Vorwürfe gegen Gemeinde und Kritik an nächtlichen Müll-Besuchern

Der große Unbekannte bricht sein öffentliches Schweigen: Das sagt der Presswerk-Besitzer

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Überraschender Start ins Wochenende: Am Freitagmorgen wurden die Bagger von der Baustelle in der Herscheider Ortsmitte abgezogen

Herscheid - Bange Blicke auf die Hohle Straße: Am Freitagmorgen füllte die Firma P&S Agrar und Forst zunächst zwei Schrottcontainer und ließ anschließend die Bagger von der Presswerk-Baustelle abziehen. 

Gibt etwa das nächste Unternehmen im Zuge des Abrisses der Industriebrache auf? Droht ein Stillstand – jetzt, da nur noch ein kleiner Teil der nicht mehr genutzten Fabrikhallen steht? Sebastian Gerkau ist um Beruhigung bemüht. Der Geschäftsführer von P&S erzählt am Telefon, dass die Bagger lediglich ausgetauscht werden. Dies hänge mit den Öltanks zusammen, die kürzlich in den Kellern der Firmenbaracke entdeckt worden sind. Um diese zu entfernen, benötigen seine Mitarbeiter anderes Gerät. „Die Arbeiten werden aber nicht eingestellt“, betont Gerkau ausdrücklich. 

Seine Firma ist nicht die erste, die die heruntergekommenen Produktionshallen und den Bürotrakt zurückbauen soll. Mindestens zwei Unternehmen waren schon damit beauftragt. Warum sie nicht mehr an der Hohle Straße tätig sind, dazu könnte nur eine Person Auskunft geben, die bislang öffentlich nicht in Erscheinung getreten ist: der Besitzer des Areals, der dieses vor fünf Jahren bei einer Zwangsversteigerung erworben hat. 

Sein Name und seine Adresse sind der Heimatzeitung nicht bekannt. Eine Kontaktaufnahme war uns bislang nicht möglich. Doch bei einer zufälligen Begegnung vor dem Baustellengelände ergab sich vor einigen Wochen die Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem großen Unbekannten. 

Kurz geschorenes Haar, luftige Hose, T-Shirt: Leger gekleidet überquert der Mann die Hohle Straße und will eigentlich in seinen Wagen einsteigen. Ob er Zeit für ein kurzes Interview hat, fragen wir ihn. Nein, eigentlich nicht, will er die spontane Anfrage bestimmt, aber nicht unfreundlich ablehnen. Seinen Namen wolle er ohnehin nicht in der Zeitung lesen, es sei ja schon viel berichtet worden über das Presswerk, meistens aus Sicht der Gemeindeverwaltung. 

Und genau dieses Stichwort Rathaus bewegt den Mann anscheinend zum Umdenken: Er nimmt nun doch Stellung zu der schier endlosen Geschichte dieser Firma, die einst ein Vorzeigebetrieb in Herscheid war und in den letzten Monaten und Jahren zu einem Schandfleck verkommen ist.

Eine Baustelle, die viele Fragen aufwirft. Der Rückbau der Presswerkgebäude zieht sich länger hin, als allen Beteiligten lieb sein dürfte.


Der Mann, auf dessen Auto ein Kennzeichen aus Rheinland-Pfalz zu sehen ist, sei seinerzeit über das Internet auf die Ebbegemeinde aufmerksam geworden. Ursprünglich galt sein Interesse dem ehemaligen Getränkemarkt am Neuer Weg, der seinerzeit veräußert wurde. Bei einer Fahrt ins Sauerland wollte er sich das Objekt aus der Nähe anschauen; zu einem Kauf kam es allerdings nicht. Zur Erinnerung: Der Getränkemarkt ist inzwischen abgerissen worden. An dessen Stelle entstand ein Neubau, in dem die Arztpraxis Hauswald, eine Apotheke, eine Bäckerei-Filiale sowie Wohnungen eingerichtet wurden. 

