„Fichte ging bisher immer – doch damit ist nun Schluss“

Historische Wald-Katastrophe - dazu raten die Experten 

Wie hier, beim Blick von der Nordhelle, werden die Änderungen des Waldes sichtbar.
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Wie hier, beim Blick von der Nordhelle, werden die Änderungen des Waldes sichtbar.

Quo vadis, heimischer Wald? Eine Frage, die sich in diesen Tagen wohl viele stellen. Doch während die braunen Wälder und Kahlschläge für die einen nur einen optischen Makel darstellen, kommt es für die Waldbesitzer einem Supergau gleich.

Herscheid - Als „der größte anzunehmende Unfall der Forstwirtschaft“ bezeichnete Jörn Hevendehl, Leiter des Regionalforstamtes Märkisches Sauerland, die Situation in den heimischen Wäldern. Die Forstbetriebsgemeinschaft Herscheid hatte zur Jahreshauptversammlung ins Jagdhaus Weber in Reblin geladen, um über die aktuelle Lage zu berichten und mögliche Zukunftsperspektiven aufzuzeigen.

„Ich habe mich von meinem Wald verabschiedet“ – ein Satz, der Hevendehl immer häufiger zu Ohren kommt. Dabei bezieht er sich nicht nur auf die Bäume, die jetzt (noch) stehen, sondern auch auf diejenigen, die in Zukunft angepflanzt werden. „Fichte ging bisher immer“, sagte Hevendehl, „doch damit ist nun Schluss“.

Immer weniger Wasser verfügbar

In der Forstwirtschaft werde man auf andere Bäume setzen müssen, immer im Hinblick auf die sich verändernden klimatischen Bedingungen. „Die Wasserverfügbarkeit ist in den letzten 40 Jahren um 20 Prozent zurückgegangen“, erklärte Hevendehl. Zielsetzung könne nicht mehr sein, Bäume anzupflanzen, die möglichst schnell erntereif sind; vielmehr müsse man sich die Frage stellen: „Wie wahrscheinlich ist es, dass der Baum gesund ist?“

Dabei gilt es, einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten zu überblicken. Wie wird das Klima in 100 Jahren sein? Diese Frage kann niemand mit Gewissheit beantworten. Entsprechend unsicher sind die Waldbesitzer, welche Bäume sie anpflanzen sollen und auch bei den Baumschulen wird dieses Bild deutlich: Die wissen selbst nicht, was sie säen sollen, sagte Hevendehl. Klar ist nur: Die Fichte hat hier keine Zukunft.

Er habe „wenig Hoffnung, dass wir die Fichte noch in die Zukunft retten können“, zog auch der scheidende Herscheider Revierförster Klaus Kermes ein ernüchterndes Fazit. „Diese Katastrophe können wir in der Geschichte nicht finden. Das ist einmalig“, sagte Kermes. Dabei gab es bereits Ende der 1940-er Jahre eine Borkenkäferplage in Nordrhein-Westfalen, der damals 590 000 Festmeter zum Opfer fielen (von 1947 bis 1950). „Das waren Peanuts im Vergleich zu heute.“

„Diese Katastrophe können wir in der Geschichte nicht finden. Das ist einmalig“, sagte Revierförster Klaus Kermes im Beisein von Jörn Hevendehl und Stephanie Holthaus.

Kermes räumte ein, dass es nach Sturm Frederike im Jahr 2018 viel Holz mit „Brutqualität“ gegeben habe und der Zeitpunkt vermutlich verpasst worden sei, mit aller Schärfe gegen die Käfer vorzugehen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibe: Laut Kermes dauere eine Käferperiode in der Regel vier Jahre – diese Zeit sei nun um. „Vielleicht haben wir Glück, dass ein paar Fichten überleben.“

Durch den Borkenkäferbefall und die damit einhergehenden Kahlschläge sei in den vergangenen Monaten sehr viel Holz auf den Markt gedrängt. Dabei ist die Exportmöglichkeit ein großes Glück: „Sonst hätten wir noch mehr Tränen in den Augen“, sagte Professor Dr. Michael Währisch, aus dem Beirat von WaldHolz Sauerland.

Rund die Hälfte des Exportholzes gehe nach China; mit deutlichem Abstand folgt Österreich und wiederum mit einigem Abstand Belgien. Wenn es die Exportmöglichkeit nicht geben würde, „hätten wir ein Riesenproblem“, so Währisch. Positiv hervorzuheben sei, dass sich der Exportpreis im Vergleich zum vergangenen Jahr deutlich verbessert habe. Auch die heimischen Sägewerke zahlen mehr, doch bei Weitem nicht so viel, wie beispielsweise die Chinesen. Zwar bestehe durchaus die Präferenz, deutsches Holz in Deutschland zu verarbeiten, doch letztendlich sei es eine Preisfrage, erklärte Währisch.

Aufforsten: Warnung vor Schnellschuss

Zudem machte er auf den enormen Unterschied zwischen Stamm- und Schnittholz aufmerksam. Während der Schnittholzbereich explodiere, sehe es beim Stammholz komplett anders aus: „Der Stammholzpreis hat vergleichsweise noch viel Luft nach oben.“

Eine Frage bleibt: Wenn alles Holz vermarktet ist, was machen wir dann? Die Antwort scheint so simpel: aufforsten. Klar, doch so einfach ist es nicht. „Ich warne davor, einen Schnellschuss zu machen und irgendetwas anzupflanzen“, warnte Rolf Brühne, Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft.

Bei Neupflanzungen gelte es nicht nur, die Klimaentwicklung im Auge zu haben, sondern auch die Bodenbeschaffenheit sowie die Hanglage. „Jeder muss sich mal ehrlich mit seinem Wald auseinandersetzen“, forderte Brühne.

Wohin mit all dem Holz? Der Parkplatz in Reblin wird als Lagerplatz genutzt.

Wer selbst die Lage nicht einschätzen könne, der solle unbedingt mit dem Förster sprechen oder sich an die Forstbetriebsgemeinschaft wenden. Zu diesem Zweck wurden zwei Arbeitsgruppen ins Leben gerufen, die den Waldbesitzern mit Rat und Tat zur Seite stehen sollen; unter anderem bei der Beantragung von Fördergeldern.

Dabei zeigt sich, wie komplex die Thematik ist, denn es gibt genaue Regeln, wer förderungsberechtigt ist, in welchem Ausmaß eine Förderung geschieht und was es zu beachten gilt. Für den einzelnen Waldbesitzer ein schier undurchdringlicher Auflagendschungel, der sich glücklich schätzen kann, auf die Hilfe der Forstbetriebsgemeinschaft zurückgreifen zu können.

Vorstandswechsel: Das ist die Neue

Aus persönlichen Gründen hat die langjährige Geschäftsführerin Christa Vidal ihr Amt niederlegt. Nachfolgerin ist seit dem 1. Februar Stephanie Holthaus, deren erste Monate nach eigener Aussage recht turbulent waren, doch mittlerweile laufe es ganz gut. „Zahlen rumschieben kann ich“, sagt die gelernte Sparkassenfachwirtin augenzwinkernd. Die Geschäfte der FBG führt sie auf Basis eines Minijobs.

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