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Ein Jahr nach der Flut: Die Angst vorm nächsten Gewitter

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Von: Johannes Opfermann

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Die unterspülten Ufermauern am Grundstück von Frank-Peter und Birgit Neumann schweben einen halben Meter in der Luft. Denn so stark hat sich das Bachbett nach der Flut von 2021 abgesenkt.
Die unterspülten Ufermauern am Grundstück von Frank-Peter und Birgit Neumann schweben einen halben Meter in der Luft. Denn so stark hat sich das Bachbett nach der Flut von 2021 abgesenkt. © Opfermann, Johannes

Als vor einem Jahr die Flutwelle das Tal der Schwarzen Ahe hinunterrollte, ging alles ganz schnell: Ufermauern wurden unterspült, die kompletten Grundstücke überflutet. Seitdem geht es aus Sicht der betroffenen Anwohner langsam bis überhaupt nicht voran.

Herscheid – „Man fühlt sich ziemlich im Stich gelassen“, sagt Birgit Neumann, die mit ihrem Mann Frank-Peter und ihrer Mutter in einem Haus nahe am Ahebach wohnt. Als am 14. Juli 2021 das Wasser heranrauschte, habe man gar nicht schnell genug reagieren können. „Es ging innerhalb von Minuten“, berichtet sie. „Wir hatten gar kein Grundstück mehr, alles stand unter Wasser.“

Immerhin habe die Nachbarschaftshilfe toll geklappt. Man half sich gegenseitig mit Sandsäcken aus, stopfte hinterher Erde in Müllsäcke, um die Flut aufzuhalten.

Auch Joanna Kulik-Sawko, die mit Mann Adam und zwei Kindern – mit dem zweiten war sie zum Zeitpunkt der Flut hochschwanger – einige Häuser weiter direkt gegenüber vom Ahehammer wohnt, erinnert sich: „Es war katastrophal.“ Die Unwetterwarnung hatten sie unterschätzt: „Was soll bei so einem kleinen Bach schon passieren?“

Die Schwarze Ahe überspülte 2021 das ganze Grundstück der Neumanns.
Die Schwarze Ahe überspülte 2021 das ganze Grundstück der Neumanns. © Neumann

Teile des Grundstücks weggerissen

Das Haus an der Landstraße 879 war nicht direkt von den Wassermassen bedroht, aber die Garage und der gepflasterte Vorplatz auf der anderen Straßenseite. Dort bildete sich ein Wirbel, das Wasser fraß sich ins Ufer. „Mehr als zehn Quadratmeter von unserem Grundstück wurden weggerissen“, berichtet Kulik-Sawko. Und damit Teile der Ufermauer. Mit einer Barriere aus Gartenbausteinen sicherte man die Garage ab.

Nach der Flut kam das Aufräumen. Die Neumanns mussten in langwieriger und ekliger Arbeit den stinkenden Schlamm entfernen – die Flut hatte Fäkalien und alles Mögliche in die Häuser getragen.

Viel größer war und ist bei den Neumanns aber die die Sorge um Garage und Wintergarten, die auf den Stützmauern direkt am Bach stehen. „Die Bachmauern hängen da jetzt frei“, sagt Frank-Peter Neumann. „Weil sich das Bachbett um 50 Zentimeter gesenkt hat, haben wir Angst, dass uns die Bachmauern abhauen.“ In den Mauern zeigen sich einige große Risse.

Mit diesem Problem ist die Familie nicht allein. „Auf dem kompletten Abschnitt ist bisher noch gar nichts gemacht worden und man hat Angst vor dem nächsten Sommergewitter“, sagt Birgit Neumann. Nach der Flut war viel von Ausweichmöglichkeiten für das Wasser die Rede, aber solche Schutzmaßnahmen hätte man schon vorher treffen können, wenn nicht müssen.

Auch Adam Kulik blickt mit Sorge auf die ausgewaschenen und unterspülten Befestigungen an seinem Grundstück. „Beim nächsten Hochwasser werden die großen Betonblöcke wegbrechen“, sagt er. Die im letzten Jahr abgebrochenen Teile davon und weiteres Geröll hat der Bach bis unter die Brücke zum Ahehammer getragen. „In jeder Kurve liegt Geröll. Wenn in Zukunft noch einmal so eine Flut kommt, wird das Wasser noch unkontrollierter fließen.“

Mehr als zehn Quadratmeter von dem Grundstück hat der Bach im vorigen Jahr fortgerissen.
Mehr als zehn Quadratmeter von dem Grundstück hat der Bach im vorigen Jahr fortgerissen. © Opfermann, Johannes

Dass Vertreter von Kreis und Unterer Wasserbehörde darauf verweisen, man hätte gar nicht so nah am Bach bauen dürfen oder dass für manche Bauten gar keine Genehmigung vorliegt, ärgert die Anwohner. „Hier ist nichts schwarz gebaut worden. Die Häuser, die hier Anfang der 70er Jahre errichtet wurden, hatten alle eine Genehmigung“, widerspricht Birgit Neumann. Da sie wie die meisten keine Elementarschadenversicherung hatte – die sei unbezahlbar – habe man bisher nur Kleinigkeiten selbst wiederhergestellt. Am Bach und den Mauern hat sich noch nichts getan.

Streit um die Zuständigkeiten

Die Streitfrage ist, wer die Kosten übernimmt. „Es sind ja nicht unsere Mauern weggebrochen, sondern der Untergrund darunter, das Bachbett, ist weggespült worden – und das gehört der Gemeinde“, meint Birgit Neumann, die außerdem die Unterstützung der Gemeinde bei der Wiederaufbauhilfe vermisst.

