Sanfte Bote des Friedens wird zu Kriegswerkzeug

Herscheid vor 100 Jahren: Apostelkirchenglocken zu Geschossen umgegossen

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Blick in den Glockenturm: Links die Bronzeglocke, die vor 100 Jahren glücklicherweise nicht beschlagnahmt wurde. Rechts eine der drei Stahlglocken die 1924 geweiht wurden.

Herscheid - Vor 100 Jahren mussten sich die Herscheider zwangsweise von ihrer großen Kirchenglocke und den zwei kleineren Uhrglocken trennen.

Im Zuge der Rohstoffknappheit während des Ersten Weltkrieges wurden Metalle gesammelt und dazu zählten auch Orgelpfeifen und Glocken. Am 1. März 1917 erschien eine amtliche Bekanntmachung, die Einzelheiten zu Beschlagnahmung, Bestandserhebung und Enteignung sowie zur freiwilligen Ablieferung von Glocken aus Bronze enthielt. Auf Ersuchen des königlichen Kriegsministeriums und unter Strafandrohung wurden alle Besitzer von Bronzeglocken enteignet. Die Glocken sollten zu Geschützen und Geschossen umgegossen werden.

Pfarrer Arnold zur Nieden, der von 1908 bis 1917 in Herscheid tätig war, berichtete in dem seit 1911 erscheinenden Sonntagsblatt über zahlreiche aktuelle Ereignisse aus Herscheid. So notiert er zwischen April und August auch die Ereignisse über die Beschlagnahmung der Herscheider Orgelpfeifen und Glocken.

Am 1. April 1917 schreibt er: „Auch von unserer Kirchengemeinde werden jetzt besondere Opfer gefordert. Zunächst wurden die Kupferbedachungen herabgeholt. Das traf uns nicht. Längst sind auch die Orgelpfeifen von Zinn beschlagnahmt. Aber nur die stummen Pfeifen am sichtbaren Orgelgehäuse wurden verlangt. Wir geben sie hin. Die Orgel tönt fort. Nun sind aber auch die Glocken mit Beschlag belegt. Die Zeit der schönen Bronzeglocken ist vorbei, Gussstahlglocken werden den Ersatz bilden.“

Am 15. April 1917 folgt ein weiterer Bericht des Pfarrers, in dem er die Geschichte der fünf Herscheider Glocken erzählt. Diese umfangreiche Darstellung wurde im Verlauf der letzten Jahre in vielen Veröffentlichungen wiedergegeben, sodass sie an dieser Stelle nicht wiederholt werden muss.

Am 22. Juli des Jahres 1917 berichtet Pfarrer Arnold zur Nieden weiter: „Nach soeben erhaltener Mitteilung des Herrn Landrats in Altena ist nunmehr die vorläufige Entscheidung über das Schicksal unserer Glocken gefallen. Es sind abzugeben – und zwar sofort – die große Glocke, gegossen 1866, Gewicht 930 Kilogramm, ferner die beiden Uhrglocken im Gewicht von zusammen 119 Kilogramm. Die beiden übrigen alten Glocken sind – auf unseren Antrag – einstweilen vom Kriegsdienst befreit und zurückgestellt. Wir gedenken von unseren Glocken, am heutigen Sonntag, Abschied zu nehmen. Am Samstag sollen die drei Getreuen noch einmal zusammen klingen, am Sonntag zum letzten Mal mit Beiern [Läutetechnik durch manuelles Anschlagen der Glocken] zum Gottesdienst laden. Die Abnahme und der Transport soll Montag früh erfolgen.“

Über den Glockenabschied und den Abbau der drei Glocken berichtet zur Nieden am 5. August 1917 im Sonntagsblatt der evangelischen Kirchengemeinde Herscheid folgendes:

„Nun ist sie von uns geschieden, die große 1 800 Pfund schwere Glocke. Ihre Stimme ist verstummt, die uns so oft samt ihren beiden Schwestern mit schönem tiefen Schlag seit etwa 30 Jahren erfreut hat. Der sanfte Bote des Friedens wird zum feuersprühenden Kriegswerkzeug.

Die Abnahme der Glocken am Montag gestaltete sich recht schwierig. Da das Zerschlagen auf dem Turme nicht gelang, musste die Glocke gehoben und aus dem erweiterten Schallloch an der Nordseite nach großer Mühe herabgestürzt werden, bis sie auf dem Boden glücklich landete, angesichts einer begreiflich großen Zuschauerschar. Auch die Uhrglocken mussten leider felddienstfähig befunden und abgenommen werden.

Es ist jedoch in den Schulglocken in Rärin und Herscheid Ersatz gefunden, sodass die drückende Stille bald weichen und Tag und Stunde wieder wie einst, wenn auch mit dünner Stimme, aufs Neue klingt. Die Ausführung der Arbeiten lag in der bewährten Hand des Zimmermeisters Herrn Clever von hier.

Inzwischen hat sich auch das Schicksal der anderen beiden Glocken, vom Jahre 1750 und 1726, entschieden. Der beauftragte Sachverständige Herr Graf von Merfeldt nahm am Montagabend die nähere Besichtigung und Abmessung vor. Er fertigte mehrere Abzüge der Inschriften, Bilder und Zierbänder an und erklärte die Glocken für historisch höchst bedeutsam und in ihrer Klangreinheit und Klangschönheit für hervorragend. Die Glocken sollen daher unbedingt erhalten bleiben. Wir werden uns mit Stolz unseres schönen Geläutes weiter freuen dürfen. – Von der Beschaffung einer neuen dritten Glocke soll Abstand genommen und gewartet werden, bis wieder Bronze erhältlich ist.“

Nachdem sich die evangelische Kirchengemeinde im Jahr 1923 zur Anschaffung eines neuen Gussstahlgeläutes entschlossen hatte, fand am 6. April 1924 das Fest der Glockenweihe statt. Die beiden beschlagnahmten Uhrglocken wurden indes im Jahr 1930 durch Stahlglocken ersetzt.

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