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„Ich habe übrigens eine Musicbox“: Wie die Leidenschaft für die 50er Jahre ein Paar verbindet

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Von: Michael Koll

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Anja Kröll und Martin Brock unternehmen gerne Fahrten mit dem „Super 88 Holiday Coupé“, einem Oldsmobil, Baujahr 1955.
Anja Kröll und Martin Brock unternehmen gerne Fahrten mit dem „Super 88 Holiday Coupé“, einem Oldsmobil, Baujahr 1955. © Koll

Ein Sonntagnachmittag im Jahr 2021. Die Front des Hauses sieht modern aus, nichts deutet auf eine unmittelbar bevorstehende Zeitreise hin. Beim Gang ums Gebäude herum fällt zunächst ein Strandkorb auf – ungewöhnlich im Sauerland, doch kein prägnantes Merkmal der 50er Jahre. Nur wenige Schritte später aber ändert sich alles.

Herscheid/Werdohl – Da sitzen Anja Kröll und Martin Brock. Sie trägt ein blaues Kostüm. Auf dem Hocker neben ihr liegen feine Handschuhe über einer stilvollen Handtasche. Sein Haupt ziert eine Schiebermütze. Hosenträger geben seiner Kleidung den letzten Schliff. Aus den Boxen dringt ein Lied. Little Richard beendet gerade „Good Golly Miss Molly“ und beginnt sogleich, seine „Lucille“ anzuflehen. Aus dem Haus weht Kaffeeduft in den Garten.

Wenige Minuten später bitten die beiden zu einer kleinen Ausfahrt. Es geht ins Oldsmobil, Baujahr 1955. Die Vorderbank des „Super 88 Holiday Coupé“ ist durchgängig. Fahrer und Beifahrer versinken im weichen Stoff. Anschnallgurte gibt es keine, was das Gefühl verstärkt, in einer anderen Welt gelandet zu sein.

Mit 202 PS geht es auf die Straße. Urlaubsstimmung keimt auf. Vor 66 Jahren kostete der Neuwagen einmal 2 714 US-Dollar. Jetzt stecken Kröll und Brock kontinuierlich ihre Euros hinein, damit das Schätzchen so quickfidel und schmuck bleibt, wie es ist. „Ich fahre aber auch ein E-Auto“, betont er sogleich. „Angesichts eines Verbrauchs von 15 Litern, muss ich ja irgendwie mein Karma ausgleichen.“ Spricht es aus – und lacht.

In den 50ern noch nicht geboren

Der grün-weiße Ami-Schlitten hält vor der Herscheider Schützenhalle. Vor dem Gebäude mit Industriecharme wirkt das Ensemble mit den beiden Besitzern wie ein wahrhaftiger Blick in die 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Doch Anja Kröll ist 53 Jahre alt, Martin Brock ein Jahr älter. Beide waren zu Zeiten von Chuck Berry und Elvis Presley noch gar nicht geboren.

„Doch ich erinnere mich an Sonntagnachmittage in meiner Kindheit“, berichtet sie. „Wenn meine Mutter gesagt hat, dass ein alter 50er-Jahre-Film im Fernsehen kommt, dann fand ich das damals schon toll.“

Zurück im Haus des Paares, geht die Rothaarige also gleich an die Wurlitzer-Musicbox und wählt aus den 200 zur Verfügung stehenden Liedern „Que sera (Whatever will be)“ von Doris Day aus dem Alfred-Hitchcock-Klassiker „Der Mann, der zuviel wußte“.

Es ist freilich nicht die einzige Musicbox im Haus. Zwei weitere von der Firma Rock Ola beherbergen dann auch Songs aus anderen Jahrzehnten. ABBA („Take a chance“) und Kincade („Dreams are ten a penny“) machen die 70er wieder lebendig. „Verdamp lang her“ von BAP aus den 80ern gehört zu den neuesten Titeln.

Kaugummi-Automaten aus den 1950ern.
Kaugummi-Automaten aus den 1950ern. © Koll

„Reizvolle Mischung“ aus Alt und Neu

Die Einrichtung des Hauses ist in Akzenten jedoch durchaus modern. Die Hausherrin bekräftigt, „dass wir eine reizvolle Mischung aus Alt und Neu haben möchten“. Je länger der Besucher sich umschaut, umso mehr Einzelstücke vergangener Tage entdeckt er, die als Blickfang fungieren. „Doch irgendwann würde es uns beiden auch zu viel.“

Nierentische, Kaugummi-Automaten, metallische Werbeschilder, Bildbände, Haushaltsgeräte, ein batteriebetriebener Plattenspieler und eine Milkshake-Maschine, wie sie einst in jedem amerikanischen Eiscafé stand. Brock betont: „Das funktioniert alles noch – nicht so wie mein Handy, das nach fünf Jahren kaputt ist und keiner kann es mehr reparieren!“

In einem pechschwarzen Kühlschrank allerdings verbirgt sich bloß die Hausbar. Flaschen und Gläser. „Den habe ich Ende der 80er-Jahre, in meiner Bundeswehrzeit, in der hintersten Ecke einer Wohnung, die wir ausräumen mussten, entdeckt“, erinnert sich der gebürtige Kölner Brock. Keine Frage: Das gute Stück konnte er einfach nicht entsorgen, musste es kurzerhand mit nach Hause nehmen.

