Herscheid vor 100 Jahren: Karl Wever landet mit Flugzeug auf Wiese in der Mark

Doppeldeckerlandung sorgt für Aufsehen

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Menschenmassen strömen herbei, um den Doppeldecker und die Flieger zu grüßen. Dieses Foto zeigt, welch ein Aufsehen die Landung eines Flugzeuges vor 100 Jahren erregte.  

Herscheid - Zahlreiche große und kleine Ereignisse fanden vor 100 Jahren in Herscheid statt. Einige davon blieben, dank des damals in Herscheid wirkenden Pfarrers Arnold zur Nieden, für die Nachwelt erhalten. 

Er machte es sich zur Aufgabe, in den Sonntagsblättchen über Besonderheiten aus der Gemeinde zu berichten.

Ein solches, für damalige Verhältnisse besonderes Ereignis, war der zweimalige Besuch eines Doppeldeckers, in dem sich neben dem Piloten, dessen Name bisher unbekannt blieb, der Herscheider Karl Wever befand. Über den ersten Besuch, der eigentlich nur ein Überflug war, schrieb zur Nieden am 29. Juli im Sonntagsblatt: „Ein Flieger hat unser Dorf am Montag Abend überrascht und in große Freude versetzt. 

Nicht nur weil jeder Doppeldecker hierzulande ein Ereignis ist, sondern weil er die schönsten Linien in Schleifen und Paraden fuhr und als Beobachter einen Herscheider, den Fliegerleutnant Wever mit sich führte, der sein Elternhaus und Heimatdorf mit diesem unvergesslichen Besuch erfreut hat. Möge unserem tapferen Flieger allezeit das Glück hold sein und einst glücklicher Heimflug beschieden sein.“ 

Dieses Ereignis, das die Herscheider zum Staunen brachte, sollte wenige Wochen später noch übertroffen werden. Am 19. August 1917 kehrte der Doppeldecker nochmals zurück und landete auf einer Wiese in der Mark. Dass diese erste Fliegerlandung für besonderes Aufsehen sorgte, zeigt der Bericht des Pfarrers vom 2. September 1917: „Hoher Besuch hat uns am letzten Sonntag, 19. August, erfreut. 

Er kam von schwindelnder (4 200 Meter) Höhe, bei herrlichem Sonnenschein in wundervollem Abstieg zu uns herab. Begleitet von der lautlosen Stille herzbeklemmender Erregung der Zuschauer. Als dann der große Vogel aufsaß, da rauschte im gleichen Augenblick laut summend ein selten gehörter Ton der Freude auf. Klein und Groß, wo es ging und stand, strömten laufend herbei, drei donnernde Hurra grüßten stürmisch den bekannten Flieger bei seiner ersten Landung auf Herscheider Land. 

Es war ein frohes Grüßen und Freuen. Drei Tage hindurch war die große Weide der Frau Theodor Herfel der Platz, ab- und zuströmender, lagernder schau- und wissbegieriger Menschen von Nah und Stundenfern. Immer denkwürdig soll das Erlebnis bleiben. Ein Ereignis schönster lokalhistorischer Bedeutung.“ 

Dass dieses Ereignis von einem Fotografen festgehalten und zumindest von einem dieser Bilder eine Postkarte angefertigt wurde, zeigt wie einzigartig eine solche Begebenheit vor 100 Jahren war. Eine weitere Postkarte, die eine Luftaufnahme von Herscheid aus 4 200 Meter Höhe zeigt, wurde vermutlich von Karl Wever während des Fluges gemacht. Für den Herscheider war dieser Besuch der letzte in seiner Heimat. Er stürzte im Dezember 1917 bei dem 46. Erkundungsflug in Flandern ab, wurde dort zunächst beigesetzt und im Januar 1918 nach Herscheid überführt. Natürlich stellt sich auch die Frage: Wer war dieser Karl Wever, der den Herscheidern ein solches historisches Ereignis verschaffte? Informationen oder gar ein Foto von ihm zu finden stellt sich als schwierig dar. 

Allerdings enthält der Nachruf anlässlich seines Todes, der im Herscheider Sonntagsblatt veröffentlicht wurde, neben den Lebensdaten weitere Informationen über seinen militärischen Werdegang. Ein recht ausführlicher Lebenslauf befindet sich in dem 1932 erschienenen Buch „Wir stammen aus Bauern und Schmiedegeschlecht“ von Eberhard Winkhaus. 

Eine verkürzte Zusammenfassung aus beiden Quellen informiert ein wenig über den kurzen Lebensweg des Karl Wever, der nur 22 Jahre alt wurde. „Karl“ Friedrich Wilhelm, geboren in Herscheid am 5. Januar 1895, mit 1,87 Meter Körpermaß seinen langen Ahnen nachstrebend, war musikalisch sehr begabt, spielte Klavier und Cello und versuchte sich im Komponieren. Am liebsten wäre er mit seinem Bruder Heinz zur Maler-Akademie gezogen, wollte aber auch seine technischen Fähigkeiten ausnutzen. 

Nach dem zu Altena bestandenen Abiturienten-Examen arbeitete er ein Jahr in der Maschinenfabrik von Gebr. Klein zu Dahlbruch bei Siegen praktisch, dann bezog er die Technische Hochschule zu Aachen, wo er im Corps Delta (einer Studentenverbindung) aktiv wurde. Im August 1914 trat er als Kriegsfreiwilliger in das Rekruten-Depot zu Koblenz ein, nahm an verschiedenen Kämpfen teil und wurde im März 1917 zum Leutnant befördert. Am 10. Juni 1917 wurde er auf eigenen Wunsch zur Fliegerabteilung versetzt. 

Bis zum 27. August war er in der Beobachtungsschule und vom 28. September 1917 war er als Infanterie-Flieger tätig. Am 13. September 1917 lies er sich mit Margarete Wagner kriegstrauen. Am 28. Dezember stürzte er infolge plötzlichen Versagens seiner Flugmaschine ab und fand den Tod.

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