Verzicht auf Kurzurlaub an Gründonnerstag

Fischhändler Ali Schmidt: „Ich nehme Frau Merkels Entschuldigung an“

Die Herscheider mögen ihren Backfisch außen knusprig und innen zart – daher klopft Fischhändler Ali Schmidt die zuvor in Stücke geschnittenen Seelachsfilets mit Schmackes platt.
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Die Herscheider mögen ihren Backfisch außen knusprig und innen zart – daher klopft Fischhändler Ali Schmidt die zuvor in Stücke geschnittenen Seelachsfilets mit Schmackes platt.

Er ist die personifizierte gute Laune auf dem Herscheider Wochenmarkt: Fischhändler Ali Schmidt hat stets einen flotten Spruch auf Lager, sorgt bei seinen Kunden immer für ein Lächeln. Angesichts der politischen Geschehnisse zu Wochenbeginn hätte es aber auch dem 46-Jährigen beinahe die Sprache verschlagen.

Herscheid - „Wer an Ostern keinen Fisch isst, dem ist nicht zu helfen“, ist einer dieser nicht ganz ernst gemeinten Sätze, die der Fischhändler am Donnerstag zum Besten gibt. Einen Kern Wahres beinhaltet dieser Ausspruch natürlich schon: Denn traditionell steigt der Fischverzehr auch im küstenfernen Sauerland rapide an, insbesondere an Karfreitag, an dem viele Christen aus religiösen Gründen auf den Verzehr von Fleisch und Wurst verzichten.

Die von der Bundesregierung kurzzeitig ins Spiel gebrachte, inzwischen aber wieder aufgehobene Osterruhe wäre für den 46-Jährigen ein Schlag ins Kontor gewesen. In letzter Konsequenz hätte er ausgerechnet an Gründonnerstag, dem für ihn umsatzstärksten Tag des ganzen Jahres, seinen Verkaufswagen nicht auf dem Platz vor der Gemeinschaftshalle aufstellen können, was empfindliche Einbußen zur Folge gehabt hätte.

Doch er wäre nicht Ali Schmidt, würde er dieses Vorhaben nicht auf die ihm ganz eigene Weise kommentieren – mit einer gehörigen Prise Ironie: „Ein Jahr kein Ostergeschäft, was habe ich mich gefreut. Den Urlaub auf Mallorca hatte ich ja schon gebucht.“ Im Flieger auf die Insel mitten in der Hauptgeschäftszeit? Nein, das käme dem Fischverkäufer natürlich nicht in den Sinn.

Irritiert war er von den Meldungen aus Berlin schon – umso mehr, als er am Mittwochmittag dann von seinen Marktkollegen erfuhr, dass der Gründonnerstag nun doch ein Arbeitstag bleibt. „Das konnte ich fast kaum glauben“, sagt er mit erstaunend ernster Miene, um direkt danach mit einem Augenzwinkern in Richtung der Bundeskanzlerin und ihrer Einsicht für ihren Fehltritt zu ergänzen: „Die Entschuldigung von Frau Merkel nehme ich gerne an, ich bin schließlich nicht nachtragend.“

Corona beflügelt die Wochenmärkte

Selbstverständlich ist Schmidt, der vor etwa 20 Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, froh, dass nun doch alles beim Alten bleibt. Auf ihn warten arbeitsreiche Tage, vor dem Osterfest rüstet er sich für die vergrößerte Kundennachfrage. Lachs, Rotbarsch, Kabeljau, Forelle – bereits am Donnerstagmorgen ging reichlich Frischfisch über die Ladentheke seines Wagens.

Eine Corona-Krise sei in seiner Branche nicht feststellbar, im Gegenteil: Das Einkaufen an der frischen Luft sei in den letzten Monaten ein Renner gewesen, schildert Schmidt. Auch in Herscheid sei ein stärkerer Andrang zu spüren. Entsprechend rasch widmet er sich bereits am Morgen seinen Pflichten, zu denen unter anderem das Zerschneiden und Klopfen von Seelachsfilet zählt, der später zu Backfisch verarbeitet wird. Diese Delikatesse steht in der Mittagszeit hoch im Kurs, wenn sich auf dem Marktplatz oft eine lange Warteschlange (mit coronakonformen Mindestabständen) bildet. In Zeiten von geschlossenen Restaurants und Biergärten habe der Imbiss zugelegt, auch davon kann der Sunderaner berichten.

„Ich darf nächste Woche doch wiederkommen“

Der von Angela Merkel angedachte Ruhetag an Gründonnerstag wäre vor diesem Hintergrund „kein Weltuntergang“ gewesen, wie Schmidt es beschreibt. Aber ärgerlich wäre der Ausfall für ihn schon gewesen – nicht nur für die Geschäftskasse, sondern auch der Kontakte wegen. „Ich darf nächste Woche doch wiederkommen“, gibt er einer Stammkundin mit auf den Heimweg, die umgehend eine Bestellung für Gründonnerstag aufgibt.

Vom Ruhe- zum Stresstag, diesen Wandel begrüßt Ali Schmidt, der am 1. April zunächst in Herscheid die Kundenwünsche erfüllt, um direkt im Anschluss nach Drolshagen zu fahren, um auch den dortigen Wochenmarkt zu bereichern. „Da freue ich mich schon drauf“, sagt der Fischhändler, dessen Prioritäten somit feststehen: Er pfeift auf Mallorca – denn wer will schon auf die Insel, wenn er an Gründonnerstag in Herscheid und Drolshagen arbeiten kann? 

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