„Habe ich oft genug meine Hände gewaschen?“ 

Erfahrungsbericht Corona-Schnelltest: 15 Minuten banges Warten

Der Schnelltest trägt seinen Namen zurecht: Der Rachenabstrich, den Pflegedienstleiterin Daniela Böhme mit einem Wattestäbchen bei Dirk Grein entnimmt, dauert nur wenige Sekunden.
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Der Schnelltest trägt seinen Namen zurecht: Der Rachenabstrich, den Pflegedienstleiterin Daniela Böhme mit einem Wattestäbchen bei Dirk Grein entnimmt, dauert nur wenige Sekunden.

Dieser Pressetermin bringt mich ins Grübeln: Seit Wochenbeginn können im Herscheider Seniorenzentrum Corona-Schnelltests eingesetzt werden. Darüber möchte ich berichten und die Einrichtungsleitung bietet mir einen Selbstversuch an. Ich willige ein.

Der erste Schritt

Herscheid - Die Bilder von den Testungen sind mir bekannt: Menschen in Schutzkleidung, die anderen Personen mit einem langen Stäbchen in Mund oder Nase Abstriche entnehmen. Von Bekannten, die diese Prozedur bereits über sich haben ergehen lassen, weiß ich, dass dieser Vorgang recht unangenehm ist.

Dass ich mir mehr Gedanken darüber mache, als gedacht, bemerke ich, als Heimleiterin Anke Dahlhaus die Eingangstür zum Seniorenzentrum öffnet und mir die Frage stellt: „Haben Sie eine Maske dabei?“ Natürlich habe ich eine mitgenommen, aber weil sich in meinem Kopf alles um den Test und dessen Ergebnis dreht, hatte ich völlig vergessen, diese aufzusetzen. Also Mundschutz aufsetzen – und es kann losgehen, fast.

Die Vorbereitung

Denn zunächst stehen noch drei Hindernisse vor mir: Nach dem Desinfizieren meiner Hände trage ich mich zunächst in eine Besucherliste ein. „Und dann wäre da noch dieses Papier“, sagt Anke Dahlhaus und zeigt mir die Einwilligung für den Schnelltest. Dieser erfolgt auf freiwilliger Basis: Mitarbeitern, Bewohnern und Besuchern ist es freigestellt, sich dieser Testung zu unterziehen. Auch ohne diesen zusätzlichen Sicherheitsnachweis könnten Angehörige also die Einrichtung (nach vorheriger Anmeldung) betreten.

Für mich stellt sich die Frage indes nicht: Ich unterschreibe die Einwilligung und folge Anke Dahlhaus in den Kellerbereich und dort ins Bistro. Weil dieses wegen Corona zurzeit nicht für Besucher oder größere Veranstaltungen nutzbar ist, wird es ab sofort umfunktioniert zum Testraum.

Das Stäbchen im Mund

Dort wartet bereits Pflegedienstleiterin Daniela Böhme auf uns. Sie zählt zu dem Kreis der Fachkräfte, die durch Allgemeinmedizinerin Jutta Jacques eine Einweisung zur Durchführung des Schnelltests erhalten haben.

Gekleidet ist sie in einen weißen Schutzkittel, sie trägt eine Schutzbrille, eine Atemschutzmaske und blaue Einweghandschuhe. „Nehmen Sie doch bitte Platz“, sagt Daniela Böhme, und irgendwie fühle ich mich ein wenig wie in einer Arztpraxis. Der Aufforderung, einmal zu husten, bevor ich die Maske absetze, komme ich nach – auch wenn sich mir der Sinn nicht erschließt. Dies sei eine Empfehlung des Gesundheitsamtes, erzählt Daniela Böhme.

Lange Zeit, um darüber nachzudenken, bleibt nicht. Denn schon nähert sich mir die Pflegedienstleiterin mit einem langen Wattestäbchen und bittet mich, den Mund zu öffnen. Während ich mich noch frage, ob man ein solches Stäbchen wohl verschlucken könnte, spüre ich den Wattebausch schon in meinem Rachenbereich.

Und wie erwartet: Angenehm fühlt es sich nicht an, automatisch möchte man schlucken. Genau das kann ich wenige Sekunden später auch machen – denn der Abstrich geht schnell. „Das war es schon“, bestätigt Daniela Böhme.

Das Warten beginnt

Das war, so stellt sich bald heraus, der planbare Teil. Mein auf dem Stäbchen sitzender Speichel wird nun in einem kleinen Fläschen mit einer Lösung vermengt. Dieser Vorgang dauert knapp zwei Minuten. Wie mir Anke Dahlhaus in der Zwischenzeit erklärt, hat dieser PoC-Antigen-Test einen Vorteil gegenüber den Testungen, die etwa in Arztpraxen möglich sind: Für das Ergebnis muss die Speichelprobe nicht in ein Labor geschickt werden; das Ergebnis liegt nach kurzer Wartezeit direkt vor.