„Es wurde nach außen so dargestellt, dass mit allen Betroffenen persönlich gesprochen und bei der Antragstellung geholfen wird, aber das ist nicht wahr“, sagt Birgit Neumann. Bis zur Antragstellung sei es nie gekommen. Vielmehr habe man sich selbst darum kümmern müssen, Angebote einzuholen.

Andreas Voit, bei der Gemeinde Sonderbeauftragter für Hochwasser und Flutereignisse, betont, dass sich schon viele Bürger an ihn gewandt hätten, bei denen er Schäden begutachtet und bei der Antragstellung geholfen habe. Auch Bürgern in der Schwarzen Ahe habe man versucht zu helfen. Den eigentlichen Antrag für Soforthilfen, bei denen das Land 80 Prozent der Kosten trägt, müssten die Betroffenen aber selbst stellen. Doch nicht alles sei genehmigungsfähig. „Die Leute vergessen häufig, dass Maßnahmen an Gewässern mit der Unteren Wasserbehörde abgestimmt werden müssen.“ Wo Leute die Maßnahmen abgestimmt hätten, seien auch die Zuschüsse bewilligt worden.

Für das Ehepaar Kulik-Sawko stellt sich die Lage anders dar: Ungeklärte Zuständigkeiten zwischen Gemeinde und Wasserbehörde, schlechte Kommunikation, fehlende Dokumentationen von Begehungen – es kommt viel zusammen. „Es ist das totale Chaos, deswegen haben wir jetzt auch einen Anwalt eingeschaltet“, sagt Adam Kulik. Ehefrau Joanna ergänzt: „Man fühlt sich wie vor einem Jahr – im Regen stehen gelassen.“

Die Neumanns holten ein Angebot ein, um den Uferabschnitt der Schwarzen Ahe von den Häusern 11 bis 18 zu befestigen, das allerdings abgelehnt wurde. „Die Idee war, mit Spritzbeton zu arbeiten“, sagt Frank-Peter Neumann. 325 000 Euro hätte es gekostet. Auch bei einer 80-prozentigen Förderung privater Flutschäden bliebe immer noch eine beträchtliche Summe, die die Anwohner aufbringen müssten.

Das Hin und Her mit den Behörden hat Adam Kulik und Joanna Kulik-Sawko viele Nerven gekostet.
Das Hin und Her mit den Behörden hat Adam Kulik und Joanna Kulik-Sawko viele Nerven gekostet. © Opfermann, Johannes

Das Angebot beinhaltete, nicht nur die Mauern mit Beton zu unterspritzen. Es wären auch 90 Anker in den Boden gesetzt worden, was in dem Lehmboden aber ohnehin schwierig geworden wäre, so Neumann. Zudem wäre das Bachbett durch einen Meter schmaler geworden. „Aber wo soll das Wasser dann hin? Das ist ja auch nicht erstrebenswert“, meint Birgit Neumann. Gemeinde und Untere Wasserbehörde hatten ebenfalls erhebliche Bedenken.

Bach durch Rückbau mehr Raum geben

Aus Sicht von Andreas Voit wäre ein Projekt in solchen Dimensionen, für das auch ein langwieriges Planfeststellungsverfahren nötig gewesen wäre, nicht machbar: „Man kann doch heute keine Bäche mehr zubetonieren.“ Die ganze Schwarze Ahe sei mit Mauern zugebaut worden, sagt er: „Man muss dem Bach mehr Raum geben.“ Dafür müsste eigentlich eher zurückgebaut werden. Das wurde den Anwohnern auch schon bei früheren Ortsterminen empfohlen. Solche Vorschläge würden jedoch bedeuten, Bauten wie Garagen und Wintergärten gleich mit abzureißen.

Befestigungen des Ufers im Rahmen der Soforthilfe wären in Abstimmung mit der Unteren Wasserbehörde durchaus machbar gewesen, ist Voit sich jedoch sicher: „Man hätte über Einzelmaßnahmen im kleinen Rahmen reden können, die das Gewässer nicht beeinträchtigen.“

Eine Einzelmaßnahme, die Familie Kulik-Sawko vorgeschlagen wurde, sei aber ausgeschlagen worden. Die Gemeinde wäre für den unteren Teil des Ufers aufgekommen, die Kuliks für die – aus Sicht der Wasserbehörde unberechtigt erhöhten – Mauern darüber. Die Teilung der Kosten mit der Gemeinde zu je 50 Prozent war für die Kuliks aber nicht akzeptabel. Laut Voit hätte aber auch der private 50-Prozent-Anteil, wenn das Projekt zuschussfähig und genehmigt worden wäre, zu 80 Prozent gefördert werden können.

Trotzdem sieht sich das Ehepaar Kulik, auch nach anwaltlicher Beratung, gegenüber der Gemeinde im Recht, die für die Wiederherstellung der Uferbefestigungen komplett aufkommen müsse. Sie stellen sich auf einen Rechtsstreit von fünf bis sechs Jahren ein, den sie allerdings mit möglichst viel Gelassenheit angehen. Denn Aufregung haben sie nach dem vielen Hin und Her mit den Behörden im vergangenen Jahr schon genug gehabt, sagt Joanna Kulik-Sawko: „Es hat viele Nerven gekostet. Es dreht sich immer im Kreis, weil man den Ball immer wieder zurückgespielt bekommt.“ Doch erst einmal hängen sie wie andere betroffene Nachbarn – und die unterspülten Ufermauern – weiter in der Luft.

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