Brief an den Familienminister

Erzieherinnen wünschen sich mehr Sicherheit und rasches Impfen

Schnee und Sonnenschein lockten Kinder und Erzieherinnen am Donnerstag auf das winterliche Außengelände der Kita Arche Noah. Hier gibt Einrichtungsleiterin Sabine Neumann den Kindern in einer Nestschaukel Schwung.
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Schnee und Sonnenschein lockten Kinder und Erzieherinnen am Donnerstag auf das winterliche Außengelände der Kita Arche Noah. Hier gibt Einrichtungsleiterin Sabine Neumann den Kindern in einer Nestschaukel Schwung.

Geschlossen sind sie nicht, doch von einem Regelbetrieb sind sie weit entfernt. Die Situation in den Kindertagesstätten wird seit Wochen von Corona auf den Kopf gestellt und bedeutet für Erzieherinnen, Kinder und Eltern eine große Herausforderung. Ob sich durch neue Vorgaben der Landesregierung etwas ändern wird? In der Kita Hüinghausen ist man gespannt.

Herscheid - „Schwankend“, so fasst Sabine Neumann die Stimmung in der Kita Arche Noah zusammen. Eine Einschätzung, die die Einrichtungsleiterin beispielsweise auf die Anzahl der zu betreuenden Kinder bezieht: Am Donnerstag waren es 18 von insgesamt 41 Kindern. Doch tageweise sind es mal mehr, mal weniger Mädchen und Jungen – eben ganz so, wie der Bedarf bei den Eltern ist. Unverändert gilt der Appell der Landesregierung: Eltern sollen ihre Kinder – sofern möglich – zu Hause betreuen.

Die kleineren Gruppengrößen seien gut zu handhaben, erzählt Sabine Neumann. Jedoch sei die Arbeitsweise komplett anders: „Unsere offene Arbeit ist vorerst eingestampft.“ Aufteilung in zwei feste Gruppen, getrennte Eingänge, unterschiedliche Räume, ständiges Desinfizieren, verkürzte Betreuungszeiten – das seien die gravierendsten Unterschiede zum Schutz vor der Corona-Pandemie.

„Wann geht Corona endlich vorbei?“

Auch in Bezug auf die spürbaren seelischen Folgen spricht Sabine Neumann von einer „schwankenden Stimmung“ bei Klein und Groß. An manchen Tagen seien die Kinder fröhlich und vergnügt, um kurz darauf schwermütig zu wirken. Viele vermissen ihre Freunde, die zurzeit daheim betreut werden. „Wann geht Corona endlich vorbei?“, auf diese oft gestellte Frage der Kleinen wissen die Erzieherinnen keine Antwort.

Zumal auch das sechsköpfige Mitarbeiter-Team in der Arche Noah unter den Gegebenheiten leidet. Bei ihrer Arbeit in der Kita treffen die Erzieherinnen auf viele Kinder und somit Vertreter von mehreren Haushalten; im Privatleben sehen die Vorgaben der Regierung eine Kontaktbeschränkung auf maximal eine Person eines anderen Haushaltes vor.

Arbeit ohne Netz und doppelten Boden

Ein schwieriger Spagat für die Erzieherinnen, von denen einige der Corona-Risikogruppe angehören. Zudem warten daheim die eigenen Kinder oder die Eltern, die betreut werden. Entsprechend werde mancher Gang zur Kita begleitet von einem mulmigen Gefühl, gesteht Sabine Neumann: „Wir arbeiten hier ohne Netz und doppelten Boden.“ Im Umgang mit den Kindern tragen die Erzieherinnen keine Masken, lediglich wenn sie auf ihre Kolleginnen oder Eltern, die ihre Sprösslinge bringen oder abholen, treffen, dann sind die Masken Pflicht.

Welche Auswirkungen der Bund-Länder-Gipfel am Mittwoch sowie die Besprechungen auf Länderebene in Düsseldorf für die kleine Einrichtung haben werden, kann Sabine Neumann noch nicht abschätzen. Im Sinne der Kinder hofft sie jedoch, dass ihr Berufsstand in der Prioritätenliste der Politik weiter nach oben rutscht. 

Die Forderungen der heimischen Kitas

„Bildung um jeden Preis?“, unter dieser Überschrift haben die 49 Kindertagesstätten einen Brief an NRW-Familienminister Stamp geschrieben (wir berichteten). Darin beschreiben sie, wie sie die Vorgehensweise der Politik empfinden: „Wir fühlen uns ausgenutzt und wissentlich einer steigenden Gefahr ausgesetzt.“ Die Erzieherinnen verbinden den Brief mit folgenden Forderungen an die politischen Entscheidungsträger: vorzeitige Impfungen, regelmäßige Schnelltests direkt vor Ort (mindestens zweimal wöchentlich), regelmäßige kostenlose Versorgung mit FFP 2-Masken, Einsatz von Lüftungsanlagen in den Gruppenräumen, Anerkennung von Corona als Berufskrankheit, realistischer Blick auf die Situation in Kitas und nicht ein Blick, der rein wirtschaftlich oder politisch motiviert ist.

Genau deswegen hat die Einrichtungsleiterin einen Brief unterschrieben, den insgesamt 49 Kindertagesstätten unter Trägerschaft der Evangelischen Kirchenkreise Plettenberg-Lüdenscheid und Iserlohn an den NRW-Familienminister Dr. Joachim Stamp geschickt haben (auch das Herscheider Familienzentrum gehört zu den Unterzeichnern). „Mein Wunsch ist es, dass die Erzieherinnen möglichst schnell geimpft werden, dann können sie sicherer arbeiten und alle Kinder können wieder in die Einrichtungen kommen“, sagt Sabine Neumann. 

Verpasstes nachholen

Dass dies bislang noch nicht geschehen ist, sei bedauerlich. Die Kindertagesstätten seien der Elementarbereich des Bildungssystems, fristen aber in der öffentlichen Wahrnehmung oftmals eine Art Schattendasein: Doch bereits jetzt bleibe trotz aller Bemühungen von Eltern und Erzieherinnen – die über eine App in ständigem Kontakt stehen – einiges auf der Strecke. Wenn die Vorschulkinder wieder die Einrichtung besuchen, dann müssten sie „richtig ackern“, um Verpasstes nachzuholen, weiß Sabine Neumann.

Bis es so weit ist, versuchen sie und ihre Mitarbeiterinnen, den Kindern und auch sich selbst den Alltag so angenehm wie möglich zu gestalten. Damit verbindet die Einrichtungsleiterin eine wichtige Botschaft: „Wir sind unverändert dafür da, die Eltern zu unterstützen.“ 

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