Die Kehrseite der Medaille: Diese Art von Testung ist im Vergleich nicht so zuverlässig wie etwa die PCR-Tests, bei denen die Ergebnisse frühestens nach 24 Stunden feststehen. Die Einrichtungsleiterin gesteht, dass sie verunsichert ist. Obwohl das Schutzkonzept im Seniorenzentrum funktioniert und das nun bereits seit dem ersten Lockdown im Frühjahr: Nur ein positives Ergebnis könnte das Stimmungsbild in der Öffentlichkeit ändern – und das, obwohl Bewohner und Mitarbeiter sich bislang vorbildlich verhalten.

„Wir sind in dieser Situation sogar alle noch ein Stück weiter zusammengewachsen“, erzählt Anke Dahlhaus. Als Beispiel nennt sie die Küchenmitarbeiter, die sich immer wieder neue Dinge einfallen lassen, um den Senioren mit kulinarischen Überraschungen etwas Gutes zu tun. Vielleicht, so hofft die Einrichtungsleiterin, können die Schnelltests ja dazu beitragen, dieses vorbildliche Benehmen zu unterstreichen.

Speichelprobe und Lösung haben sich in einem kleinen Fläschchen verbunden. Einige Tröpfchen davon werden auf das Testfeld gegeben – dann beginnt das Warten.

Striche entscheiden

Daniela Böhme träufelt derweil die Speichel-Lösung-Mischung, die sich inzwischen ausreichend verbunden hat, aus einem Fläschchen auf das kleine Testfeld. Dieses funktioniere ähnlich wie ein Schwangerschaftstest. Ein Strich beim „C“ bedeutet das Ergebnis ist negativ, ein zweiter Strich beim Buchstaben „T“ bedeutet positiv, und ein Strich nur bei „T“ würde bedeuten, der Test hat nicht funktioniert.

Doch bis diese entscheidenden Striche auf dem Testfeld zu sehen sind, dauert es nun weitere 15 Minuten – und die können ganz schön lang sein. In der Summe bedeuten sie einen großen zusätzlichen Aufwand für das Seniorenzentrum: Vorgesehen ist, dass allen 95 Mitarbeitern sowie den 60 Bewohnern einmal pro Woche ein solcher Test angeboten wird. In der Summe sind das allein mehr als 700 Tests pro Monat. Hinzu kommen noch mögliche Tests bei Besuchern.

„Wir haben unsere Wohnbereichsleiterinnen pro Woche für einen Tag freigestellt, um diese Tests leisten zu können“, erzählt Daniela Böhme. Zu diesem Faktor Zeit gesellen sich weitere Aufgaben: Die unterschriebenen Einwilligungserklärungen etwa müssen vier Jahre lang aufbewahrt werden. Hinzu kommen zahlreiche Gespräche mit Angehörigen, die nicht alle Verständnis für Besuchsregeln oder Tests zeigen.

Nicht zu unterschätzen: die psychische Belastung. Am Freitag gaben Gesundheitsamt und Heimaufsicht (WTG-Behörde) grünes Licht für das Konzept des Seniorenzentrums, Montag begannen die Tests. Doch auch am Wochenende habe sie dieses Thema nicht losgelassen, erzählt die Pflegedienstleiterin. Entsprechend froh sei sie, dass die ersten Tests ohne Probleme verlaufen.

Anspannung wächst

Bei einem positiven Ergebnis sei die Vorgehensweise genau vorgegeben: Der Getestete muss dann umgehend die Einrichtung verlassen, sich in häusliche Quarantäne begeben und Kontakt zu seinem Hausarzt aufnehmen. Das Seniorenzentrum muss einen positiven Test an das Gesundheitsamt melden.

Spätestens jetzt erwische ich mich dabei, wie meine Gedanken abschweifen: Wen müsste ich informieren, falls mein Test positiv ausfällt? Wer waren meine Kontaktpersonen in den letzten Tagen? Habe ich oft genug meine Hände gewaschen? Und warum sind 15 Minuten Wartezeit so lange?

Ein Strich bei „C“ – das bedeutet, dass das Testergebnis negativ ausfällt.

Das Ergebnis

Meine Anspannung weicht erst, als Daniela Böhme nach einer Viertelstunde das Testfeld betrachtet: Dort ist ein Strich bei „C“ zu sehen. „Das sieht ziemlich negativ aus“, sagt die Pflegedienstleiterin und ich atme tief durch. Teststreifen und weitere Gebrauchsmaterialien werden in einen verschließbaren Kanister gelegt, Handschuhe gewechselt und der Testraum für die nächste Runde vorbereitet. Ich selbst bin erleichtert und verlasse das Bistro mit einem guten Gefühl. Der Test – wie zuverlässig er auch immer sein mag – gibt mir ein bisschen mehr Sicherheit in dieser unsicheren Zeit.

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