„Ich habe übrigens eine Musicbox“

Damals kannte er die aus Essen stammende Frau, die heute an seiner Seite lebt, noch nicht. Die zwei fanden sich erst 2013 und zogen dann in Herscheid zusammen, wo sie bereits seit 1997 lebt. Sie erinnert sich an das erste Rendezvous. „Wir sind elf Kilometer spazieren gegangen. Und etwa auf der Hälfte der Strecke habe ich ihm gestanden: ‘Du, ich habe übrigens eine Musicbox.’“

Sie blickt kurz zu ihm, lächelt ihn glücklich an – und fährt dann fort. „Er blieb abrupt stehen und sagte erstmal kein Wort. Ich dachte schon: ‘Okay, das war’s!’ Doch dann holte er sein Smartphone aus der Tasche und zeigte mir Fotos seiner eigenen Musicbox.“ Nun ergreift sie seine Hand und stellt fest: „Am Ende des Spaziergangs wusste ich: Das könnte etwas werden mit uns beiden.“

Musicboxen sind die gemeinsame Leidenschaft von Anja Kröll und Martin Brock.
Musicboxen sind die gemeinsame Leidenschaft von Anja Kröll und Martin Brock. © Koll

Seither fahren sie gemeinsam mit ihren alten Autos durch die Gegend, 2 000 bis 3 000 Kilometer im Jahr. Erst mit einer Isabella Borgward, mittlerweile eben mit dem Oldsmobil. Manchmal bloß zu einem Ausflug, alle 14 Tage aber zu einer Oldtimerschau – jedenfalls war das vor Corona so. „Die weiteste Reise führte uns bis nach Heidelberg“, erzählt Brock. „Am schönsten ist es aber immer wieder in Bad Pyrmont beim ‘Pyrmonter Wirtschaftswunder’.“ Das finde alljährlich über drei Tage im dortigen Kurpark statt und sei komplett von Live-Musik begleitet.

Ein Auto namens George

„Unser Oldsmobil heißt übrigens George“, klärt Kröll plötzlich auf. „Ja“, greift er den Gedanken auf. „Wir haben uns gedacht, es muss ein alter amerikanischer Name sein.“ Sofort beginnt er wieder von dem Auto zu schwärmen: „Damit unterwegs zu sein, bedeutet für uns Entschleunigung. Das ist fast schon therapeutisches Fahren.“ Der Vermögensberater der Sparkasse Werdohl lächelt versonnen.

Seine Frau weiß aber, dass der Wagen nicht nur auf sie selbst eine Wirkung hat: „Wenn wir damit unterwegs sind, dann bleiben die Leute am Straßenrand stehen und strahlen uns an. Sie winken uns zu oder heben den Daumen.“ Derartige Touren unternehmen sie aber lediglich von Frühjahr bis Herbst. Im Winter bleibt der Oldtimer in der Garage stehen. „Meine Liebe für solche Autos“, erläutert sie sogleich, „hat bei einem Urlaub auf Kuba angefangen: dieser Farbenrausch!“ Übrigens: Beide waren bereits schon einmal in den USA – aber noch nicht gemeinsam.

Dann kommt der Kassierer des Fördervereins Osemunddenkmal Ahe-Hammer Herscheid/Werdohl auf das Thema Musik zurück. Zwar hätten sie auch LPs und CDs, doch ihre Sammelleidenschaft gelte den Singles – Futter für ihre Musicboxen. „6000 bis 7000 haben wir wohl. Wir kaufen auch immer wieder gerne ganze Sammlungen.“

Immer wieder Freddy Quinn

Anja Kröll nimmt den Faden auf: „Da nehmen wir dann auch in Kauf, dass da dann immer wieder derselbe Song von Freddy Quinn dabei ist.“ Auch finde sich in manch spannendem Cover doch eine andere, gänzlich uninteressante Platte. Den umgekehrten Fall erlebten die zwei aber ebenso.

Brock drückt ein weiteres Stück auf einer der beiden Rock-Ola-Boxen. „Are you ready, Steve?“, dröhnt eine wohlbekannte Frage durchs Wohnzimmer – und schon legen The Sweet los mit ihrem „Ballroom Blitz“: Erinnerungen an seine Jugend. „Meine erste Single war jedoch ‘I was made for loving you’ von Kiss“, verrät er.

Die selbstständige Handelsvertreterin für Medizinprodukte steht neben ihm und wirkt verlegen. „Soll ich jetzt zugeben, was meine erste Single war?“, fragt sie rhetorisch, bevor sie dann fast kleinlaut einräumt, dass das „Fiesta Mexikana“ von Rex Gildo gewesen sei.

Die zwei setzen sich auf ihre Sessel beim Nierentisch und tauchen so gleich wieder in die 50er-Jahre ein. Kröll versucht, ihre Faszination für die längst vergangenen Zeiten zu ergründen: „Damals war alles rund und organisch, die Formen waren fließend. Ob nun bei den Jukeboxen, bei den Autos oder bei den Haushaltsgeräten.“

Zwar sind ihre Einrichtungsgegenstände durchaus mehrheitlich aus der Nachkriegsepoche, doch ihre Kleiderschränke seien durchaus aktueller bestückt. „Fünf bis zehn Prozent alte Klamotten finden sich dort nur“, sagt sie. Er nickt. Schon führt der Weg in die obere Etage, wo Martin Brock stolz ein Tefifon präsentiert. Das ist ein Musikabspielgerät einer Kölner Firma. Es lief mit roten Tonbändern, auf denen Rillen waren, die mit einer Nadel abgetastet wurden. Eine technische Mixtur aus Kassetten und Schallplatten also.

Wenn die zwei Herscheider auf Oldtimerschauen ihren mitgebrachten Plattenspieler in Schwung bringen, kommen sie schnell mit Passanten ins Gespräch. Kröll erzählt die Anekdote von dem Pärchen, dass wohl Mitte 70 gewesen sein mag.

„Als ‘Schuld war nur der Bossa Nova’ lief, sangen die zwei sofort ‘Schuld war nur das alte Sofa’.“ Und schon erklingt ihr schallendes Gelächter, das überaus ansteckend wirkt.

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