Kindertagespflege

Julien Eichhoff ist einer von nur wenigen Tagesvätern im Märkischen Kreis

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Die Betreuung in der kleinen Gruppe unterscheidet die Kindertagespflege von der U3-Betreuung in einer Kita. Julien Eichhoff betreut insgesamt fünf Kinder.

Herscheid – In der Kindertagespflege arbeiten überwiegend Frauen – sowohl jüngere, die fremde Kinder zusammen mit ihren eigenen betreuen, als auch ältere – aber nur wenige Männer. Einer davon ist Julien Eichhoff, einer von nur einer Handvoll Tagesvätern im Märkischen Kreis.

Auf rund 70 Quadratmetern in einer angemieteten Wohnung in Herscheid betreut der 31-jährige ausgebildete Erzieher in der Tagespflegestelle „Sonnenblume“ fünf Kinder. „So viele darf eine Tagespflegeperson alleine betreuen“, sagt er. Die Betreuung in angemieteten Räumen sei dabei nicht die Regel, sondern die im eigenen Zuhause, wo entsprechend Platz für die Kinderbetreuung geschaffen werde.

„Erzieher zu werden stand bei mir nie ganz oben auf der Liste, eigentlich wollte ich mit Menschen mit Behinderung arbeiten und deswegen Heilpädagogik studieren“, sagt Eichhoff. Da er aber zum doppelten Abitur-Jahrgang gehörte, waren die Studiengänge an der Uni total überfüllt. Deswegen habe er eine Ausbildung zum Erzieher begonnen und sei dann dort sozusagen „hängengeblieben“ – darüber sei er aber sehr froh. „Ich habe in den ersten Jahren in der Kita gemerkt, dass mir der U3-Bereich sehr liegt, die Arbeit mit den kleinen Kindern.“

Große Nachfrage nach Tagespflege

Nach drei Jahren Arbeit in einer Kita in Wuppertal kam er 2014 nach Herscheid, wo er mit seiner Kollegin Nicole Ballsieper-Tillmanns die Großtagespflege „Pusteblume“ im Untergeschoss des Seniorenzentrums aufbaute. Es sei damals der Wunsch des Seniorenzentrums gewesen, ein Kinderbetreuungsangebot für die Beschäftigten zu schaffen. „Weil die Nachfrage zu groß war, haben wir dann im Sommer 2018 die Sonnenblume gegründet“, berichtet der Tagesvater.

Neben der „Sonnenblume“ und der Großtagespflege „Pusteblume“, in der eine Erzieherin und eine Kinderpflegerin neun Kinder betreuen, gibt es noch zwei weitere Tagespflegestellen in Herscheid. Derzeit absolviert zudem eine Herscheiderin einen Qualifizierungskurs zur Tagespflegeperson, sodass es demnächst voraussichtlich eine fünfte Tagespflegestelle in Herscheid geben werde, sagt Eichhoff. Der Bedarf an Tagespflege variiere je nach Kommune, aber die Nachfrage sei groß.

Die Betreuung in einer kleinen Gruppe sei das, was die Tagespflege von der U3-Betreuung in einer Kita unterscheide. „Was die Tagespflege auszeichnet, ist der beschützte Rahmen, der das Familiäre hat, aber neue Sozialkontakte bietet, die es in der Familie nicht gibt – es ist eigentlich der ideale Mittelweg“, erklärt Julien Eichhoff.

Julien Eichhoff liest den Kindern auch gerne etwas vor.

Wichtig sei dabei, für einen geregelten Tagesablauf zu sorgen. In der Sonnenblume gebe es einen Rhythmus aus Freispielphasen, die unterbrochen werden durch bestimmte Aktionen, zum Beispiel Bastelangebote, sowie Frühstück, Mittagessen und die je nach Kind individuelle Schlafenszeit. Eichhoff spielt gemeinsam mit den Kindern oder liest ihnen etwas vor – auch Turnen steht einmal in der Woche auf dem Programm.

