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Ebbegemeinde liegt im Meer vor Laurussia - vor 420 Millionen Jahren

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Von: Sebastian Schulz

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Herscheid befand sich vor 420 Millionen Jahren im Schelfmeer vor Laurussia.
Herscheid befand sich vor 420 Millionen Jahren im Schelfmeer vor Laurussia. © Grafik: Science Photo Library / Christopher R. Scotese,

Lassen Sie uns die Zeit zurückspulen. Vorbei am Mauerbau zwischen Ost- und Westdeutschland, der sich jetzt zum 60. Mal gejährt hat. Wir lassen das 20. und das 19. Jahrhundert hinter uns, überspringen die Renaissance, das Mittelalter, die Griechische Antike, das Römische Reich, das alte Ägypten, landen in der Bronzezeit. Kurzer Zwischenstand: Wir sind soeben rund 4 000 Jahre durch die Erdgeschichte gereist. Ganz schön viel, meinen Sie? Quatsch! Das war gerade mal der Anfang.

Herscheid - Wir zünden den Turbo. Der Beginn des Siegeszuges des Homo sapiens, unserer direkten Vorfahren, liegt rund 200 000 Jahre zurück. Wir durchqueren die 1 Million-Jahre-Marke mit einer Begegnung des Homo erectus, dem aufgerichteten Menschen, tauchen ein in den Beginn der Steinzeit vor 2,6 Millionen Jahren und kommen jetzt schon bei Lucy an, der Urgroßmutter des heutigen Menschen, die vor 3,7 Millionen Jahren gelebt haben muss. Zeit für einen zweiten Zwischenstopp bei den ersten Menschenaffen vor 7 Millionen Jahren.

7 000 000 Jahre – das ist schon eine Hausmarke, aber es bleibt angesichts des Alters der Erde von 4 600 000 000 Jahren (=4,6 Milliarden Jahren) nur eine Winzigkeit. Wenn man die Erdgeschichte auf eine Uhr mit 24 Stunden verteilt und die Erde um 0 Uhr entstanden ist, dann stehen die Zeiger bei unserer Zeitreise jetzt gerade einmal bei 23.54 Uhr.

Unsere Geschichte spielt noch deutlich früher: nämlich vor 420 Millionen Jahren. Auf unserer Erdgeschichten-Uhr ist es nun circa 22 Uhr.

Egal, wo sich heute Ihr Haus befindet – in dem Gebiet, das wir heute Herscheid nennen, wäre es vor 420 Millionen Jahren abgesoffen. Die gesamte Region liegt seinerzeit im Außenbereich eines Schelfmeeres. Stellen wir uns vor, wir tauchten durch dieses etwa 50 bis 100 Meter tiefe Wasser. Welche Lebensformen würden uns dort begegnen? Wahrscheinlich würden wir auf Orthoceras treffen, einer heute ausgestorbenen Form eines Tintenfisches, einem Vorläufer der berühmten Ammoniten. Aber unsere Konzentration liegt heute auf einem anderen Geschöpf, das wahrscheinlich einige eher für eine Pflanze halten würden, das aber ein Tier ist: die Scyphocrinoiden oder einfacher gesagt: die Becherlilien.

So wie die heutigen Seelilien hat die Becherlilie einen langen Stil. Das Besondere an den Tieren damals: Am Ende des Stils befindet sich ein kugelförmiges Organ. Ob es als eine Art Boje an der Wasseroberfläche oder als Anker am Meeresgrund verwendet worden ist, ist unter Experten nicht abschließend geklärt. So oder so zählt die Becherlilie mit ihren bis zu drei Meter langen Stielen zu den beeindruckendsten Organismen dieser Zeit.

Stellen wir uns nun vor, eine deutlich kleinere Version der Becherlilien stirbt vor unseren Augen und sinkt auf den Meeresgrund. Und nun spulen wir die Zeit wieder 420 Millionen Jahre vorwärts.

So sahen die Becherlilien früher aus. Ungeklärt ist nur, ob sie ihr Kugel-Organ als Boje oder Anker verwendeten.
So sahen die Becherlilien früher aus. Ungeklärt ist nur, ob sie ihr Kugel-Organ als Boje oder Anker verwendeten. © Grafik: Edyds Medienagentur Potsdam, 2020

Museumsbahnhof Hüinghausen, heute vor gut einem Jahr. Zwei Geologen der Universität Hamburg untersuchen die Gesteinsschichten auf der Suche nach Fossilien aus längst vergangenen Zeiten. Und dabei machen sie einen aufsehenerregenden Fund: Sie stoßen auf den Abdruck einer 420 Millionen Jahre alten Scyphocrinoide und damit auf unsere eben beschriebene Becherlilie. Heute wissen wir, dass sie eine der ältesten Seelilien war, die sich im Rheinischen Schiefergebirge, das sich von Nordrhein-Westfalen über Rheinland-Pfalz, Hessen und das Saarland erstreckt, finden lässt.

Die Freude bei den beiden Geologen Prof. Dr. Martin Wiesner und Dr. Kay Heyckendorf war groß. Auch die Vertreter der Gemeinde Herscheid verfolgten mit großem Interesse, was da in den Hüinghausen Gesteinsschichten entdeckt worden ist. Herscheid – ein Fenster in die Erdgeschichte? Daraus ließe sich im Hinblick auf Tourismus vielleicht etwas machen. Denn in und rund um Herscheid schlummern noch viele andere erdgeschichtliche Highlights.

