Alexandra Gödde nimmt uns mit auf einen besonderen Forst-Ausflug

Tanne statt Wanne: Im Wald baden - wie fühlt sich das an?

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Die Bewegung kommt nicht zu kurz: Kursleiterin Alexandra Gödde (links) zeigt, wie sich der Körper entspannt.

Herscheid – Die Coronazeit lockt immer mehr Menschen zum Rauskommen und Abschalten in den Wald. Für die Herscheiderin Alexandra Gödde ist dieser Ort nicht erst seit dem Pandemie-Ausbruch ein wahrer Lieblingsplatz.

„Ich gehe seit Jahren regelmäßig waldbaden“, verweist sie auf ihre besondere Leidenschaft mitten im Forst, bei der man nicht etwa in einen Waldsee springt. Stattdessen reicht es, gemütlich durch die Natur zu schlendern. Aber was macht einen Spaziergang eigentlich zum Waldbaden? Wie wird für Ruhe und Entspannung gesorgt? Ohne nass zu werden bin ich eine Runde baden gegangen.

Die Bezeichnung stammt aus Japan, wo man von „Shinrin Yoku“ spricht. Die genaue Übersetzung lautet „Baden in der Atmosphäre des Waldes“. „Den japanischen Begriff finde ich passender“, sagt Alexandra Gödde, bei der man die Begeisterung für dieses Thema bereits nach wenigen Sekunden spürt. Als zertifizierte Kursleiterin für Waldbaden, Natur- und Landschaftsführerin und Meditations-Expertin ist sie die perfekte Begleiterin für einen Selbstversuch. 

Doch wie genau funktioniert denn nun „Shinrin Yoku“? Es gehe darum, sich auf seine Sinne zu fokussieren. So tauche man in den Wald ein – und damit in sich selbst und die eigene innere Ruhe, die man dort finde. Eine spezielle Ausrüstung brauche ich dafür nicht. Wer es sich etwas angenehmer machen möchte, kann ein Sitzkissen mitnehmen. Ein erfrischendes Getränk für zwischendurch ist auch zu empfehlen. Ansonsten sollte nur noch an festes Schuhwerk und bequeme Kleidung gedacht werden. Mit all dem ausgestattet folge ich einer sechsköpfigen Gruppe, die aus erfahrenen Waldbaden-Anhängern und völlig unvorbereiteten Neulingen wie mich besteht. 

Wie ich zu Beginn unserer Tour im Ebbegebirge erfahre, ist schon ein einfacher kleiner Spaziergang im Forst so etwas wie Waldbaden. Wir sind an der Luft und stärken damit unser Immunsystem. Gleichzeitig gilt es, die eigene Umgebung ganz bewusst wahrzunehmen. Der Unterschied zum klassischen Spaziergang liegt darin, dass alles entschleunigter abläuft. 

„Wir haben auch kein Ziel vor Augen“, erklärt Expertin Gödde. Verweilen – dieses Wort beschreibt unsere Aktivität wohl am besten. Ohne Hektik, Zeitdruck oder Fitnessprogramm muss keinerlei Mindestkilometerzahl zurückgelegt werden. Auch ich lasse mich einfach nur treiben. Eine erste Übung betrifft den Hörsinn: Jeder aus der Gruppe soll sich mit geschlossenen Augen ausschließlich auf die Geräusche in seiner unmittelbaren Umgebung konzentrieren. Ich höre Vogelgezwitscher und Blätterrauschen. Dazwischen stört nur Motorenlärm von der Straße. 

Auch Reporter Max Gerhard (rechts) durfte die Kraft der Bäume spüren.

Nachdem wir noch tiefer in den Wald eingedrungen sind, setzen wir uns ins kissenweiche Moos und lassen den frischen Wind um unsere Nasen wehen. Automatisch lässt sich damit Distanz zum Alltag herstellen. Es folgen Atem- und Entspannungsübungen, die noch mehr zur Beruhigung beitragen. Wer möchte, kann auch einen Baum umarmen. Dessen positive Auswirkungen sind genau wie die von Waldbesuchen allgemein wissenschaftlich erwiesen: Beispielsweise können Stresshormone abgebaut, Nerven beruhigt und der Blutdruck gesenkt werden. Das lässt sich auch bei mir spüren. „Wir sind umgeben von qualitativ guter Luft“, betont Alexandra Gödde die besondere Umgebung. Über zwei Stunden Zeit nehme ich mir für das Waldbaden. 

Es fühlt sich ein bisschen an wie Urlaub, bei dem sich alle lästigen Gedanken in der Natur abschütteln lassen. Auch wenn es mir nicht immer gelingt, komplett abzuschalten, der Wald lenkt ab und macht meinen Kopf frei. Zugleich ist die Schönheit der Landschaften noch viel besser zu erkennen, wenn man mal nicht so schnell daran vorbei läuft wie sonst üblich. 

Passend dazu zitiert Kursleiterin Alexandra Gödde die berühmte Astrid Lindgren: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“ Fest entschlossen, diese Worte künftig häufiger in die Tat umzusetzen, verlasse ich frisch und erholt den Wald. 

Alexandra Gödde bietet Waldbaden-Kurse über die Volkshochschulen Lüdenscheid, Lennetal und Volmetal sowie zusammen mit dem Wald- und Umweltpädagogischen Zentrum in Meinerzhagen-Heed an. Die nächsten Termine sind im Herbst geplant, zum Beispiel am 18. September in Herscheid.

Weitere Infos gibt es auch auf der Facebook-Seite „Forestlax“. Alexandra Gödde sucht für ihre Veranstaltungen auch regelmäßig nach geeigneten Orten. Wer bereit ist, sein Waldstück für einen Kurs zur Verfügung zu stellen, kann sich per E-Mail an forestlax@online.de melden.

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