Statt dieser Immobilie fiel dem Mann bei der Fahrt über die Landstraße 561 das Presswerk-Areal ins Auge – dies weckte sein Interesse. Bei der Zwangsversteigerung vor dem Amtsgericht Plettenberg erhielt er am 21. Januar 2015 für das Gebot von 50 500 Euro den Zuschlag. 

Bei dieser Verhandlung machte er erstmals Bekanntschaft mit Herscheids Bürgermeister Uwe Schmalenbach, der ebenfalls im Zuschauerraum saß und die Versteigerung verfolgte. Der Pfälzer vermutet, dass die Gemeinde gehofft hatte, dass sich kein Interessent für das Grundstück findet, um dieses irgendwann für kleines Geld selbst ersteigern zu können. Doch es kam anders, als alle gedacht hatten. 

Denn nach eigener Schilderung hatte der Mann konkrete Vorstellungen für das weitläufige Gelände mitsamt den darauf stehenden Hallen. Unter anderem sei die Rede von einer Art Fitnessstudio gewesen. Die Hallen, die kurz nach der Zwangsversteigerung im Internet angeboten wurden, seien zwischenzeitlich zur Hälfte vermietet gewesen, erzählt der Besitzer. 

Doch die von der Gemeindeverwaltung erlassene Veränderungssperre für diesen Bereich schränkte die Nutzung empfindlich ein, sagt er: „Ich bin zwar der Eigentümer des Grundstücks, kann aber darauf nicht das machen, was ich will.“ 

Exemplarisch nennt er bauliche Veränderungen, die auf der Strecke blieben. So seien Schäden am Dach aufgetreten, die auch behoben werden sollten. Doch letztlich sei die Renovierung – wie viele seiner Vorhaben an dieser Stelle – an den Vorgaben der Gemeinde gescheitert. 

Wie genau die Hallen genutzt wurden und wer die Mieter waren, darauf geht der Gesprächspartner ohne Namen nicht ein. Stattdessen sieht er die Hauptschuld dafür, dass sich lange Zeit nichts auf dem Gelände getan habe, bei der Gemeinde. Den Vorwurf, er sei für Gespräche mit dem Rathaus nicht bereit gewesen oder habe sich bei seinem Vorhaben nicht in die Karten schauen lassen, streitet er ab. Zudem lässt er erahnen, dass auch er mit dem zuletzt desolaten Zustand der Hallen nicht zufrieden sei. Verärgert habe ihn auch das Verhalten einiger nächtlicher Besucher, die Müll und Schutt auf dem Gelände hinterlassen haben. 

Auch der Rückbau der Gebäude gestalte sich schwierig und mit ungeahnten Hindernissen – unter anderem hatte die Bezirksregierung die Baustelle wegen Asbest-Funden auf dem Dach zwischenzeitlich stillgelegt. Doch der Besitzer hoffe inständig, dass dieses Kapitel, das für ihn mit einem Verlustgeschäft enden dürfte, demnächst beendet werden kann. In Herscheid wolle er zukünftig keine Investitionen mehr tätigen – und das macht er im Wesentlichen an einer Person fest. „Mit Herrn Schmalenbach werde ich keine Projekte mehr eingehen“, sagt der Mann mit dem Sommerhaarschnitt, der sich kurz darauf höflich verabschiedet und in einem weißen SUV davonfährt.

Der Rückbau auf dem Firmenareal an der Hohle Straße ist unverkennbar.


Die Behauptungen des Presswerk-Besitzers prüfen wir in einem Faktencheck. Dazu haben wir Bürgermeister Uwe Schmalenbach mit drei Vorwürfen konfrontiert und um Stellungnahme gebeten.

1. Ist es richtig, dass die Gemeinde das Industriegelände für kleines Geld erwerben wollte und deshalb bei der Zwangsversteigerung in Plettenberg vertreten war? 

„Ich war rein aus Interessensgründen im Amtsgericht“, betont Schmalenbach. Eine etwaige Kaufabsicht hätte er nicht ohne Zustimmung des Rates umsetzen können. Doch weder einen entsprechenden Beschluss noch den Kaufwillen habe es gegeben, sagt der Bürgermeister. 