Ein anderer Punkt befindet sich in Elsen. Die Gesteinsschichten hier tragen Spuren, die noch einmal 40 Millionen Jahre älter sind als die in Hüinghausen. Viel ältere Gesteinsschichten als diese lassen sich laut Prof. Wiesner im Sauerland nur noch in Plettenberg finden: im Plettenberger Bänderschiefer (465 Millionen Jahre), dessen Aufschluss in der Nähe des Lidl-Marktes am Grafweg aber zusehends vermüllt und verfällt.

Der dritte hochspannende Punkt in Herscheid befindet sich am Böllenberg. Hier reden wir von Gesteinen, die Einblicke in das Leben vor etwa 408 Millionen Jahren geben – einer spannenden Zeit, in der sich im Sauerländer Raum erstmals Pflanzen an Land ausbreiteten.

Prof. Dr. Martin Wiesner (rechts) und Dr. Kay Heyckendorf (links), Geologen der Universität Hamburg, untersuchten die Hüinghauser Gesteinsschichten auf der Suche nach Fossilien.
Prof. Dr. Martin Wiesner (rechts) und Dr. Kay Heyckendorf (links), Geologen der Universität Hamburg, untersuchten die Hüinghauser Gesteinsschichten auf der Suche nach Fossilien. © Wiechowski, Jona

Kein Wunder, dass Prof. Martin Wiesner offen sagt: „Das Ebbegebirge ist eines der interessantesten Gebiete im Rheinischen Schiefergebirge.“

Im Herscheider Rathaus sind die Verantwortlichen clever und machen sich die Entdeckungen zunutze. In den nächsten Jahren soll mit Unterstützung der Hamburger Geologen eine Route entstehen, die Einblicke in die Erdgeschichte gibt. Station Nummer eins ist vor knapp einem Jahr eingeweiht worden – und zwar mit einer Informationstafel unmittelbar an dem Fundort der Becherlilie am Museumsbahnhof Hüinghausen. Weitere Stationen sollen folgen. Die Geologen können dafür frei arbeiten, die Gemeinde sponsert das Geld für die entsprechenden Infotafeln an der Georoute – eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.

Andere Städte im Märkischen Kreis könnten mitmachen – sofern sie es denn wollen. Plettenberg zum Beispiel sei mit den angesprochenen Gesteinsschichten am Grafweg oder auch den Hängen an der Hohen Molmert oder am Bauckhahn ein ebenso spannendes Gebiet.

In Kierspe lässt sich zum Beispiel besonders seltenes vulkanisches Gestein finden. Dr. Martin Wiesner: „Hier hat es im Unterdevon [also vor circa 400 Millionen Jahren] einen der größten Vulkanausbrüche zu dieser Zeit gegeben.“

Und nicht zu vergessen das Hönnetal. In Balve wurden in den letzten Jahren Fossilien verschiedener Säugetierarten entdeckt und auch ein Salamander, dessen Name an die Stadt angelehnt ist: Balveherpeton hoennetalensis.

In den Gesteinen dieses Hangs entdeckten die Wissenschaftlicher das Fossil.
In den Gesteinen dieses Hangs entdeckten die Wissenschaftlicher das Fossil. © Wiechowski, Jona

Diese und andere Funde stammen – anders als die aus Herscheid – aus der Kreidezeit und sind etwa 125 Millionen Jahre alt. Seinerzeit regierten noch die Dinosaurier auf dem Planeten.

Ein gutes Stichwort: Dinosaurier-Fossilien werden wohl eher nicht in den Herscheider Gesteinsschichten zu entdecken sein. Das Sauerland hat sich laut Prof. Wiesner nämlich schon viel früher, vor circa 300 Millionen Jahren, aufgefaltet und war fortan Landmasse. Allerdings wird vermutet, dass das Meer vor etwa 100 Millionen Jahren von Norden bis in den Raum Herscheid und Plettenberg vorstieß. Davor, in der Unterkreide vor etwa 125 Millionen Jahren, durchstreiften laut Prof. Wiesner Raubsaurier und Pflanzenfresser das Sauerland, Flugsaurier erhoben sich in die Lüfte.

Gut vorstellbar also, dass Ihr Haus, wenn es denn damals schon auf der heutigen Landmasse gestanden hätte, nicht mehr abgesoffen, sondern von einem turmgroßen Pflanzenfresser zertrampelt worden wäre. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zu Gast aus Hamburg

Wer sich mit der Geologie und damit mit Gesteinen beschäftigen möchte, braucht am besten viele Berge. Deshalb kommen Geologie-Studenten der Universität in Hamburg schon seit den 70er Jahren zur Ausbildung nach Herscheid, um hier geologische Karten zu erstellen. Auch Prof. Martin Wiesner, inzwischen pensioniert, kennt Herscheid und das Sauerland seit dieser Zeit. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Hamburg forschte er überwiegend in Südostasien und im südlichen Afrika, seit seiner Pensionierung ist er als Professor am Nationalen Institut für Geowissenschaften der Philippinen und am Staatsinstitut für Ozeanographie der Volksrepublik China tätig. In Deutschland nutzt er seinen Ruhestand, um mit seinem Kollegen Dr. Heyckendorf die Georoute durch das Ebbegebirge zu entwickeln und in geologischen Aufschlüssen in Herscheid zu arbeiten. Sein Herzensanliegen: die Menschen für die Erdgeschichte zu sensibilisieren und dazu bringen, sich Fragen zu stellen wie: „Woher komme ich, wohin gehe ich?“

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