Ostergottesdienst in nahezu leerer Apostelkirche

Wenn der Pfarrer an Karfreitag ins Handy predigt

Ungewöhnliche Atmosphäre im Altarraum: Mit einem Handy filmt Maximilian Birke die Predigt von Pfarrer Bodo Meier, die per Livestream ins Internet übertragen wurde.
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Ungewöhnliche Atmosphäre im Altarraum: Mit einem Handy filmt Maximilian Birke die Predigt von Pfarrer Bodo Meier, die per Livestream ins Internet übertragen wurde.

Das 10-Uhr-Läuten verhallt im Dorf. An einem normalen Karfreitag wären die Bänke in der Apostelkirche jetzt gut gefüllt, würden die dort sitzenden Gläubigen den Worten des Pfarrers folgen. Doch was ist schon normal in der Pandemie? Auch die Evangelische Kirchengemeinde Herscheid muss wegen Corona das zweite Jahr in Folge auf Präsenzangebote an Ostern verzichten. Immerhin gibt es erstmals eine Live-Alternative im Internet.

Herscheid - Und so kann Bodo Meier, vor dem abgedeckten Altar stehend im weißen Gewand mit lilafarbener Stola umgehängt, die Zuhörer doch begrüßen. Nicht persönlich zwar, doch virtuell: Sein Blick richtet sich daher nicht in Richtung Sitzbänke, sondern zu den Technikern Jan-Felix Klein und Maximilian Birke, die vor sich ein Handy auf einem Stativ aufgebaut haben. Mit diesem filmen sie den Gottesdienst in der Apostelkirche und übertragen diesen direkt ins Internet.

„Mich erinnert das ein wenig an meine Zeit in der Krankenhausseelsorge“, erzählt der Gemeindepfarrer vor der Aufzeichnung. Damals habe er auch in einer leeren Kapelle vor einer Kamera Predigten gehalten. Diese wurden dann jedoch nur auf die TV-Geräte der Krankenhauszimmer übertragen. Die Herscheider-Ostergottesdienste hingegen können über das Internet weltweit aufgerufen werden.

Sonderlich nervös wirkt Meier deswegen nicht, im Gegenteil: Er sei froh über diese Möglichkeit der Kontaktaufnahme. Im letzten Jahr bot die Kirchengemeinde ebenfalls Online-Gottesdienst an, diese waren allerdings im Vorfeld aufgenommen worden, nicht live. Es sei für ihn der erste Karfreitag gewesen, an dem er nicht in einer Kirche war. „Ich bin zuhause herumgelaufen wie Falschgeld“, erinnert er sich.

Nicht nur ihm kommt das Format des Livestreams entgegen. Für das Technikduo Klein / Birke bedeutet diese Art der Übertragung weniger Aufwand im Nachgang, weil das Zusammenschneiden und Hochladen der Dateien ins Netz entfallen.

Stattdessen sei die Vorbereitung anspruchsvoller gewesen. In dieser schlüpfte Kirchenmusikerin Christiane Nockemann-Mätzig in die Rolle der Regisseurin und erarbeitete Ablaufpläne für die drei Gottesdienste an Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag. Wer spricht wann? Wo sind die Standorte? Wann setzt die Musik ein? Alles ist vorgegeben, damit die Abläufe für die Zuschauer daheim möglichst authentisch wirken.

Der Eingangspsalm, die Lesung aus dem Evangelium, die Predigt – die wesentlichen Bestandteile eines Karfreitag-Gottesdienstes können auch über das Internet transportiert werden. Dennoch wirkt vieles anderes, nicht nur das Sprechen im leeren Gotteshaus. Das Knarren des alten Chorgestühls, wenn einer der drei Lektoren (Grit Kannert, Ralf Daube und Andreas Mätzig) zur Lesung aufsteht, ist deutlicher als sonst zu vernehmen. Das Abendmahl entfällt und auch der Chorgesang, der an Karfreitag in der Apostelkirche ansonsten elementarer Bestandteil ist. Damit es an Musik nicht fehlt, kommt Regisseurin Christiane Nockemann-Mätzig ihrer eigentlichen Profession nach und spielt an der Orgel – teils als Untermalung der Lesungen, teils alleinstehend, aber stets ruhig und dezent, schließlich ist ja Karfreitag.

Musikerin, Lektoren, Pfarrer, Techniker: Ihnen allen fehlt am meisten der Kontakt zur Gemeinde, die Gemeinschaft. Ihre Hoffnung beruht darauf, zumindest im nächsten Jahr wieder ein Osterfest mit Gottesdiensten und Besuchern in der Apostelkirche feiern zu können – und nicht nur vor einer Kamera.

Die beiden Gottesdienste von Gründonnerstag und Karfreitag sind bereits im Internet abrufbar über die Seite www.apostelnet. Die Live-Übertragung aus der Apostelkirche an Ostersonntag beginnt um 10 Uhr.

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