„Dadurch, dass die Kinder so klein sind, nimmt der Pflegeanteil durch Wickeln oder Hilfe beim Essen mehr Zeit in Anspruch.“ Auch Hygiene-Erziehung spielt eine große Rolle, etwa das regelmäßige Zähneputzen und dass die Kinder nach einer gewissen Zeit auch selbst auf Toilette gehen können.

Als Tagespflegeperson sei man für alles zuständig, sei Handwerker, Reinigungskraft und meistens auch Koch; im Fall der Sonnenblume wird das Essen allerdings vom Altenheim geliefert, in dem auch die Großtagespflege Pusteblume untergebracht ist.

Was ihm an seiner Arbeit am meisten Spaß macht? „Dass die Kinder einen immer wieder überraschen: Kein Tag ist wie der andere, es bleibt immer spannend. Und man bekommt sehr viel von der Entwicklung der Kinder mit.“ Es würden Grundlagen gelegt, auf denen später in der Kita aufgebaut werden kann. „Schön daran ist auch die Zusammenarbeit mit den Eltern – dass man partnerschaftlich an der Entwicklung der Kinder arbeitet“, betont Eichhoff.

Wenige Männer in der Tagespflege

Warum so wenige Männer im Bereich der Tagespflege arbeiten, dazu kann Eichhoff nur Vermutungen anstellen. Möglicherweise sei die Arbeit mit ganz kleinen Kindern weniger attraktiv. Nach der Erzieherausbildung wechselten Männer eher in die Jugendarbeit als in den U3-Bereich, so zumindest Eichhoffs Beobachtung. In der Vergangenheit habe auch die Höhe der Vergütung eine Rolle gespielt, warum Männer sich weniger für die Tagespflege interessierten. „Da tut sich aber in der Tagespflege viel zum Guten.“

Ein weiteres mögliches Hemmnis: „In der Arbeit mit Kindern stößt Männern oft ein Grundmisstrauen entgegen“, sagt Eichhoff. Er selbst habe das zwar nicht erlebt, aber von Kollegen mitbekommen. Da helfe nur Transparenz bei der Arbeit und auf Kleinigkeiten zu achten. „Ich lasse beim Wickeln immer die Tür auf und nehme auch kein Kind auf den Schoß, wenn es das nicht von sich aus möchte.“

Eichhoff vermutet, dass manche Eltern ihr Kind nicht bei einem Mann in die Betreuung geben möchten. Andere würden sich bewusst dafür entscheiden – auch vor dem Hintergrund, dass es für Kinder bis zur weiterführenden Schule allgemein nur wenige männliche Bezugspersonen gebe. „Ich denke, das hält sich die Waage.“

Um Kindertagespflegeperson zu werden, ist eine Ausbildung zum Erzieher oder Kinderpfleger keine Voraussetzung, sagt Eichhoff: „Jeder kann quereinsteigen.“ Die Awo-Familienbildungsstätte bietet entsprechende Kurse an. Im Südkreis ist Tagesvater Julien Eichhoff selbst an diesen Kursen für Quereinsteiger beteiligt. In den vergangenen Kursen seien auch zwei Männer dabei gewesen, im aktuell von ihm betreuten Kurs allerdings nicht. Die zweimal im Jahr stattfindenden Qualifikationskurse umfassen 160 Stunden Unterricht plus Praktikum und finden zweimal im Jahr statt. Der nächste, inzwischen schon ausgebuchte Kurs, beginnt am 1. Februar 2020.

Motivation für die Arbeit mit Kindern und ein liebevoller Umgang mit Kindern seien eine unbedingte Voraussetzung, sagt Eichhoff. Auch Organisationstalent sei wegen der Selbstständigkeit und der vielen unterschiedlichen Bereiche, die die Arbeit umfasse, gefragt. „Und es hilft auch, notensicher zu sein, wenn man mit den Kindern singt.“ Kooperationsfähigkeit sei ebenfalls notwendig, also offen für die Zusammenarbeit mit kommunalen Angeboten und anderen lokalen Trägern zu sein. „Man muss im Grunde ein Allrounder sein“, sagt Eichhoff.

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