropos Generationen: Wie erfolgt die Staffelübergabe in der Alberts-Geschäftsleitung?

Dietrich Alberts: Die konkrete Umstellung hat begonnen am 1. September 2017, als mein Sohn in die Firma eingestiegen ist. Dann haben wir Schritt für Schritt Verantwortungsbereiche gewechselt und übertragen. Das Ganze endete letztes Jahr damit, dass mein Sohn die letzten Bereiche im laufenden Geschäft übernommen hat. Ich helfe gerne noch mit Projekten, die ich begleite aus, aber ich bin nicht mehr im Tagesgeschäft. Das habe ich ganz ähnlich bei meinem Vater erlebt und das hat sich bewährt. Dass wir es so langfristig übergeben können, ist natürlich ein Glücksfall.

Alexander Alberts: Auch für mich war es ein Glücksfall, dass der Übergang so harmonisch verlaufen ist. Ein Sprung ins kalte Wasser ist es ja eigentlich immer. Am Anfang muss man sehr viel aufnehmen. Doch Schritt für Schritt kommt man in die Routine. Was ich durch die vielen Krisen vorteilhaft fand, ist, dass es so viele Anforderungen für Veränderungen gab. Dadurch hat man noch vorne viel entwickeln können.

In fünf Jahren steht dann das 175-jährige Jubiläum an: Was wünschen Sie sich bis dahin für Ihre Firma?

Alexander Alberts: Ich wünsche mir, dass wir auch dann sagen können, dass wir in den letzten fünf Jahren unseren Satz „Gemacht um zu halten“ in die Realität umgesetzt haben – und dass wir mit dem gleichen Gefühl in die Zukunft blicken können. Dass das Unternehmen weiter zusammenhält, dass die äußeren Umstände es zulassen, dass es so passiert – wenn wir das behaupten können, dann können wir alle glücklich und zufrieden sein.

Kurzporträt: Das ist das Familienunternehmen Alberts

Was 1852 als Riegelschmiede begann, umfasst heute ein Sortiment von mehr als 7000 Artikeln. Die Firma Alberts beliefert Baumärkte und Fachhandel mit Produkten für den Do-it-yourself-Bereich. Dazu gehören Pfosten, Zäune, Beschläge und Scharniere. Das 170-jährige Bestehen nutzt das Unternehmen, das in fünfter Familiengeneration geleitet wird, um seinen Firmenauftritt zu ändern; Namen und Logo wurden angepasst, aus GAH Alberts wird Alberts. Für Mitarbeiter, deren Familien und geladene Gäste wird Ende August ein Tag der offenen Tür veranstaltet. Zudem werden die Mitarbeiter über eine Handy-App mit kurzen Filmen und Nachrichten über Neuigkeiten informiert. Dazu zählte unter anderem die Erweiterung der Produktionsfläche um zusätzliche 6500 Quadratmeter durch die Übernahme einer bestehenden Halle im Industriegebiet Friedlin.

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