Gerichtsverhandlung vor dem Landgericht Hagen, dritter Tag

Ermittler berichten von einem Drogenlabor wie bei „Graf Koks“

Im Oktober vergangenen Jahres drangen Ermittler der Polizei in die Wohnung an der Hohle Straße ein und sicherten Beweise aus der Drogenküche.
+
Im Oktober vergangenen Jahres drangen Ermittler der Polizei in die Wohnung an der Hohle Straße ein und sicherten Beweise aus der Drogenküche.

Fünf Jahre Mindeststrafe sieht das Strafgesetzbuch für den bewaffneten Handel mit einer nicht geringen Menge Betäubungsmitteln vor. Es ist deshalb mehr als nachvollziehbar, dass eine derartige Strafandrohung den 27-jährigen Angeklagten zutiefst beunruhigt, der in einer Wohnung in Herscheid rund 16 Kilogramm Amphetamin-Paste hergestellt hat.

Herscheid / Hagen - Grund für die Anklage eines „bewaffneten Handels mit Betäubungsmitteln“ ist eine Zwille – ein zwischen den Ästen eines Ypsilons aufgespanntes Gummiband, mit dem man Stahlkugeln verschießen kann. Hatte diese „Waffe“, die die Polizei bei der Durchsuchung der Herscheider Amphetamin-Produktionsstätte in einer Kiste fand, etwas mit den dort produzierten und gehorteten Drogen zu tun?

Der Angeklagte verneinte dies nachdrücklich und zeigte sich betroffen von der Vermutung, er würde zur Verteidigung der Drogen gegebenenfalls die Verletzung anderer Menschen in Kauf nehmen. „Die Zwille brennt mir auf der Seele“, erklärte er in seinem Geständnis und meinte damit auch die erhebliche Strafdrohung. Für alles andere übernehme er die Verantwortung. Die Zwille sei ein Geschenk gewesen und habe absolut nichts mit den Drogen zu tun gehabt.

Die Ermittler fanden die Zwille in einer Kiste mit gemischtem Hausrat, in der sich auch Kopfhörer befanden. Doch wo fanden sie die 15 Stahlkugeln, die aus der Zwille erst eine Waffe machen würden?

Auf diese Frage konnten im Landgericht zahlreiche Polizeizeugen keine Antwort geben: Jener Beamte, der die Zwille sicherstellte, konnte sich nicht daran erinnern, dass er in derselben Kiste auch Stahlkugeln gefunden hatte. Er vermutete, dass ihm die „Munition“ aufgefallen wäre, wenn sie dabei gewesen wäre. Auch von den anderen Zeugen konnte niemand das Gericht über die Herkunft dieser 15 Kugeln aufklären, die zusammen mit der Zwille immer mal wieder auf dem Richtertisch auftauchten.

Bushido und Uno

Kurios ist diese Ratlosigkeit deshalb, weil die Beamten ihre Arbeit bei der Durchsuchung ansonsten äußerst sorgfältig durchführten: Ein ganzes Fotoalbum illustrierte die Situation in der Wohnung an der Hohle Straße – von der Bushido-Album-Hülle, die ein Amphetamin-Paket enthielt, bis zum Uno-Spiel, auf dessen Hülle eine Telefonnummer notiert war. Namens- und Schuldnerlisten mit teilweise hohen dreistelligen Beträgen legten Spuren in Richtung Attendorn und Kierspe. Dazu kamen im Kühl- und Gefrierschrank weitere abgepackte Pakete mit Amphetamin.

Sichergestellt wurden auch die Geräte und Zutaten der Amphetamin-Küche, deren chemischer Produktionsprozess weniger durch Kochen, als vielmehr intensives kaltes Rühren in Gang gebracht wird: Kartoffelstampfer, Sieb, Trichter, zahlreiche Eimer, eine Fantaflasche mit Amphetamin-Öl und Batteriesäure wurden entdeckt.

Einer der Ermittler berichtete, dass sich in den vergangenen Monaten in seinem Zuständigkeitsbereich der Trend zur eigenen Amphetamin-Küche deutlich verstärkt habe. Die in der Herscheider Wohnung gefundenen 16 Kilogramm seien dennoch ein „immens hohes Gewicht“.

Kein Drogenhandel?

Ein Kollege pflichtete ihm bei: „Wir waren überrascht von der Menge des Betäubungsmittels.“ Dieser Zeuge wies auch auf ein Foto aus der Wohnung hin, das den Angeklagten an einem Tisch mit Bündeln von Geldscheinen zeigte. „Früher hätte man gesagt: ‘Wie Graf Koks’.“

Das Bild will nicht so recht passen zu den Angaben des Angeklagten, dass er mit dem Drogenhandel nie das große Geld machen wollte und erhebliche Schulden habe. Durch seinen langjährigen Drogenbedarf hatte er allerdings auch ein schwarzes Loch in seiner Nähe, das bis zum Zeitpunkt der Eigenproduktion ganz viel Geld auffraß.

So verliefen die bisherigen Verhandlungstage.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare