„Ich hatte den Mut schon verloren“

Hinter Friseur Michael Bubert liegt ein kräftezehrender Existenzkampf

Suche nach einem freien Termin: Seitdem feststeht, dass Friseure ab dem 1. März wieder tätig sein dürfen, steht das Telefon von Michael Bubert selten still.
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Suche nach einem freien Termin: Seitdem feststeht, dass Friseure ab dem 1. März wieder tätig sein dürfen, steht das Telefon von Michael Bubert selten still.

Dem Telefon wird seit Tagen nur selten eine Verschnaufpause gegönnt. Die Anrufe der Kunden, die sich einen Termin zum Haareschneiden sichern wollen, reißen nicht ab. Die ersten drei März-Wochen bei Michael Bubert sind schon nahezu komplett ausgebucht.

Herscheid - „Wir freuen uns natürlich, dass es endlich wieder losgeht“, sagt der Herscheider. Hinter ihm liegen belastende, emotional aufreibende und extrem schwierige Tage. Begleitet von einem Gefühl der Hilflosigkeit musste er Mitte Dezember seinen Salon an der Plettenberger Straße schließen – der Corona-Lockdown führte ihn ungeschützt in einen zermürbenden Existenzkampf.

Hatte der Bund im Frühjahr 2020 noch unkomplizierte Soforthilfe geleistet, blieb finanzielle Unterstützung aus Berlin für den Selbstständigen aus Herscheid in diesem Jahr bislang aus. Von der Überbrückungshilfe III habe er noch nicht einen Cent gesehen.

Die große Leere

Seit Jahren habe er mit seinem Team im Gewinnbereich gearbeitet; der Betrieb lief blendend, sollte durch die Suche nach neuen Mitarbeitern sogar wachsen. „Bis zum 16. Dezember war ich schuldenfrei“, schildert Bubert die Situation, die sich von jetzt auf gleich änderte. Einnahmen fehlen seit zweieinhalb Monaten komplett, während Fixkosten für Miete und Strom bestehen blieben.

Für die beiden Mitarbeiterinnen beantragte Bubert Kurzarbeitergeld. Ein schwacher Trost, „schließlich trage ich für sie die Verantwortung“, sagt der Herscheider, dessen eigener Tagesablauf auf den Kopf gestellt wurde. Seitdem er mit 18 Jahren die Schulausbildung abgeschlossen hatte, war er es gewohnt, nahezu jeden Tag Frisuren zu gestalten. Die Ausführung dieser lieb gewonnenen Tätigkeit, aber insbesondere der Kontakt zu anderen Menschen wurde durch das Berufsverbot unmöglich.

Damit sich seine Kunden und seine Mitarbeiter in dem Friseursalon sicher fühlen, hat Michael Bubert einen Luftreiniger angeschafft.

Die finanziellen Sorgen wurden größer, die Bedenken wuchsen mit jeder Lockdown-Verlängerung. Bei ausgedehnten Spaziergängen versuchte der 56-Jährige, die negativen Gedanken zu verdrängen, doch diese kamen stets wieder zurück. „Ich hatte den Mut schon verloren“, gesteht Bubert.

Doch der digitale Austausch mit anderen Betroffenen stützte ihn: Innerhalb der Gruppe Intercoiffure Deutschland, die Bubert als große Friseurfamilie bezeichnet, fand er neue Motivation und Rat. Er nahm einen Kredit bei der KfW-Förderbank auf, um den Fortbestand seines kleinen Unternehmens zu sichern.

Kritik an der Politik

Der Beschluss auf Bund-Länder-Ebene, dass Friseursalons ab dem 1. März wieder öffnen dürfen, wirkte wie eine Erlösung. Seither ist Bubert regelmäßig in seinem Salon, um diesen auf den Wiederbeginn vorzubereiten.

Verständnis für den wochenlangen Lockdown habe er nicht: „Ich finde es bedenklich, die Wirtschaft auf Null zu fahren und auf diese Weise leichtfertig Existenzen zu vernichten.“ Darauf, dass in den Friseursalons die Hygienekonzepte konsequent eingehalten wurden, und auf regionale Entwicklungen der Pandemie sei keine Rücksicht genommen worden, kritisiert er. Öffnungen dort, wo es die Fallzahlen erlauben – dieser Ansatz sei nach Ansicht Buberts fatalerweise ignoriert worden.

Zusätzlicher Schutz

Ein Coronaleugner sei er nicht, betont er: „Aber wir müssen versuchen, mit dem Virus zu leben und das Beste aus der Situation zu machen.“ Bezogen auf seinen Friseursalon hat er die ohnehin bestehenden Schutzmaßnahmen – zu denen unter anderem die Händedesinfektion, Spritzschutzwände in Nasszonen und am Empfang sowie das Einhalten der Abstandsregeln zählen – noch ergänzt. Von einem Teil des Kreditgeldes hat Bubert einen großen Luftreiniger angeschafft.

Diese Maschine filtere Partikel mit einem Wirkungsgrad von über 99 Prozent aus der Luft. Eine Kaufpflicht für Geschäfte wie den Herscheider Friseursalon bestehe zwar nicht, aber „ich möchte, dass sich meine Kunden und Mitarbeiter hier wohlfühlen“, begründet der Inhaber diese Investition.

Ich finde es bedenklich, die Wirtschaft auf Null zu fahren.

Michael Bubert

Auf ihn und seine Kolleginnen warten ab dem 1. März ein prall gefüllter Terminkalender und somit jede Menge unfrisierte Köpfe. Der Arbeitsaufwand bedeute eine große Herausforderung. Doch Michael Bubert ist die Vorfreude darauf, dass wieder mehr Leben in seinem Salon herrscht, anzumerken.

Er hofft auf gut gelaunte Kunden und auf deren Verständnis, dass die Preise für seine Dienstleistung angehoben werden mussten. Ohne eine solche Anpassung wären die Corona-Einbußen nicht verschmerzbar, sagt Bubert, der sich nichts mehr wünscht, als dass die Zeiten der Corona-Einschränkungen für ihn, seinen Betrieb und seine Mitarbeiterinnen möglichst bald vorbei sind.

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