Er ergänzt, dass ein Interessent aus Herscheid ebenfalls die Versteigerung verfolgt, letztlich aber nicht mitgeboten habe. „Sobald es private Interessenten gibt, erfolgt kein Einschreiten der Gemeinde“, sagt Schmalenbach. Dass sich der Zustand des Geländes von der Versteigerung im Januar 2015 bis heute weiter verschlechtert habe und sich der Rückbau zu einer Hängepartie entwickele, „ärgert mich jeden Tag“, gesteht der Bürgermeister, der von seinem Rathausbüro die Baustelle im Blick hat. 

Doch letztlich sei er froh, dass sich eine Lösung abzeichnet, für die kein Steuergeld der Bürger verschwendet werden müsse. Für den Fall eines vollständigen Rückbaus wurde vertraglich vereinbart, dass das Gemeinnützige Wohnungsunternehmen einen Großteil der Fläche (etwa 2 500 Quadratmeter) übernimmt. Die Gemeinde Herscheid werde eine kleine Restfläche (rund 1 500 Quadratmeter) erwerben. 

2. Ist die Renovierung der Hallen an den Vorgaben der Gemeinde gescheitert? 

Der Bürgermeister verweist auf die langjährigen Planungen der Gemeinde, die Ende 2011 in Zusammenarbeit mit Bürgern erstmals über die Nachnutzung des Geländes diskutiert habe. Entwürfe wurden erstellt, öffentlich präsentiert und die Nachnutzung des Geländes als Projekt in das Gemeindeentwicklungskonzept aufgenommen. Um die eigenen Ziele zu sichern, erfolgte im November 2014 – also deutlich vor der Zwangsversteigerung – der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan Hohle Straße. 

Damit sollte eine industrielle Nutzung an dieser Stelle ausgeschlossen werden, betont Schmalenbach. Ziel war und ist dort zentrumsnaher Wohnraum. Auf die eingeleitete Planänderung sei der neue Besitzer bei dem Gerichtstermin im Januar 2015 hingewiesen worden. Dennoch habe sich der Mann nicht von seinen Plänen abbringen lassen; die genauen Inhalte gab er lange Zeit nicht preis. 

Auch deshalb beschloss der Gemeinderat kurz darauf eine Veränderungssperre für den Bereich. Nach einer Zeit des Stillstandes auf dem Gelände habe die Gemeinde im März 2016 das Bebaungsplanverfahren wieder aufgenommen. Im Jahr 2017 erfolgte eine Ordnungsverfügung: Der Märkische Kreis untersagte eine weitere gewerbliche Nutzung der Hallen. Mit dem Beschluss des Bebauungsplanes Hohle Straße habe die Gemeinde im März 2018 endgültig Fakten geschaffen, erklärt der Bürgermeister. 

3. Ist der Besitzer für Gespräche mit der Gemeinde bereit gewesen? 

„Es ist schwierig gewesen, ihn zu erreichen“, gibt der Bürgermeister zu verstehen. Es habe Gespräche gegeben, doch aufgrund zum Teil unrealistischer Vorstellungen konnten diese nicht zu einem für beide Seiten zufriedenstellenden Ergebnis geführt werden. 

Zudem sei die Gemeinde von zwei verschiedenen Architekten kontaktiert worden, die im Auftrag des Besitzers dessen Planungen für das Areal voranbringen sollten. Diese Bemühungen blieben letztlich erfolglos, erklärt der Bürgermeister. 

Anfang 2018 habe die Gemeinde dann ein Gespräch mit einem Rechtsanwalt des Besitzers geführt. Dabei seien die konkreten Nutzungsmöglichkeiten auf dem Gelände erfragt worden. Ein weiteres persönliches Gespräch habe im Juni 2018 stattgefunden. „Aber dieses endete ergebnislos, wieder einmal“, stellt der Bürgermeister abschließend fest.

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