Einblicke ins Landleben im frühen 20. Jahrhundert

Wenn Schulaufsätze Geschichte erzählen

Die junge Adele Grüber (vorne links mit Melkschemel und Eimer).
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Landleben zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Eigentlich zeigt das Foto die Familie Alberts aus Nieder-Holte. Zufällig ist die junge Adele Grüber (vorne links mit Melkschemel und Eimer) auch auf dem Foto.

Wie sah das Leben auf dem Land Anfang des 20. Jahrhunderts aus? Einen ungeschönten und sehr authentischen Einblick liefern die Schulaufsätze von Adele Grüber – ein historischer Schatz, der jetzt dem Heimat- und Geschichtsverein Herscheid zur Verfügung gestellt wurde.

Herscheid – Der Zahn der Zeit hat an den alten Schulheften genagt – ihr Inhalt bleibt dennoch von unschätzbarem Wert. Fast 30 Aufsätze in zwei Heften bieten besondere Einblicke in eine Lebenswelt, die heute so kaum noch vorstellbar ist. Teilweise handelt es sich dabei um allgemeine Themen wie beispielsweise „Was mir an dem Gedicht Sommernacht gefällt“. Einige der Aufsätze haben direkten Bezug zu Herscheid – ein Stück Heimatgeschichte.

Geschrieben wurden die Aufsätze von der am 8. Februar 1901 in Nieder-Holte geborenen Adele Grüber. Adele besuchte die Schule im Dorf Herscheid und sei, wie heute lebende Nachfahren berichten, sehr intelligent gewesen. Adeles Wunsch, Lehrerin zu werden, scheiterte an der Tatsache, dass die Eltern nicht die finanziellen Möglichkeiten hatten, um das damals noch übliche Schulgeld zu bezahlen. So blieb dieser Berufswunsch nur ein Traum.

Die Aufsätze von Adele Grüber erzählen nach mehr als 100 Jahren ein Stück Heimatgeschichte.

Stattdessen lernte Adele Grüber später Hauswirtschaft in Bad Oeynhausen und heiratete 1929 den am 7. Januar 1900 zu Hervel geborenen Landwirt Karl Kellermann. Gemeinsam mit ihrem Ehemann führte sie die Pension „Sommerfrische Herfel“, die schon zuvor von ihrem Schwiegervater Fritz Kellermann geführt worden war. 1988 starb Adele Kellermann, geborene Grüber, zwei Jahre nach ihrem Ehemann Karl.

Ihre Aufsätze, die sie im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren geschrieben hat, und die im Haus der Familie Kellermann die Zeit überstanden haben, bleiben jetzt im Spieker für die Nachwelt erhalten. Eine Auswahl daraus wird an dieser Stelle veröffentlicht. In dem ersten Aufsatz aus dieser Reihe mit dem Titel „Wie ich meiner Mutter im Haushalt helfe“, beschreibt die Zwölfjährige den damals typischen Tagesablauf eines Mädchens auf dem Land.

Historischer Schulaufsatz von Adele Grüber: Wie ich meiner Mutter im Haushalt helfe (Herscheid, 21. Mai 1913)

„Es gibt im Haus so viel zu tun den lieben langen Tag, die arme Mutter darf nicht ruhn, hat viele Müh und Plag“, so spricht der Dichter mit Recht.

Deshalb muß ich meiner Mutter den Tag über fleißig helfen. Ich will hier einen Nachmittag beschreiben. Als ich aus dem Unterricht nach Hause kam, machte ich zunächst meine Schulaufgaben und trank Kaffee. Als ich damit fertig war, ging es ans Arbeiten. Ich räumte zunächst das Kaffeegeschirr vom Tisch. Danach fegte ich die Küche aus und schaffte überall Ordnung.

Ferner mußte ich die Blumen begießen und an ein sonniges Fenster stellen. Als ich ein Weilchen draußen gewesen war und mich die Mutter wieder hereinrief, mußte ich Kartoffeln schälen. Hierauf machte ich das Feuer an. Nachher mußte ich die Hühner und das Vieh füttern.

Nachdem ich das alles getan hatte, fragte ich die Mutter, ob ich noch eine Zeit lang hinaus ins Freie gehen könnte. Sie willigte ein und mit Freuden lief ich hinaus, um den schönen Frühlingsabend im Kreise meiner Freundinnen zu verleben.“

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